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Ausbildung

Der konsonante Klang eines Knabenchor-Ks

Führungen durchs Haus, Chorprobe und Vorsingen: Die Domspatzen werben angesichts rückläufiger Anmeldungen für ihre Schule.
Von Christine Straßer, MZ

Eine öffentliche Chorprobe gab einen Einblick, wie Domkapellmeister Roland Büchner mit seinen „Männern“ arbeitet.
Eine öffentliche Chorprobe gab einen Einblick, wie Domkapellmeister Roland Büchner mit seinen „Männern“ arbeitet. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Louis streckt sich, stellt sich bis auf die Zehenspitzen. Der Neunjährige im dunkelblauen Kapuzenpulli steht hinter einer Fotowand in der Domspatzen-Schule. Das Bild zeigt zwei Domspatzen in roten Kleidern mit weißem Umhang, wie sie die Knabenstimmen jeden Sonntag beim Hochamt im Dom tragen. Dort, wo bei einem der Buben eigentlich ein Kopf sein müsste, ist ein Loch in die Wand geschnitten. Louis möchte durchsehen, damit seine Mama Alexandra Sperber ein Bild machen kann, das zeigt, wie das einmal aussehen könnte, wenn er selbst ein Domspatz ist.

Am Samstag sollte sich erweisen, ob Louis das Zeug hat, um in dem weltberühmten Regensburger Chor mitzusingen. Die Domspatzen luden zum Tag der offenen Tür ins Gymnasium und Internat. Knapp 100 Eltern und ihre Buben bekamen im Wolfgang-Saal zunächst einen Eindruck davon, wie die Profis im Konzertchor mit Domkapellmeister Roland Büchner proben.

Klicken Sie auf die Bildergalerie und sehen Sie viele Fotos vom Tag der offenen Tür bei den Domspatzen!

Tag der offenen Tür bei den Domspatzen

Schwungvoller Wechsel

Schwungvoll und doch konzentriert läuft diese öffentliche Chorprobe ab. In der guten halben Stunde wechseln Büchner und seine „Männer“, wie er seine Sänger anspricht, fünf Mal die Notenblätter. Büchner lässt Textzeilen wiederholen, wenn „ein komischer Verzögerer“ drin ist oder Silben verschluckt werden. Er geht sicher, dass die Sänger verstanden haben, was er von ihnen hören will. Er führt den Klang zusammen. Die Sopranstimmen beginnen, dann kommen Alt, Tenor und Bass dazu. Eintönigkeit kommt nie auf. Auch weil Büchner flugs von einem Lied zum nächsten wechselt, wenn er merkt, dass die Konzentration schwindet. Bei „The Lion Sleeps Tonight“ sollen die Sänger „cool sein“. Bei „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ will Büchner ein schnelles M hören vor dem Wechsel in den Vokal. Und in der Textzeile „Wenn i komm, wenn i komm“ ein „konsonantes Knabenchor-K“.

Ein mehrstimmiger Klangkörper erfüllt den Saal. Die Zuhörer lauschen gebannt und still. Seit mehr als 1000 Jahren erfreut der Gesang der Domspatzen die Regensburger. Auf Konzertreisen trägt der Chor auch ein gutes Image der Stadt in alle Welt. Doch die Zahl der Schüler ist in den vergangenen Jahre geschrumpft. 333 besuchen derzeit das Gymnasium. Zum Schuljahresanfang traten 34 neue Domspatzen ein. Im Jahr davor waren es 43. Bei dem Rückgang spielen sicher mehrere Aspekte eine Rolle: der demografische Wandel, die inzwischen flächendeckende Versorgung mit Ganztagsschulen und womöglich auch der Umstand, dass Frauen ihre Kinder heute später bekommen als früher, und dann nicht mehr bereit sind, sie schon mit zehn Jahren in ein Internat zu geben. Erschwerend kommt hinzu, dass seit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010 ein Schatten über der renommierten Einrichtung liegt.

Lesen Sie hier den Kommentar von MZ-Redakteurin Christine Straßer zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen:

Kommentar

Das Schweigen brechen

Es bräuchte mindestens 20 verschiedene Wörter für das Wort „Schweigen“. Wer einmal einen Vortrag von Pater Klaus Mertes gehört hat, kennt diesen Satz....

Eine „schwere Hypothek“

Berthold Wahl, Direktor des Gymnasiums, spricht von einer „schweren Hypothek“. Am Montag sitzen er und der Domkapellmeister, genauso wie Bischof Rudolf Voderholzer erstmals mit Opfervertretern an einem Tisch. Wahl räumt unumwunden ein, dass die Aufarbeitung zu spät beginnt. Er spricht sich dafür aus, sie nun vollumfänglich zu betreiben. „Es gibt nicht den geringsten Grund, irgendjemanden zu schonen“, sagt er. Er bedauere das „übelste Leid“, das die Opfer erfahren haben. Die lange Zeit, in der sie auf eine Aufarbeitung warten mussten, habe bei den Opfern sicher die Verzweiflung vergrößert. Wahl war von 1962 bis 1971 selbst Schüler des Musikgymnasiums – allerdings war er nicht im Internat, sondern ein Stadtschüler, wie er hinzufügt. Seit 2004 leitet er das Gymnasium der Domspatzen. Er wisse von keinem Missbrauchsfall aus seiner Zeit als Direktor. Als solcher fühle er sich aber in der Verantwortung, die Aufarbeitung des Skandals voranzutreiben. Er sei sich gewiss, dass er das Vertrauen der Eltern, die ihre heute Kinder hier haben, genieße. „Diese Eltern wissen, dass es ihren Kindern bei uns gut geht“, betont Wahl.

Tägliches Klavierüben gehört dazu. Dafür gibt es eigene Zimmer.
Tägliches Klavierüben gehört dazu. Dafür gibt es eigene Zimmer. Foto: altrofoto.de

Konstantin Züllich ist inzwischen das sechste Jahr im Domspatzen-Internat. Der 15-Jährige ist ein echter Vorzeigeschüler, sehr gewissenhaft und höflich als er durch „sein Haus“ führt. Er zeigt Klassenzimmer, das Schwimmbad, die Turnhalle, Computerräume, Klavierzimmer, den Fitnessraum und den Speisesaal. Nur die Internatszimmer, die laut Konstantins Plan eigentlich besichtigt werden können, sind verschlossen. Macht nichts. Dann erzählt Konstantin eben so vom Internatsleben. Wichtig, das wird dem Zuhörer schnell klar: Zwischen Unterstufe und Oberstufe gibt es entscheidende Unterschiede. Die Kleinen sind beispielsweise zu viert im Zimmer, die Großen nur noch zu zweit. Die Kleinen werden um 6.45 Uhr geweckt und es gibt eine verpflichtende Morgenstudierzeit, bevor um 8 Uhr der Schulunterricht beginnt. Die Großen stehen selbstständig auf. Um 7.30 Uhr wird aber kontrolliert, ob sie tatsächlich aus den Federn sind. Konstantin steht jeden Tag, obwohl er das nicht müsste, um 6 Uhr auf, wie er erzählt. Er will sich vor dem Unterricht noch vorbereiten. Er ist auch sonst ausgesprochen diszipliniert. Tägliches Klavierüben müsse sein, sagt er und zeigt die Zimmer, in denen das möglich ist. Ihm werde von der Schule sogar ermöglicht ein zweites Instrument zu lernen, fügt er hinzu. Die Orgel.

Im Schulsanitätsdienst zur Stelle

Konstantin Züllich (l.) mit seinen Kameraden vom Schulsanitätsdienst der Domspatzen. Braucht ein Mitschüler Erste Hilfe, sind sie zur Stelle.
Konstantin Züllich (l.) mit seinen Kameraden vom Schulsanitätsdienst der Domspatzen. Braucht ein Mitschüler Erste Hilfe, sind sie zur Stelle. Foto: altrofoto.de

Bei seiner Freizeitgestaltung hat Konstantin verschiedenste Möglichkeiten. Gerne engagiert er sich im Schulsanitätsdienst der Domspatzen. Er und seine Kameraden sind zur Stelle, wenn jemand im Haus Erste Hilfe braucht. Sogar eine eigene Rufnummer haben sie. Konstantins Berufswunsch geht in eine ähnliche Richtung. Er möchte Pharmazie oder Medizin studieren. Im Unterricht interessieren ihn besonders die Fächer Biologie, Deutsch und Physik. Ein Abstecher bei seiner Führung in den naturwissenschaftlichen Trakt ist also selbstverständlich. Bei der Chemieshow dort lassen es Konstantins Mitschüler ordentlich krachen und überschäumen.

In der Gemeinschaft hier fühle er sich wohl, sagt Konstantin. Unter Heimweh habe er nie gelitten. Wahrscheinlich weil er schon vor dem Schuleintritt bei den Domspatzen ein und aus ging. Seit der zweiten Klasse brachten ihn seine Eltern aus Tirschenreuth zur Probe des Vorchores. Heute schätze er den „harmonischen Dreiklang“ aus Chor, Schule und Internat, wie es der 15-Jährige ausdrückt. Eine wichtige Voraussetzung, um hier glücklich zu werden, gebe es allerdings schon: „Man muss Lust aufs Singen haben.“

Louis singt beim Domkapellmeister vor, um ein Domspatz zu werden.
Louis singt beim Domkapellmeister vor, um ein Domspatz zu werden. Foto: altrofoto.de

Bei Viertklässler Louis ist die Freude nach dem Vorsingen riesig. Sein „Alle Vögel sind schon da“ hat dem Domkapellmeister gefallen. Die beiden klatschen sich ab. Für Louis ist das ein Traum, der wahr wird. Wie sein großer Bruder Felix kann er nun wohl ein Domspatz werden.

Vor rund drei Wochen sorgten die neuen Enthüllungen um den Missbrauchs- und Misshandlungsskandal bei den Regensburg Domspatzen für Aufsehen. Hier können Sie den Zwischenbericht des Chefaufklärers, Rechtsanwalt Ulrich Weber, zur Untersuchung des Missbrauchsskandals im Wortlaut nachlesen. Darin ist von 231 Fällen körperlicher Züchtigung von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart die Rede. Die meisten Vergehen geschahen bis 1992 in der Vorschule in Etterzhausen/Pielenhofen. Außerdem liegen Weber mehr als 60 Meldungen wegen sexuellen Missbrauchs vor. 50 für das Internat in Regensburg. Darüber hinaus finden Sie ein Interview mit Domkapellmeister Roland Büchner sowie eine weiteres Interview mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung.

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