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Mobilität

Der ÖPNV stößt an seine Grenzen

Die Autos bremsen den Nahverkehr in Regensburg aus, dabei sollen viel mehr mitfahren. Wir sind in die Linie 6 eingestiegen.
Von Julia Ried, MZ

In der Albertstraße und den Haltestellen im Umfeld ballen sich vor allem im morgendlichen Berufsverkehr Busse und Fahrgäste. Die Stadt will diese Situation entzerren. Foto: Lex
In der Albertstraße und den Haltestellen im Umfeld ballen sich vor allem im morgendlichen Berufsverkehr Busse und Fahrgäste. Die Stadt will diese Situation entzerren. Foto: Lex

Regensburg.Der Tag von Agnes Willjung in Regensburg beginnt im Laufschritt. Um Viertel vor acht hechtet die 52-Jährige mit hellbraunen kurzen Haaren und einer Brille, deren Gläser sich an diesem sonnigen Maimorgen schon sonnenbrillenbraun färben, mit einigen anderen vom Arcadensteg her zur Bushaltestelle auf der Galgenbergbrücke.

Dort hält an diesem Morgen ein Bus nach dem anderen, um die Massen an Fahrgästen zu bewältigen. Mit der Frage, wie der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) der Zukunft im ständig wachsenden Regensburg aufgestellt sein soll, beschäftigen sich derzeit von der Stadt beauftragte Fachleute. Wir haben im Rahmen unserer Themenwoche zur Umfrage Regensburg-Trend auf einer Busfahrt durch die Stadt und im Gespräch mit Experten erkundet, wo der öffentliche Nahverkehr der Gegenwart an seine Grenzen stößt.

Als Agnes Willjung, sportlich gekleidet mit schwarzem Anorak und schlichten, grauen Sneakern, in der Mitte des Busses der Linie 6 zum Stehen kommt, atmet sie erst einmal tief durch. „Man muss sich ein bisschen durchkämpfen“, sagt die Diätassistentin, die sich täglich von Neumarkt aus auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz im Universitätsklinikum macht. Um 6.30 Uhr ist sie in den Zug eingestiegen, um 7.42 Uhr hat sie mit zwanzig Minuten Verspätung ihr Zwischenziel – den Regensburger Hauptbahnhof – erreicht.

Am Hauptbahnhof wird es stressig

Hier beginnt bisweilen der stressigste Teil ihrer Fahrt. „Immer das Gehetze zum Bussteig. Das ist so nervig, wenn man sich so reinquetschen muss. Die Studenten bewegen sich ja keinen Millimeter und dann hat man die ganzen Rucksäcke im Gesicht“, schimpft sie. Sie nimmt derzeit gern noch einen Zug früher, „um entspannter hier anzukommen“. Heute ist sie trotz des verspäteten Zugs einigermaßen gelassen. Der Bus ist zwar voll, doch die Fahrgäste, die stehen, haben noch Bewegungsfreiheit. Auch Agnes Willjung hat einen Griff zum Anhalten gefunden. „Ich habe das Gefühl, hier haben die Busbetriebe aufgerüstet“, sagt sie.

Diese Route sind wir mitgefahren.

Die Geschäftsführer des Regensburger Verkehrsverbunds (RVV), Kai Müller-Eberstein und Frank Steinwede, bestätigen das. Die Regensburger Verkehrsbetriebe schicken immer mehr und vor allem immer größere Fahrzeuge auf die Straßen. 112 Stadtbusse sind derzeit im Einsatz, darunter sind 63 größere Gelenkbusse. Als Steinwede vor sieben Jahren zum RVV kam, waren sie unter den 100 Bussen noch in der Minderheit.

Auf unserer Fahrt verlassen die meisten Passagiere den Bus an der Uni, in einem Schwall. Agnes Willjung bleibt trotzdem stehen. Heute geht es zügig voran. Um acht Uhr steigt sie aus, das ist nicht selbstverständlich.

Glücklich am Ziel: Pendlerin Agnes Willjung Foto: Ried
Glücklich am Ziel: Pendlerin Agnes Willjung Foto: Ried

Einmal, erzählt sie, habe es elf Minuten gedauert, bis der Bus von der Franz-Josef-Strauß-Allee zum Klinikum abbiegen konnte – sie hat mitgestoppt. Sie kann sich durchaus Tramlinien in Regensburg vorstellen. „Wenn die Straßenbahn eine eigene Spur hat, ist die Straßenbahn schneller.“ 42 Prozent der von uns Befragten befürworten eine Tram. 41 Prozent wünschen sich Extra-Trassen für Busse, von denen es erst einzelne gibt.

Hier sehen Sie unser Umfrage-Ergebnis zum Thema Stadtbahn.

Die von der Stadt beauftragten Verkehrsplaner erarbeiten derzeit sowohl ein Zukunftskonzept, in dem ein schienengebundenes Verkehrsmittel eine tragende Rolle spielt, als auch eines, dessen Rückgrat Schnellbusse bilden. Eine politische Entscheidung, ob ein „höherwertiges“ System kommt und welches, fällt nach Abschluss der Studie. Wie viele Jahre bis zu einer möglichen Realisierung vergehen könnten, dazu will sich Planungsreferentin Christine Schimpfermann noch gar nicht äußern. „Im Augenblick sind die Planungsbüros dabei, überschlägig die zu erwartenden Kosten zu ermitteln.“ Sie sollen noch 2017 eine Aussage treffen, mit welchen Fördermitteln die Stadt rechnen könnte.

Alles rund um den Regensburg Trend 2017 lesen Sie in unserem Spezial!

Der ÖPNV kämpft unterdessen vor allem mit dem zunehmenden Straßenverkehr. Die Pendlerströme, aber auch Freizeitverkehr, etwa an den einkaufsstarken Adventswochenenden, oder Unfälle bremsen ihn aus. Dann kommt es „zu „Verspätungen auf allen Linien, völlig unkalkulierbar für die Fahrgäste“, sagt Steinwede. „Das Verkehrssystem reagiert hochsensibel, weil das einfach schon am Überschwappen ist.“ Er sieht den ÖPNV in einem Dilemma: „Wir sind gefangen in der Verkehrsituation dieser Stadt, sollten aber ein Teil der Lösung sein.“ Er hoffe auf eine baldige Grundsatzentscheidung der Politik. „Eigentlich ist es ein paar Jährchen zu spät für verkehrspolitische Weichenstellungen.“

Erklärtes Ziel der Stadt ist, den Anteil des ÖPNV am Verkehr – derzeit legen Regensburger 13 Prozent ihrer Wege mit dem Bus zurück – deutlich zu erhöhen. „Wir werden, wenn wir ein zukunftsfähiges Gesamtsystem haben wollen, um den ÖPNV-Ausbau nicht herumkommen“, sagt Schimpfermann. Die Stadt will damit auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und die Luft verbessern. Letzteres muss sie auch, um nicht weiter gegen Grenzwerte zu verstoßen.

Bis ein System der nächsten Generation realisiert wird, sollen punktuelle Verbesserungen wie eine engere Taktung auf manchen Linien – dies wünschen sich 54 Prozent der von uns Befragten, größere Busse fordern nur 17 Prozent – und eigene Busspuren an kritischen Stellen das System am Laufen halten. Aus Sicht der RVV-Chefs muss sich die Politik dringend bewegen, um Extra-Trassen zu ermöglichen: Müller-Eberstein appelliert an die Stadtpolitiker, „den Mut zu haben, solche Entscheidungen jetzt zu fällen und an vielen Stellen dem ÖPNV Vorrang zu gewähren“.

Bis dahin ist der Bus vor allem für die Fahrgäste eine bequeme Alternative zum Auto, die außerhalb der Stoßzeiten unterwegs sein können.

Hier sehen Sie Ergebnisse unserer Umfrage Regensburg-Trend.

Im Bus der Linie 6, der um 8.15 Uhr am Uniklinikum Richtung Stadtwesten losfährt, haben die Passagiere fast freie Platzwahl. Marlene Ehrnböck setzt sich nahe der hinteren Tür. Die junge Frau mit locker hochgesteckten dunklen Haaren steigt um 8.31 Uhr in den Bus der Linie 6 zur Wernerwerkstraße. „Ich muss zwar umsteigen, aber die Busse kommen ständig“, sagt die 23-Jährige. Die Studentin der Medienwissenschaft wohnt im Stadtosten, im Neubauviertel bei der ehemaligen Zuckerfabrik. Sie ist in Furth im Wald aufgewachsen und froh, in Regensburg das Auto nicht zu benötigen. Zwar seien die C-Linien zur Uni „eigentlich immer rappelvoll“ – doch die zehn Minuten Fahrt lang sei das „eigentlich okay“. Zu Infineon, wo sie sie in der Abteilung für Kommunikation als Werkstudentin mitarbeitet, brauche sie mit dem Auto über die Osttangente länger.

Die Stadt will den ÖPNV „entzerren“

Stadt und RVV verfolgen das Ziel, dass weniger Fahrgäste in die Stadtmitte fahren, um von dort aus ihr Ziel anzusteuern. „Es ist sinnvoll, dass die Verkehre entzerrt werden“, sagt Schimpfermann – auch, damit sich am Bahnhof nicht mehr so viele Haltestellen ballen. Der RVV will die Kunden dazu bewegen, auf ihrem Weg in die Stadt öfter in Prüfening oder Burgweinting umzusteigen – etwa mit ihrer Fahrplanauskunft fürs Handy, die die schnellste Verbindung vorschlägt. Er plant auch neue Linien.

Das knappste Urteil dieses Tages über den öffentlichen Nahverkehr in Regensburg, aber doch ein aufschlussreiches, fällt einer der vier Fahrgäste aus Fernost die mit Studentin Marlene Ehrnböck den 6er-Bus erst an der Endhaltestelle Wernerwerkstraße in Schrittweite zum Infineon-Werkstor verlassen. Er finde die Stadtbusse „praktisch und sehr günstig“, sagt im auf Englisch geführten Gespräch mit uns Akira Katsuyama aus Nagano, der dort bei Infineon arbeitet und nun zwei Wochen lang in Regensburg, mit sprichwörtlicher japanischer Höflichkeit. Und „traditionell“.

In diesem Video erklärt Prof. Dr. Edgar Feichtner, warum die Ergebnisse des Regensburg-Trends repräsentativ sind.

Prof. Feichtner erklärt die Befragung

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