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Menschen

Der Roman der Kassiererin

Mit „Wolkenfisch“ hat die Regensburgerin Lisa Weichart ihr Debüt vorgelegt. Ihre Heldin Thea arbeitet im italienischen Großmarkt. Sie selber auch.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Autorin und Kassiererin: Lisa Weichart versteckt die Hände, mit denen sie ihren Debut-Roman „Wolkenfisch“ geschrieben hat. Foto: Wanner
  • Lisa Weichart bei der Lesung in den Bischofshof Bräustuben. Foto: Renate Liebe

Regensburg. „Ich habe Wurstfinger“, entschuldigt sich Lisa Weichart. Ihre Hände findet sie nicht schön. Es sind Hände einer Kassiererin, die im Il Mercato in der Dechbettener Straße täglich Mortadella, Perigottis und Farfalle durch den Scanner ziehen. Sie versteckt sie unter der Tischplatte aus Kirschholz, obwohl sie auch dieselben Schreiberhände sind, die diesen Roman aus poetischen Miniaturen geschrieben haben. Auf der spiegelnden Tischplatte steht ihr Herzblatt, das Wichtigste in ihrem Leben, ihr „Wolkenfisch“. Das gehöre ins Bild.

Es ist der Erstlingsroman der Kassiererin, und sie hat ihn mit dem Kugelschreiber auf lose Blätter getextet. Er heißt im Untertitel „Theas Sehnsucht“. Der Roman ist zwar keine reine Autobiografie, aber hat starke Züge. Theas Sehnsucht hat sich bei Lisa Weichart erfüllt. Die Zettel, auf denen sie die Eindrücke und Assoziationen aus ihrem täglichen Leben notiert hatte, stehen nun in Reinschrift schön gebunden auf dem Tisch. Der Verlag Stories&Friends hat liebevoll sogar auf das Detail eines passenden Lesebändchens in Orange geachtet.

Ein Zauber, der durchs Leben trägt

Gestern war Buchtaufe in den Bischofshof Bräustuben, einen Steinwurf von ihrer Arbeitsstätte entfernt. Die richtige Zeit, der richtige Ort: Sieben Jahre nach ihrer Scheidung, sieben Jahre nachdem sie sich geistig-seelisch quasi mit Orpheus, dem Sänger, liiert hat und in die Schriftstellervereinigung RSGI International eingetreten ist, schließt sich ein Kreis.

Damals hat sie die klassische Wahl vieler Alleinerziehender getroffen und den Job einer Kassiererin angetreten, um genügend Zeit für die Kinder und fürs Schreiben zu haben. Sie fühlte sich frei, aber auch verloren wie das Mädchen, das von zu Hause weggelaufen ist. Eine Freundin hat dieses Thema für sie auf einem Ölgemälde umgesetzt. Das Bild hat in ihrem Wohnzimmer den zentralen Platz: Ein Mädchen steht in seinem dünnen Kleid schutzlos allein vor einem dunklen Zauberwald. Sie weiß nicht, was sie im Wald erwarten wird. Es kann der Wolf sein, es kann der Prinz sein.

Warten auf den Prinzen

Im Roman begegnet ihr dieser Prinz ganz spät, in einem zartbitteren Happy End, im Leben ist er ihr bisher noch nicht begegnet. Männer sind nicht Alles. Es geht zur Not auch ohne. Die Kinder, der Laden und ein paar nette Leute – das genügt ihr. „Den Glücklichen“, davon ist Lisa Weichart überzeugt, „trägt ein Zauber durchs Leben“.

Auf dem Rad „fliegt“ sie täglich vom DJK-Sportbund-Platz durch die Margaretenau in den inneren Westen und wieder zurück. Seit ihrer Scheidung spult sich ihr Leben wie auf einem Yoyo zwischen ihren Zwillingen und der Kasse ihres „Il Mercato“ ab. Dieser ist nicht irgendein deutscher Supermarkt vom Typ „Schlecker“, der seinen Angestellten misstraut, der sie überwacht und knechtet: „Il Mercato“ ist ihr Klein-Italien, ihre liparische Urlaubs-Insel im Alltag, ihr Geliebter, ihre Mutter, ihre Arche Noah, ihr Alles. „Die Mutter nimmt und gibt“, sagt sie über den Laden. „Sie fordert, sie lobt nicht.“

Vom Lächeln leben

Die Liebe zu diesem Laden sei etwas ganz Besonderes, man könne sie nicht bezahlen. „Die Liebe fragt nicht, sie ist sich selbst genug, und sie verteilt sich wie der Geruch einer frischen Pizza.“

Man hat selten von so einer Liebe zur Arbeit und zum Arbeitgeber gelesen wie im „Wolkenfisch“. Der Laden ist ihr Reich, und ihr Thron, das ist der ausgeleierte Drehstuhl an der Kasse. Auf dem Warenband erblüht die Fantasie. Alle leeren den Wagenkorb vor ihr aus: Der ehemalige Jugendrichter am Amtsgericht, der vereinsamte Kunstmaler, die exaltierte Gräfin, der Pizza-Jongleur … Von ihrem Lächeln lebt sie. Die Assoziationen, die die Kunden in ihr auslösen, verspinnt sie in poetischen Texturen. „In den Menschen ist etwas, das man nicht fotografieren kann“, sagt sie im Gespräch mit der Mittelbayerischen Zeitung. Sie erspürt, erahnt dieses Etwas und schreibt es auf.

Die Geleise des Lebens verlassen

„Man geht ganz anders durchs Leben, wenn man schreibt“, sagt Lisa Weichart. „Man schaut besser hin.“ Ja, noch besser als an der Kasse, geht es der Regensburgerin beim Schreiben selbst, wenn sie ihre losen Manuskriptblätter in die Tastatur ihres PCs tippt. Das Porträt von Siegmund Freud schaut ihr dabei über die Schulter und manchmal ihr Kater Morpheus. In ihrer Schreibecke spürt sie die neue Freiheit des Künstlerlebens.

Lisa Weichart, Absolventin der Englischen Fräulein, Bundesbahnsekretärin, hat 2007 den Bahnkörper verlassen und ist aus den Geleisen ihres Lebens gesprungen. Ihre Abschlussarbeit bei den Englischen war noch eine nüchterne Abhandlung über den Regensburger Straßenverkehr. Das Einzelkind, aufgewachsen im Regensburger Kasernenviertel in Sichtweite von Papier Liebl, machte, was der Vater sagte und ging zur Deutschen Bahn. Die versprach Sicherheit. Als sich die Eltern scheiden ließen, heiratete sie, um es besser zu machen.

Wissen, wie Mama tickt

Das Tagebuch, das sie seit langem auf losen Blättern führt, nennt sie „mein Kartoffelbuch“. Wer Kartoffeln im Keller hat, weiß, dass diese nach einer gewissen Zeit treiben. Auch ihr Kartoffelbuch trieb. „Diese Triebe waren die Kurzgeschichten.“ Durch sie erfuhr sie Bestätigung, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Sie sandte eine Bargeschichte zum Wettbewerb von Stories&Friends ein, Titel: „Mit allen Sinnen“. Ihre Impressionen aus der Scholz-Bar wurden abgedruckt.

Viel verdient ist nicht beim Schreiben. Das weiß Lisa Weichart. Aber ihr Roman hat sich schon rentiert. „Es steckt soviel drin, dass meine Kinder wissen, wie ihre Mama tickt, wenn sie ihn in ihre Hand nehmen.“

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