MyMz
Anzeige

Interview

„Der Synagogen-Fund war eine Sensation“

Unser Autor traf Archäologin Dr. Silvia Codreanu-Windauer. Sie hofft bei Ausgrabungen auf „einige richtig knackige Funde“.
Von Michael Scheiner, MZ

Autor Michael Scheiner traf Silvia Codreanu-Windauer in ihrem Büro beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in Regensburg. Foto: Scheiner
Autor Michael Scheiner traf Silvia Codreanu-Windauer in ihrem Büro beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in Regensburg. Foto: Scheiner

Regensburg.Wo andere nur Staub, Dreck oder ein paar Scherben sehen, erkennt sie eine Backstube, eine Vorratskammer mit einem Ölfässchen oder einen Schlafraum mit einer Schmuckschatulle. Für Dr. Silvia Codreanu-Windauer wird die Vergangenheit lebendig, wenn sie in der Erde buddelt. Und sie ist überzeugt, dass die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Seit drei Jahrzehnten führt die Referentin für mittelalterliche und neuzeitliche Archäologie in Ostbayern Grabungen für das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege durch. In dieser Zeit hat sie viele Funde gemacht, darunter auch spektakuläre und bedeutende Entdeckungen.

Ist der „königliche“ Ausblick aus Ihrem Büro im dritten Stock der königlichen Villa am östlichen Rand der Regensburger Altstadt die Belohnung für den täglichen Morgensport?

(lacht) Morgensport? Das ist ganz normal für uns. Wir gehen die Treppen jeden Tag mehrmals rauf und runter. Anfangs war es eher ungewöhnlich. Die Treppen hier sind breit und wirklich fürstlich. Im Runtingerhaus, wo wir vorher saßen, waren sie sehr schmal und gotisch. Ein ganz anderes Treppensteigen! Aber es hält fit. Und der Ausblick ist wirklich phänomenal. Es macht jeden Tag Freude, in die Arbeit zu kommen und diesen Ausblick auf die Altstadt, die Donau und abends den Sonnenuntergang zu sehen. Großartig!

Sie sind eine Archäologin mit Sinn für öffentliche Wirkung. Von wem sind Sie mehr beeinflusst – von Indiana Jones oder von Heinrich Schliemann?

Na ja, hmm, eigentlich von Schliemann. Also, auf gar keinen Fall von Indiana Jones! Aber auch Schliemann war ja eigentlich ein Abenteurer. Er war von einer Idee beseelt und wollte diese beweisen – Troja zu finden, wie Sie wissen. Wir versuchen uns aber davon überraschen zu lassen, was uns die Erde vorgibt. Wir wollen also nicht dem vorgreifen, was die Geschichte uns zu erzählen hat.

Sie scheinen von Geschichte, von unserer Vorzeit und Herkunft fasziniert zu sein. Wie ist es dazu gekommen?

Für mich war es im Grunde schon immer wichtig, Geschichte zu entschlüsseln. Schon als Kind in der Schule hat mich Geschichte total interessiert. Wir hatten eine fantastische Lehrerin, die uns die Zusammenhänge erklären konnte. Sie hat uns nicht nur einfach Zahlen und Fakten aneinanderreihen lassen. Zuhause gab es in der Bibliothek meines Großvaters auch viel historische Literatur. Später dann, als Jugendliche, habe ich Thor Heyerdahl verschlungen und mir gesagt: ,Ich muss Archäologin werden!‘ Mein Beruf ist für mich eine Berufung. Ich habe mein Hobby wirklich zum Beruf gemacht. In Siebenbürgen, wo ich aufgewachsen bin, steht die östlichste gotische Kirche Europas. Die ist eindeutig von Westeuropa geprägt, am Schnittpunkt von Balkan und Orient, mit Einflüssen aus allen Ecken. Wie kann man unter solchen Umständen aufwachsen und nicht neugierig sein?

Mehr über Dr. Silvia Codreanu-Windauer lesen Sie hier:

Zur Person

  • Dr. Silvia Codreanu-Windauer

    wurde 1955 in Kronstadt, dem heutigen Brasov/Rumänien, geboren und machte am dortigen Gymnasium Abitur. Sie studierte einige Semester Geschichte und Anglistik in Sibiu/Hermannstadt und danach in München Archäologie (Vor- und Frühgeschichte). 1981 Mittelalter-Studium in Bamberg (am ersten Lehrstuhl für Mittelalter).

  • Seit 1972 lebt

    sie in Deutschland. Damals siedelte sie mit der Familie, die in der damaligen politischen Situation hinter dem „eisernen Vorhang“ in einem schwierigen Umfeld lebte, in die Bundesrepublik über. Bis heute besucht sie Rumänien noch regelmäßig.

Welches ist Ihr bislang größter Fund, auf den Sie am meisten stolz sind?

Da gibt es mehrere Sachen, die mich wissenschaftlich und persönlich beschäftigt haben. Seit ich bei Grabungen hier dabei bin, immerhin schon seit 1987, sind das die Grabungen in Burgweinting, die sind ja ein Dauerbrenner seit über 25 Jahren, und am Neupfarrplatz. Das war sicher die Sternstunde meiner Karriere, die Entdeckung der Synagoge dort. Die war ja unter der Neupfarrkirche vermutet worden. Deshalb waren wir unglaublich vorsichtig. Wir haben stundenlang diskutiert und jeden Architekturbefund genauestens erörtert. Ist das so, wie es aussieht? Kann das nicht anders sein? Es war ja klar, wenn wir das ausposaunen, dann ist das eine Sensation! Jede Zeitung, jede Redaktion würde so eine Geschichte aufgreifen. Es kam ja dann auch so. Es war uns ganz klar bewusst, welche Wirkung das haben würde – und welche Blamage es wäre, falls es falsch gewesen wäre. Die bekannte Zeichnung von Albrecht Altdorfer zeigte ja eine andere Lage der Snyagoge an. Einen Fehler konnten wir uns also nicht leisten. Das war jedem absolut klar, als es dann immer deutlicher wurde. Das Teamwork war damals das Schönste für mich, mit Lutz Dallmeier, Stefan Ebeling und den anderen. Auch heute noch mag ich das am meisten.

Bei einem Mann würde man vermuten, dass er den Erfolg für sich reklamiert und sich dafür feiern lässt. Sind Frauen die besseren Teamworker?

Viele Frauen haben ein starkes Harmoniebedürfnis. Und sie haben meist Familie, wie ich auch, in der sie die verschiedenen Bedürfnisse austarieren und in Einklang bringen müssen. Vielleicht kommt es daher. Im diesem Fall haben aber die Problempunkte dazu geführt – das konnte nur im Team zu einer Lösung führen. Heute wird auch viel mehr im Team gearbeitet als früher. Ich erlebe es als schön, wenn ein Team gemischt ist. Das ist meist viel ausgewogener. Tatsächlich ist bei Männern ein Alphatier-Verhalten stärker ausgeprägt. Es gibt aber auch Frauen, die die besseren Männer sein wollen.

Gibt es heute noch etwas, was Sie gern entdecken möchten – etwas, was vielleicht in Ihrer Erfolgssammlung fehlt?

Regensburg ist ein Paradies für Archäologen. Foto: Armin Weigel/dpa
Regensburg ist ein Paradies für Archäologen. Foto: Armin Weigel/dpa

Also einige Dinge sind da schon, die ich gern untersuchen möchte, auch bei Altgrabungen. Zum Beispiel beschäftigt mich schon länger der Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Wie war das mit dem ersten bayerischen Herzog? Wo hatte er seinen Sitz? Manche meinen Augsburg, aber was hätte er in Augsburg machen sollen? Seine Pfalz war in Regensburg, beim Niedermünster. So zwischen 450 und 550 fehlen uns noch einige richtig knackige Befunde. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass römische Gebäude bestanden, die weiter genutzt worden sind. Ich bin sicher, da gibt es noch etwas. Das zu finden, ist sicher auch wichtig für das Selbstverständnis von Regensburg, eine spannende Frage. Mit Ehrgeiz hat das für mich aber nichts zu tun, ich muss mir keinen Namen mehr machen. Meine persönlichen Bedürfnisse liegen heute woanders.

Wenn man so viel in der Vergangenheit wühlt und gräbt, gerät da womöglich die Gegenwart manchmal aus dem Blick?

Nein, absolut nicht! Gerade hier in Regensburg haben wir doch mit unserer Arbeit für die Zukunft unheimlich viel geschaffen. Denken Sie nur an das document Legionslagermauer oder das document Neupfarrplatz. Bei diesen Dingen geht es aber nicht nur um Sehenswürdigkeiten und Tourismus. Sie spielen für das Bewusstsein der Bürger eine große Rolle. Es ist zu einem integralen Bestandteil des Unterrichts in Schulen geworden. Und breite Bevölkerungsteile haben verinnerlicht, wie wichtig das für sie ist. Das Wissen, warum wir hier sind und was die Fundamente sind, ist für viele Menschen ein ernstes Thema. Das führt uns doch zu Fragen: Wie steht es um die Toleranz? Wie stehen wir Andersgläubigen gegenüber? War es richtig, Juden zu verjagen und umzubringen?

Das beeinflusst unser Zusammenleben…?

Klar, wir müssen wissen, wir stehen hier auch auf römischem Boden. Es ist Teil eines wichtigen Geschichtsstranges und durchdringt unsere heutige Geisteshaltung. Ich bin ja Kulturoptimistin… (lacht).

Auf der jüngsten Großbaustelle, dem Haus der bayerischen Geschichte, wurde auch gegraben und unter anderem verkohltes Backwerk gefunden. Haben Sie mal verkohlte Brezn gekostet?

Die verkohlten Überreste Semmeln und Brezen hatten Archäologen am Donaumarkt ausgegraben – vielleicht wissenschaftlich nicht der bedeutendste Fund, trotzdem eine kleine Sensation.
Die verkohlten Überreste Semmeln und Brezen hatten Archäologen am Donaumarkt ausgegraben – vielleicht wissenschaftlich nicht der bedeutendste Fund, trotzdem eine kleine Sensation. Foto: Lex

Niemals, nein! Interessant ist aber vor allem daran, dass häufig die wissenschaftlich unwichtigsten Sachen die größten Beachtung finden. Ich finde Spaß an solchen Geschichten. Wobei es weit mehr als nur die Breze gab, es wurden auch Kipferl und andere Sachen in der Grube gefunden. Oft fragen mich Kollegen, wann ich die erste Maß Bier finde (lacht herzhaft)!

Was steht denn bei Ihnen so auf dem Speiseplan, wenn es keine Brezn und unfrische Backwaren sind? Was gehört zu Ihren Lieblingsspeisen?

Ich esse ja sehr gern. Am liebsten griechisch-balkanisch und alles, was mit der Küche der k. und k. Monarchie zusammenhängt. Also vom Palatschinken angefangen über Apfelküchel und Zwetschgenknödel bis zu Topfen- und Marillenknödel. Auch Kipfel-Aufläufe liebe ich sehr. Eigentlich ziemlich alles, was aus der österreichisch-ungarischen Küche kommt.

Wie stehen Sie zu Hobbyarchäologen, die ja auch immer wieder einmal mit spektakulären Funden aufwarten…?

Schwieriges Terrain, sehr schwieriges Thema. Man muss sich an bestimmte rechtliche Rahmen halten und das sieht nicht jeder ein. Professionelle Archäologen sind sich zudem bewusst, wie man mit Spuren der Vergangenheit umgeht, da geht es nicht nur um ein bestimmtes Objekt.

…und selbst, haben Sie überhaupt noch Zeit für ein Hobby?

Steinstatuen (Moais) am Ahu Tongariki auf der Osterinsel. Durch die riesigen tonnenschweren Figuren aus dunklem Tuffstein wurde die heute zu Chile gehörende Insel weltberühmt. Foto: Conny Martin/dpa
Steinstatuen (Moais) am Ahu Tongariki auf der Osterinsel. Durch die riesigen tonnenschweren Figuren aus dunklem Tuffstein wurde die heute zu Chile gehörende Insel weltberühmt. Foto: Conny Martin/dpa

Doch, natürlich. Ich habe einen großen Garten und reise sehr gern. Jetzt mit 61 muss man allerdings schon überlegen, was man noch will, bevor einem das Schicksal einen Strich durch die Rechnung macht. Ganz oben auf meiner inneren To-do-Liste stehen die Oster-Inseln. Das ist Urlaubsziel für 2017! Zum 60., letztes Jahr, war es Machu Picchu. Als Archäologe muss man das gesehen haben! Und wissen Sie, was das schönste ist: Die Lage!

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, ein Angebot exklusiv für ePaper-Kunden. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht