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Nahaufnahme

Der Spielzeugmacher von Stadtamhof

Hansruedi Scheidegger baut einzigartige Spielfiguren. Für die Nahaufnahme besuchten ihn Sabine Franzl und Angelika Sauerer.
Von Angelika Sauerer, MZ

Ein kritischer Blick: Hansruedi Scheidegger baut einzigartige Spielfiguren aus Holz.
Ein kritischer Blick: Hansruedi Scheidegger baut einzigartige Spielfiguren aus Holz. Foto: Sabine Franzl

Regensburg.Schrapp, schrapp, schrapp kratzt die lange Feile übers Holz. Auf die Werkbank schneien feine Späne, bedecken das verblichene Muster des Perserteppichs auf dem Boden und stieben durchs Gegenlicht, wenn Hansruedi Scheidegger mit dem Werkzeug innehält und sie wegpustet. Seine Fingerkuppen, selbst aufgeraut von der Handarbeit, streifen prüfend über die Oberfläche. Glatt soll sie werden, aber nicht zu glatt. Das ist die Kunst, sagt der 71-jährige Spielzeugmacher. Denn was zu perfekt ist, verliert seine Eigenart. Der Donauvogel, mit dessen Flügeln und Federpropeller mal der Wind spielen soll, bekommt ganz sicher einen Charakterkopf.

Qualitätskontrolle auf dem selbst gebauten Laufband

Hansruedi Scheidegger trägt auf seinem Kopf eine Baskenmütze, an den Füßen gestrickte Socken und Birkenstocks. Den hageren Körper, den er mit den Fünf Tibetern – das ist eine Art Yoga-Übung – biegsam hält, umhüllt ein Künstlerhemd mit einem Hauch von Freigeist. Wäre er tatsächlich wie der Meister Eder vom Pumuckl, mit dem er gern verglichen wird, trüge er einen blauen Schurz und einen Schnurrbart und würde zweckmäßige Möbel schreinern. So aber wachsen Bart und Haare widerspenstig und seiner Werkstatt im Regensburger Stadtteil Stadtamhof entspringen wippende Elefanten, wackelnde Pelikane, rollende Kühe, flatternde Donauvögel und Heuhupfer mit Kleiderbügelbeinen, die klappernd rotieren, wenn Hansruedi Scheidegger sie über den „Hometrainer für Watscheltiere“ jagt. „Des müssen’s aushalten“, sagt er vergnügt und dreht die Kurbel seiner selbst gebauten Qualitätskontrolle noch schneller.

Der Ofen bollert, aber die Werkstatt wird kaum warm.
Der Ofen bollert, aber die Werkstatt wird kaum warm. Foto: Sabine Franzl

Bevor Hansruedi Scheidegger begann, Spielzeug zu machen, verdiente er sein Geld als Schreiner und Architekt. Er war ein Lebenskünstler, aber das ist er eigentlich immer noch. Das mit den Spielzeug hat sich so ergeben. Erst bastelte er es für seine eigenen drei Kinder, dann auch für den Verkauf. Es wurde immer mehr. Und jetzt macht er auf seine alten Tage nichts anderes mehr. Keine Kuh, keine Ziege, kein Pferd, kein Elefant gleicht dem anderen. Alles Unikate, versehen mit seiner Signatur, der Windrose. Er sagt zwar nicht, dass er mit den Figuren redet. Aber er gibt zu, dass er sie nicht gern weggibt. „Ich häng’ an jedem einzelnen.“ Der Elefant war schon fertig eingepackt zum Verschicken. Da hat er ihn noch einmal rausgeholt und ein letztes Mal fotografiert.

Wer die Fünf Tibeter draufhat, kann auch auf Stelzen gehen.
Wer die Fünf Tibeter draufhat, kann auch auf Stelzen gehen. Foto: Sabine Franzl

Abschiede liegen ihm nicht so. Er hat schon recht oft Adieu sagen müssen. Seine beiden Frauen sind früh gestorben. Die erste, als seine jüngere Tochter elf Jahre alt war. Und die zweite, als der gemeinsame Sohn ebenfalls elf war. 18-mal ist er umgezogen, bevor er in der Herzog-Albrecht-Straße gelandet ist. Das war vor 23 Jahren. Und jetzt weiß er nicht, ob er noch lange bleiben kann. Der neue Besitzer habe was vor. Es hängt wie ein Damoklesschwert über ihm. Der Rückblick ist schmerzhaft. Und der Ausblick unsicher. Aber das Lächeln ist ihm nicht vergangen. Es sitzt in seinen Augen und in den Fältchen drumherum.

Die Brille rutscht fast auf die Nasenspitze, Hansruedi Scheidegger fixiert das hauchdünne Sägeblatt der Dekupiersäge und führt den Korpus des Vogels in einem langsamen Bogen einmal vor, einmal zurück. So entsteht der Schlitz für die Flügel. Die sägt er aus einem Millimeter dünnen Sperrholz, das sich nass in Form biegen lässt. Passt. Das ist der Schweizer in ihm: präzise wie ein Uhrwerk. Jetzt noch ein bisschen schleifen, dann den Schwerpunkt bestimmen, bohren, dort die Gitarrensaite zum Aufhängen durchziehen, Propeller montieren, fertig. Aber heute läuft’s nicht so. Scheidegger hat die Werkstatt aufgeräumt. Deshalb muss er alles suchen.

Der Elefant auf dem „Hometrainer für Watscheltiere“
Der Elefant auf dem „Hometrainer für Watscheltiere“ Foto: Sabine Franzl

Mit dem Durcheinander kommt er besser zurecht. Er sammelt ja alles Mögliche, und dann fällt der Blick hin und eine Idee ist da. So ging’s ihm zum Beispiel mit den alten Holzbügeln vom Carlson, die er zu Insektenbeinen umfunktionierte. Aus einem hölzernen Zapfhahn wurde ein Spielzeuggockel. Und die Räder seiner Watscheltiere sind mit Fahrradmänteln bereift. „Wenn etwas Neues aus dem Chaos entsteht, dann finde ich das ganz wunderbar“, sagt er.

Spielzeugbauen ist wie ein

Stück nachgeholte Kindheit

Der Zufall ist sein Freund, er führte ihn schließlich auch zum Holz. Aber der Reihe nach. Hansruedi Scheidegger ist in Zürich aufgewachsen. Sein Vater, Jahrgang 1916, hatte als Verdingbub eine schlimme Kindheit. Das ließ er die beiden Söhne auch spüren. Wenn man so will, holt Hansruedi Scheidegger mit seinen Spielzeugen auch ein Stück Kindheit nach. Er ging auf die Primarschule, danach reichte es erst nicht für die Sekundarstufe, „ich war nicht so gscheit“. Die Handwerkerkurse in der 7. Klasse passten eh besser: Hobelkurs, Modellbau etc. Traumberuf: Pilot. Dann doch noch die Sekundarschule, eine Mechanikerausbildung, eine Zeichnerlehre und das Militär – „ein großer Schmarrn“.

Das ist der Schweizer in ihm: Präzise wie ein Uhrwerk schneidet Hansruedi Scheidegger die Flügel aus.
Das ist der Schweizer in ihm: Präzise wie ein Uhrwerk schneidet Hansruedi Scheidegger die Flügel aus. Foto: Sabine Franzl

Er schloss sich einer Theatergruppe an, folgte Freunden und der Kathi, in die er verliebt war, nach München. In einem Experimentalfilm gab er den Rocker und ließ sich anstecken vom Geist der 68er, absolvierte aber auch ein Architekturstudium. 1974 verschlug es die Clique nach Brennberg in die Fahnmühle, ein alternatives Projekt. Hansruedi Scheidegger roch den Bayerischen Wald und wusste auf einmal: „Ich lass das mit dem Architektenzeug sein.“ Später zog er mit seiner wachsenden Familie nach Willmannsberg bei Altenthann. Dort richtete er sich in einem Schuppen eine Werkstatt ein. Er baute Spiegelschränke, Tische, Zickzackbänke, die ersten Spielsachen. Manche Dinge, die er an Freunde und Verwandte verschenkt hat, kommen jetzt wieder zu ihm zurück. Als Erbstücke. Da weiß er nicht so recht, ob er sich drüber freuen soll.

Nahaufnahme: Der Spielzeugmacher

Aber beim Holz kommt Hansruedi Scheidegger ins Schwärmen. Die heilige Linde, die Maserung der Lärche, ihre rötliche Farbe, der Duft der Zirbelkiefer. Der Klang, wenn man draufklopft. Die Jahresringe als Sinnbild für gespeicherte Zeit. Er wirft ein neues Scheit in den Ofen, denn die Kälte in der Werkstatt kriecht ihm langsam in die Knochen. Das wärmt.

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