mz_logo

Regensburg
Sonntag, 23. September 2018 24° 7

Gastronomie

Der Jugendstil der Unterhaltung

Das „Café Fürstenhof“ war eine Klasse für sich. In diesem Schmuckstück spielten bis 1991 internationale Kapellen auf.
Von Helmut Wanner, MZ

Hier spielt eine internationale Tanzkapelle: Das Café Fürstenhof wurde von Joseph Koch 1911 ausdrücklich als Haus der Unterhaltung gebaut. Foto: Wanner
Hier spielt eine internationale Tanzkapelle: Das Café Fürstenhof wurde von Joseph Koch 1911 ausdrücklich als Haus der Unterhaltung gebaut. Foto: Wanner

Regensburg.Den englischen König hat Oberkellner Karl im Fürstenhof nicht bedient, aber Paps Graf, den Narragonen-König, die reichen Viehhändler, die windigen Vertreter, die besseren Ladenschwengel, die gut eingesäumten Regensburger Geschäftsleute und die Strizzis, die sich mit ihrem Wettgewinn vom Rennplatz einen „Bocksbeutel mit Musik“ leisteten. Im Fürstenhof! Das war schon was von 1911 bis 1991. Jahn-Trainer Bimbo Binder kam täglich zum Billard. Am Ende war es das letzte Tanz-Café Regensburgs mit Live-Musik.

Es herrschte eine außergewöhnliche Atmosphäre im Café in der Maxstraße 4: Das lag am Haus, an der Kleiderordnung und am eleganten Herrn Karl, dem Ober-Ministranten des Genusses. Karl stammte aus Reinhausen und galt als Weltmann, weil er im „Hotel Weidenhof“ gelernt hatte.

Oberkellner Karl wusste alles

Herr Karl war schon immer da. Hans Häusler hatte den Mann in Frack und Mascherl von Onkel Ludwig übernommen. So nannte seine Frau Annemie den kinderlosen Herrn Casari, der sie als dreijähriges Mädchen adoptiert hatte. Mit dem Herrn Karl vom Onkel Ludwig sind die Häuslers 1991 in Rente gegangen. Der Ober Karl wusste, wann welcher Gast eintraf und wo er zu sitzen wünschte. „Die Damen, die ohne Begleitung kamen, hat er zu ihrem Platz gebracht“, erinnert sich Häusler, der letzte Pächter vom Fürstenhof, der dessen Glanzzeiten erlebte.

Das einzige Kaffeehaus mit Tanzkapelle

„Es war die Zeit, als in Regensburg sogar das Nachtleben wohlgeordnet war“, formuliert Jupp Titz, Chefredakteur in Ruhe. Für den „Woche“-Mann war der Fürstenhof „der Schützengraben der Unterhaltung“. Hier ging er am Mittwoch, nach der Arbeit am „Woche“-Produkt, bis morgens um 4 Uhr in Stellung. Nach dem Krieg war der Fürstenhof Offizierskasino der US-Streitkräfte. Ludwig Casari war von der Militärregierung angestellt. 1947 wurde das Café zurückgegeben.

Trotz aktuellen Leerstands im Parterre: Das Fürstenhof ist auch heute noch ein Kleinod. Selbst die entsetzlichen Monate als Ein-Euro-Laden konnten dieses Schmuckkästchen nicht entwerten. Im ersten Stock führt Pächter Krasniqui heute „das schönste Wiener Kaffeehaus der Stadt“, meint Hans Häusler. Es ist gut besucht von einer Generation, die noch ohne Smartphones aufgewachsen ist, also „Zeit hat, wirklich Gesellschaft zu bilden und zu pflegen“, so Häusler.

Gebaut vom Synagogen-Architekten

Der Architekt der Regensburger Synagoge, Joseph Koch (1875 bis 1934), hat mit dem Haus Fürstenhof das schönste durchgängig im Jugendstil gebaute Haus gebaut, das die Maxstraße je hatte. Die kaisergelbe Fassade ist im Mittelteil eingezogen. Otto Zacharias hatte die Innenwände mit Motiven des immerwährenden Reichstags gestaltet. Das Straubinger Gastronomen-Paar Zita und Ludwig Casari, das aus Meran stammte, trat in den 30er-Jahren die Nachfolge des Hans Förster an. Der war der erste Pächter.

Im Keller war eine komplette Konditorei samt Eismaschine eingerichtet. Jedes Stockwerk darüber diente der Unterhaltung: Das Parterre war zu Beginn als Konzert-Restaurant ausgelegt, ehe es zum Konzert-Café wurde. Im ersten Stock, zu dem noch heute eine separate rote Steintreppe führt, befand sich das „Wiener Kaffeehaus“ samt Billardtischen und Schachbrettern. Der Grüne Salon im Stock darüber hatte Nischen. Dorthin konnten sich die Herren mit Zigarren und Zeitungen zum Lesen zurückziehen.

Unterm Dach schliefen die Künstler. Die Combos hatten Verträge von vier Wochen. Bevor Hans Häusler unterschrieb, hörte er sich die Bands an, auf Demobänder setzte er nicht. Häusler fuhr mit dem Auto hin und wieder zurück, sei es ins Café National in Singen, sei es in den Gutshof in Stuttgart. Übernachtet hat er nie. Die Häuslers führten die Unterhaltungs-Geschäfte mit Haltung: Und immer noch brüht Annemie Häusler den Kaffee von Rehorik und serviert das Wasser im geschliffenen Bleikristall. Und immer noch sind die Zwei zusammen. Im Fürstenhof stand Annemie am Buffet. Der Passauer Brauer Hans setzte sich so, dass er zu ihr Blickkontakt hatte. Er bestellte einen Bocksbeutel. Das machte Eindruck. „War ja nicht billig damals“, sagt sie. Es hat gefunkt.

Nach einem jahrzehntelangen Nachtleben essen Annemie und Hans Häusler auch heute nie zu Mittag. Der Fürstenhof hat sie geprägt. Vor 56 Jahren hatten sie den Fürstenhof übernommen, vor 55 Jahren sind sie in den dritten Stock der Von-der-Tannstraße gezogen. Das Nachtleben hat das Paar überraschend frisch gehalten. 100 Stufen hoch und 100 Stufen runter geht es treppab, treppauf – und das jeden Mittwoch und Freitag, wenn sie mit 80 und 84 Jahren zu ihrem Stammtisch ins „Moritz“ gehen. Sie lieben Gesellschaft. Ihren Oberkellner vermissen sie dort. Herr Karl ist im Kaffee-Himmel, er bedient den englischen König.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht