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Porträt

Der Schauspieler mit Lust am Experiment

Zunächst wollte Martin Hofer Pianist werden. Doch der Schauspieler wurde als Faust eine Regensburger Institution.
Von Helmut Hein, MZ

Der Schauspieler Martin Hofer zeigt in seinen Rollen immer wieder neue Facetten von sich. Foto: altrofoto.de
Der Schauspieler Martin Hofer zeigt in seinen Rollen immer wieder neue Facetten von sich. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Jeder Mensch hat ein Geheimnis. Wer Martin Hofers Geheimnis kennenlernen möchte, hat dazu einmal im Monat Gelegenheit. Immer sonntags. Im Turmtheater. Dort läuft derzeit die bitter-böse ... ja was eigentlich? Beziehungskomödie? Nein, eher verhinderte große Liebesgeschichte, deren Terrain umständehalber die Briefe sind, die ein Mann und eine Frau, erst blutjung, dann mit den Jahren älter werdend, wechseln: „Love Letters“. Und „Andy“ (Martin Hofer), der Mann in diesem Spiel der Verfehlungen – der weibliche Widerpart ist Eva Sixt –, setzt sich, wenn wieder einmal gesagt werden soll, wofür die Worte fehlen, ans Klavier.

Nun gibt es, selbst bei guten Schauspielern, Momente unleugbarer Peinlichkeit. Wenn etwa junge Männer coram publico minutenlang fechten und doch nie auch nur annähernd das Niveau erreichen, das der verwöhnte Sport-Aficionado gewöhnt ist. Oder wenn nicht mehr ganz junge Männer sich ans Klavier setzen und am Ende noch zu singen beginnen, um ihrem Seelenschmerz für alle hörbar Ausdruck zu verleihen.

Bei Martin Hofer ist es nicht peinlich. Sein Geheimnis ist tief in seiner Biographie versteckt. Sein erster Berufswunsch war: Pianist. Er war auch schon weit über das Neverending-Etüden-Niveau höherer Töchter („Für Elise“) hinaus, maß sich unerschrocken mit Beethovens „Pathétique“. Und warum müssen wir uns trotzdem mit Sokolow und Lang Lang begnügen statt einem Martin Hofer zu lauschen? Hofer: „Am Konservatorium war es mir zu einsam.“

Einen Hang zum Kabarettistischen hatte Martin Hofer schon immer

Martin Hofer braucht die Kommunikation. Er ist ein soziales Genie. Oder, wie es unter Theatermenschen heißt, wenn erst alle Masken fallen: „eine Rampensau“. Einer, der die Nähe zum Publikum sucht, weil er von dessen Begeisterung lebt.

Martin Hofer und Undine Schneider auf der Bühne Foto: Falchi
Martin Hofer und Undine Schneider auf der Bühne Foto: Falchi

Die Ur-Form des Mimen ist der Komiker. Hofer: „Ich hatte immer schon einen Hang zum Kabarettistischen.“ Schulfeiern rockte er mit seinen Überraschungsauftritten. Zum Theater kam der Überzeugungsschweizer Hofer, 1956 in Dietikon in Sichtweite von Zürich geboren, durch den Schauspieler Heinz Müller, dem er bis heute die Treue hält. Hofer sprach Züri-Deutsch („Hochdeutsch war affig“), bewunderte aus angemessener Sehnsuchtsferne die schönen jungen Frauen vom Züricher Limmatquai, die Stephan Eicher in einem berühmten Chanson einst so charakterisierte: „regarder ne pas toucher“, also anschauen, aber nicht anrühren, ließ sich dann aber doch lieber an der Berner Schauspielschule nieder.

Auch wer keinen der berühmt-berüchtigten Berner-Witze kennt, ahnt vielleicht, warum. „Dort war es einfach gemütlicher, auch skurriler“, sagt Hofer. Sein erstes Engagement hatte der Schweizer dann in Göttingen. Hofer: „Das hieß damals: Vorsprechen mit der ganzen Klasse.“ Und was? Hofer, mit der trockenen Lakonie, die allein diesem Beckett-Stück angemessen ist: „Warten auf Godot. Ich war der Estragon.“

Estragon alias Gogo, der Niemandsland-Buddy von Wladimir alias Didi? War es nicht eine andere Figur, die an Hofer bis heute klebt – nein, nicht wie Pech, eher wie eine theaterhimmlische Fügung, der Faust? „Ja, der Faust“, sinniert Martin Hofer, und man imaginiert sofort dazu die passende Studierstube und wartet nur noch darauf, dass der Pudel sein wahres Wesen, „den Kern“, zeigt. „Der Faust begleitet mich fast ein Leben lang.“ So lang wie Heinz Müller. Und, na ja nicht ganz, Michael Bleiziffer.

Schauspieler Martin Hofer ist Chef des Regensburger Turmtheaters. Foto: Alba Falchi
Schauspieler Martin Hofer ist Chef des Regensburger Turmtheaters. Foto: Alba Falchi

Den hatte er Ende der 1980er Jahre bei gemeinsamen Ingolstädter Theatertagen kennengelernt. Als Bleiziffer dann in Regensburg Oberspielleiter wurde und Hofer lockte, da war der, noch in Erlangen unter Vertrag, lieber bereit, eine Konventionalstrafe zu zahlen, als diesen Ruf zu verpassen. Der große Regensburger Faust – das war Bleiziffer als Regisseur, der faustische Hofer, fehlte also nur noch ein passender Mephisto fürs Trio infernal. Der Teufel entpuppte sich, ganz im Trend der Zeit, als Weib. Was bei diesem Widerspruchsgeist ohnehin naheliegt. Er nahm die Gestalt von Adele Neuhauser an, an die sich viele, auch Hofer, immer noch gerne erinnern, obwohl sie sich längst in ferne Film- und Fernsehwelten abgesetzt hat. Jetzt ist die Teufelin von einst als geplagte Wiener Kommissarin Bibi Fellner eine Seele von Mensch.

Hofer wiederum hatte, anders als der kosmische Wüstling Faust, Frau und drei Töchter – heute 3o, 24 und 20 Jahre alt –, konnte also nicht nur Trieb- und Geist-Titan sein, sondern musste nolens volens auch Familienverantwortungsmensch sein. Und doch erinnerte er sich, unzufrieden mit der Knechtsrolle im Stadttheaterbetrieb, irgendwann an die Devise berühmter Vorgänger: „Hinaus, ins Offene.“ Das hieß: Schluss machen und neu beginnen, sprich ins Risiko gehen und selbst Theaterdirektor werden. Denn es wohnten ja immer schon viele Seelen in Hofers Brust, auch eine Selbständigen- und Unternehmer-Seele. Als sich 2009 die Gelegenheit bot, das Turmtheater zu übernehmen, griff er zu. Was damals hilfreich war: das Schweizer Erbe, ganz konkret in Form von Land und Wohnblock, das ein Fundament bot. Trotzdem war der Schritt – und ist es immer noch – ein Wagnis. Hofer: „Ich werde ja nicht groß subventioniert.“ Und mit einem bösen Blick in Richtung Politik, die vom großen Wort besser lebt als von der kleinen Tat: „Da wurde zu viel versprochen.“ Das kann einen wie Hofer zornig machen.

Im Turmtheater warten täglich drei Rollen auf ihn

Martin Hofer und Wolfgang Wiegard Foto: Helmut Koch
Martin Hofer und Wolfgang Wiegard Foto: Helmut Koch

Es gab Tage, da hätte er am liebsten hingeworfen. Jetzt, im Rückblick, klingt es versöhnter, mit einer Spur Trotzigkeit à la Piaf: „Ich bereue nichts, keine Sekunde.“ Und dann mit dem Pathos, ohne das ein Theatermensch nicht weiterkommt: „Verantwortung zu tragen ist auch etwas Tolles.“ Und: „Ich habe mich durch das Turmtheater weiterentwickelt. Als Schauspieler – und als Mensch!“ Drei Rollen warten Tag für Tag auf Martin Hofer, seit er das Turmtheater übernommen hat. Er ist Theaterdirektor, führt selbst Regie und ist natürlich immer noch Schauspieler. Hofer erzählt von seiner Lust, „Menschen zu führen“ (was man leicht missverstehen kann, aber nicht bei ihm), „Leute ans Haus zu binden, die miteinander können“, und, nicht zuletzt: „Für gute Stimmung zu sorgen“. Das Turmtheater hat sich mittlerweile etabliert.

Es gibt viele Fans, Leute, die manche Stücke mehrmals anschauen, oder andere dazu animieren. Was Hofer ersichtlich besonders freut: dass sich der Erfolg nicht dem Kalkül, sondern, ganz im Gegenteil, der Lust am Experiment verdankt. Die Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ hat er konzipiert.

Mittlerweile gibt es ein halbes Dutzend Stücke. Und, natürlich, „die absolute Bombe“: Joseph Berlingers Mega-Erfolg „Mei Fähr Lady“, eine Art Bairisch-Crashkurs, den der Dialekt-Guru Ludwig Zehetner einer Chinesin gibt, die partout Fährfrau bei Matting werden will und dazu die nötigen Sprachkenntnisse braucht. Das ist ur-komisch. Man kann beim Zusehen und Zuhören süchtig werden. Den „Faust“ hat Hofer 99 Mal gespielt, von der „Fähr Lady“ gibt es schon 220 Vorstellungen. Ende: nicht absehbar. Die Chinesin spielt Eva Sixt. Hofer: „Sie macht das wunderbar.“ Dann tut er so, als habe er sie als Komikerin erst entdeckt (was nicht ganz stimmt) und schließt seine minutenlange Schwärmerei mit der knappen Würdigung: „Sie ist der Glanzpunkt.“

Auf der Bühne kann ein Schauspieler Vieles ausleben

Natürlich stabilisiert so ein „Selbstläufer“-Projekt (O-Ton-Hofer) das Haus. Aber Hofer bleibt offen für Neues: „Ich höre mich um. Ich recherchiere im Internet. Ich schaue, was an anderen, ähnlichen Bühnen gespielt wird.“ Und er gönnt sich natürlich seine Passionen. Wie zur Zeit etwa den Balladen-Abend „Goethe, Schiller, Bob Dylan“. Da steht er selbst auf der Bühne, und seine Begeisterung teilt sich mit. Gibt es so etwas wie ein Resümee seines langen, reichen Theaterlebens? Eine Frage treibt ihn um: „Wer bin ich?“ Dann stellt er fest, und es klingt fast wie ein Bekenntnis: „Auf der Bühne kann man sehr viel ausleben.“

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