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Geschichte

Der Regensburger, der Paris eroberte

Baron von Grimm schrieb Kulturspitzen aus Frankreich. Zu seinen Lesern zählten Katharina die Große und der Alte Fritz.
Von Helmut Wanner, MZ

  • „Chair de Paille“ (Strohstuhl) heißt dieses Bild von Winfried Wolf: Baron von Grimm schrieb darauf seine geheime „Correspondance littéraire“.
  • Der Autor Winfried Wolf entdeckte in Baron von Grimm einen Bruder im Geiste. Foto: Wanner

Regensburg. Ein Buch des Regensburger Pädagogen Winfried Wolf holt eine strahlende Erscheinung des 18. Jahrhunderts aus der Versenkung. Im Frankreich von König Ludwig XV. hatte er den Beinamen „Tyran le Blanc“, der weiße Tyrann. Sein Geist war gefürchtet in den Pariser Salons. Die Rede ist vom Pfarrerssohn Friedrich Melchior Grimm, 1723 in Regensburg geboren und 1807 in Gotha gestorben.

„Was untersteht sich dieser Böhme, geistreicher zu sein als wir.“

Voltaire

„Grimm war ein enger Freund von Denis Diderot und Jean Jacques Rousseau“, schreibt Wolf in seinem gewichtigen Werk „Friedrich Melchior Grimm, ein Aufklärer aus Regensburg. Ein Leben zwischen Paris und St. Petersburg.“ Auf 616 Seiten zeichnet der ehemalige Rektor der Clermont-Ferrand-Schule den Weg eines mittellosen Pfarrerssohn aus der Pfarrergasse in die Pariser Salons nach. Er gehörte zum Kreis der Enzyklopädisten um Diderot. Seine geheime „Correspondance littéraire“ verbreitete die Gedanken der Aufklärung in ganz Europa. „Kaum ein Fürstenhof, der nicht zu den Empfängern seiner Newsletter gehörte“, schreibt Wolf.

Ein Aufklärer an Fürstenhöfen

„Chair de Paille“ (Strohstuhl) heißt dieses Bild von Winfried Wolf: Baron von Grimm schrieb darauf seine geheime „Correspondance littéraire“.
„Chair de Paille“ (Strohstuhl) heißt dieses Bild von Winfried Wolf: Baron von Grimm schrieb darauf seine geheime „Correspondance littéraire“.

Aus der Provinz wurde Grimm in die Höhen der Weltkulturhauptstadt katapultiert. Wolf: „Er war Gast beim preußischen König Friedrich II., mit der Zarin Katharina II. pflegte er über drei Jahrzehnte einen lebhaften Briefwechsel, er war der Freund des polnischen Königs und Vertrauter des Prinzen von Preußen.“ Voltaire stellte den Regensburger noch über seine Landsleute. „Was untersteht sich dieser Böhme, geistreicher zu sein als wir.“ Die Aussage zeigt zwar geografische Defizite, beweist aber Grimms Ankunft im inneren Zirkel der Aufklärung.

Der große Sohn der Stadt ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Das mag daran liegen, so vermutet Winfried Wolf, dass sein alle zwei Wochen erscheinendes Periodikum nicht gedruckt wurde. Um die strenge Zensur zu umgehen, wurde es von Hand geschrieben, von Kopisten vervielfältigt und an einen erlesenen Kreis versandt. Als Winfried Wolf bei seinen Recherchen in Gotha auf Schloss Friedenstein die in schwarzes Leder gebundenen Quartbändchen mit der gestochenen Handschrift zu Gesicht bekam, schlug sein Herz höher. Für Wolf gibt es „kaum einen besseren Spiegel des 18. Jahrhunderts als die bis zur Französischen Revolution geführte Correspondance littéraire“.

Wegen der weißen Gesichtsschminke und der Schärfe seines Geistes nannte man den Baron „tyran le blanc“, den weißen Tyrannen.
Wegen der weißen Gesichtsschminke und der Schärfe seines Geistes nannte man den Baron „tyran le blanc“, den weißen Tyrannen.

Wer war dieser Grimm? Er war der vorletzte Sohn des Regensburger Pfarrers Johann Melchior Grimm. Am 25. September 1723 wurde er geboren. Er besuchte das Gymnasium Poeticum am Ölberg. Im letzten Jahr seiner Gymnasialzeit korrespondierte er mit dem Schriftsteller der Frühaufklärung, Johann Christoph Gottsched. Hernach studierte er in Leipzig und kehrte als Hauslehrer („Hofmeister“) nach Regensburg zurück. Grimm war kein Biograf. Seine wenigen Einlassungen zu Regensburg sind Randbemerkungen in seinen Briefen an Gottsched. Doch die Stadt des Immerwährenden Reichstages brachte mit ihrer Gesandtenatmosphäre wohl die Impulse, die er für seine spätere Karriere in der Weltkulturhauptstadt Paris brauchte.

Hauslehrer im Löschenkohl-Palais

Dass Grimm überhaupt nach Paris kam, verdankte er dem Kursächsischen Gesandten Graf Johann Friedrich von Schönberg im LöschenkohlPalais. Es war ein Katzensprung von der Pfarrergasse in dessen schöne Residenz am Neupfarrplatz. Mit des Grafen Sohn Gottlieb Ludwig von Schönberg war Grimm seit dem Gymnasium poeticum befreundet. Als sogenannter Hofmeister beim Grafen Schönberg kümmerte sich Grimm nach dem Studium in Leipzig um den jüngeren Bruder Adolf Heinrich. Ihn begleitete er zur Jahreswende 1748/1749 auf seiner Kavalierstour nach Paris.

Grimm war damals 24 Jahre alt und war nach Paris gekommen, um zu bleiben. In den folgenden über 40 Jahren erwarb er sich das Prädikat des „französischten Deutschen“ der Hauptstadt. Mit 26 Jahren lernte er Rousseau kennen, wenig später den Feuerkopf Denis Diderot. Ausländische Gäste konnten den großen Philosophen, dank seiner Vermittlung, im Schlafrock bewundern. 1763 erkannte er das geniale Klavierspiel des damals sechsjährigen Wolfgang A. Mozart, der auf Tournee in Paris Station gemacht hatte. Er berichtete darüber. 1777 wurde er zum Freiherrn erhoben. Johann Wolfgang von Goethe traf der Baron Grimm gleich zweimal: Am 8. Oktober 1777 auf der Wartburg. Und am 7. Oktober 1781 reiste ihm Goethe nach Gotha nach. Katharina die Große ernannte Grimm zum russischen Staatsrat.

„Tüchtigkeit, nicht Geburt, unterscheidet die Menschen.“ Als Voltaire, der Philosoph der Aufklärung, in Zeiten des Absolutismus diesen revolutionären Satz prägte, könnte er Friedrich Melchior Grimm im Sinn gehabt haben. Heute ist dieser Stern des 18. Jahrhunderts vergessen. Für Winfried Wolf, pensionierter Rektor der Clermont-Ferrand-Schule, aber ist Friedrich Melchior Grimm der Beweis, dass man auch in vordemokratischer Zeit aus dem Nichts zum Licht aufsteigen konnte. „Für mich ist es einfach die Geschichte einer Riesenkarriere aufgrund eigner Verdienste und nicht durch Protektion. Die Frucht einer gewaltigen Anpassungsleistung.“

Baron von Grimm wusste eben auch, was er konnte und was nicht. Nach dem Scheitern literarischer Versuche wechselte er das Lager, wurde zum Literatur- und Musikkritiker.

Winfried Wolf hat ihn durch Zufall entdeckt. Durch einen Freund, Wilhelm Hirmer (†), der eine Art Regensburger Literaturführer plante, stieß er auf Grimms Spuren. Zwischen Grimm und Wolf war sofort eine starke Resonanz. Grimms Biografie sprach in Wolf den Volkserzieher an. Er hatte bei Helmut Heid Diplom-Pädagogik studiert. Dessen Motto war die soziale Bedingtheit des Lernens. Für den pensionierten Rektor der Clermont-Ferrand-Schule scheint Grimms außergewöhnliche Biografie ein Argument für die Kraft der Bildung. Es ist somit kein Zufall, dass Wolf den Baron von Grimm „ausgegraben“ hat. Dass das Erscheinen des Buches im Juni 2015 im Regensburger Kulturbetrieb völlig unterging, nimmt Wolf gelassen hin.

Die Erinnerung angestoßen

Wolfs Wiederentdeckung hat schon Wirkung gezeigt. In Grimms Sterbeort Gotha hält Wolf heuer im Herbst die Hauptrede bei der dortigen Gedenkfeier. Er hat die Erinnerung übrigens durch seine Arbeit beflügelt. Sein Werk könnte auch eine Vorarbeit sein für die Würdigung dieses großen Sohns der Stadt Regensburg. Der Anlass wäre sein 300. Wiegenfest, das er am 25. September 2023 begeht.

Lesen Sie auch: Abschied von Winfried Wolf, Rektor der Clermont-Ferrand-Schule.

Ein Aufklärer aus Regensburg

  • Illustrationen:

    Die Bilder zu seinem Buch über Friedrich Melchior Grimm hat Winfried Wolf selbst gezeichnet.

  • Der Titel:

    „Friedrich Melchior Grimm, ein Aufklärer aus Regensburg. Strohsessel und Kutsche – ein Leben zwischen Paris und Sankt Petersburg“. Das Buch ist 2015 im Verlag epubli erschienen, 616 Seiten.

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