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Interview

„Der Tod macht mir keine Angst“

Manfred Beer begleitet Sterbende in Regensburg. Mit der MZ spricht er über kalte Familien, Loslassen und den größten Fehler.
Von Marion Koller, MZ

Regensburg.Manfred Beer strahlt eine ruhige Heiterkeit aus, wie sie nur wenige Leute besitzen. Ins Johannes-Hospiz hat er einen Stoß Unterlagen mitgebracht, die er aber nicht braucht. Der 75-Jährige ist ein überzeugter Verfechter des würdevollen Sterbens. Seine Tätigkeit erfüllt ihn. Der schlaksige Rentner scheint völlig im Reinen mit sich zu sein. Ohne Zögern gibt er Auskunft über persönliche Dinge. Nur eine Frage irritiert ihn: die nach dem umstrittenen Spendenbild für das Hospiz in Regensburg-Pentling.

Herr Beer, seit 14 Jahren begleiten Sie Sterbende. Was haben Sie dabei gelernt?

Ich habe gelernt, die Gefühle stärker in den Vordergrund zu rücken. Im Beruf hatte ich eine leitende Stelle. Ich habe mich zwar als Coach gesehen, nicht als Oberlehrer. Trotzdem wurde mir vorgeworfen: „Mein Gott, bist du kopfgesteuert!“ Jetzt hat sich viel in den Bauch verlagert. Außerdem kann ich das Wichtige im Leben vom Unwichtigen unterscheiden.

Was ist das Wichtigste?

Der Einklang mit sich selber, Demut, Achtsamkeit gegenüber den Menschen.

Haben Sie gelernt, den Augenblick zu genießen?

Ja (lächelt), ich habe gelernt, die Schönheit des Lebens zu schätzen. Ich bin ein grenzenloser Optimist.

Wie haben Sie die erste Begleitung erlebt?

Sie hat mich auf den Boden gebracht. Es war ernüchternd. Ich wurde zu einer 74-Jährigen mit Gebärmutterhalskrebs ins Josefs-Krankenhaus gerufen und blieb bei ihr. Ich verständigte ihren Bruder. Er sagte: „Rufen Sie mich an, wenn sie tot ist.“ Nach dem Tod der alten Dame bin ich zum Reden zu Petra Seitzer gefahren, der Vorsitzenden des Hospiz-Vereins.

Meditation und Yoga helfen Ihnen.

Ja, ich brauche ab und zu ein Ventil, um Kraft zu schöpfen für das, was mich in der kommenden Woche erwartet. Meditation und Yoga ergänzen sich sehr gut. Einmal im Jahr gehe ich für eine Schweigewoche ins Franziskanerkloster Dietfurt.

Haben Sie vor der Hospizarbeit auch schon meditiert?

Nein, da waren die Schwerpunkte Sport und Kultur. Tennis musste ich wegen Rücken- und Knieverletzungen aufgeben. Aber ich fahre noch Rad und mache Skilanglauf, ich gehe nach wie vor Touren und klettere. Die körperliche Leistungsfähigkeit lässt nach. Man muss bestimmte Dinge loslassen.

Schwierig – oder?

Ja, aber Hospizarbeit bringt die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit. Schon im ersten Sterbebegleiter-Seminar musste ich eine Antwort auf die Frage nach meiner Endlichkeit finden.

Wie stehen Sie dazu?

Ich will dem Gemeinwohl noch dienen, weiß aber, dass das in absehbarer Zeit ein Ende hat.

Welche Sterbebegleitung wird Ihnen in Erinnerung bleiben?

Ein Alkoholiker mit Zungenkrebs, im Bezirksklinikum. Nach Weihnachten durfte er in seine Altenheimwohnung. Alle dachten, er sei auf einem guten Weg. Er war gleichaltrig, hat Jazz geliebt wie ich und lange in Südafrika gelebt. Ich war ein Jahr dort gewesen. Er pumpte mich um Geld an und ich gab es ihm. Das war der größte Fehler, den ich je gemacht habe. Er setzte es in Alkohol um, randalierte und brach tot zusammen. Ich wollte dafür sorgen, dass er ins elterliche Grab kam, aber er war das schwarze Schaf der Familie und kam in ein Urnengrab.

Eine Begleitung, die Sie zufrieden macht.

Eine Nachtwache bei einem Schwerstkranken. Die Tochter wollte bei seinem Tod anwesend sein, war aber völlig erschöpft. Ich blieb nachts bei ihm. Das ist anstrengend, man darf nicht einschlafen, muss auf die Atemfrequenz des Sterbenden achten. Es war ein glücklicher Moment für die Tochter, beim Tod dabei zu sein.

90 Prozent der Pflegekosten übernehmen die Kassen, den Rest bringen Hospiz und Verein auf. Erhalten Sie genug Spenden?

Wir können uns nicht beklagen. Manche Leute meinen aber, sie müssen Sachspenden machen.

Manfred Beer spricht über sein Menschenbild. Video: Marion Koller

Sie sprechen von dem Bild, das die Charity Art Group gegeben hat.

Ja. Ich finde es anmaßend, ein Bild bei einem Künstler zu kaufen und sich dann das soziale Mäntelchen umhängen zu wollen. Ich verstehe das nicht.

Der Bundestag hat jetzt ein Verbot der organisierten Sterbehilfe beschlossen.

Ich finde das Gesetz gut. Beihilfe zum Suizid sollte nicht zum Geschäft werden. Ich bin aber gegen jede aktive Sterbehilfe, auch gegen ärztliche Beihilfe. Wir müssen eine neue Wertevorstellung zum Sterben entwickeln. Ärzte müssen wissen, wann die Behandlung aufhört und die Begleitung beginnt. Hospize und Palliativmedizin sollten stärker ausgebaut werden.

Was bereuen Sterbende?

Sie beklagen, dass sie das eine oder andere falsch gemacht und deshalb die Krankheit bekommen haben. Raucher mit Lungenkrebs zum Beispiel sagen: „Da habe ich meinen Körper vergewaltigt.“ Aber das ist eher Selbsterkenntnis. Noch nie hat einer bereut, bei seiner Ehefrau oder in seinem Beruf geblieben zu sein.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, er macht mir keine Angst. Bei jeder Begleitung wird mir die eigene Endlichkeit bewusst.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich neige mehr zum Agnostiker. Mit der katholischen Kirche gehe ich nicht konform.

Da sein und zuhören

  • Johannes-Hospiz Pentling:

    Das Haus bietet zehn Zimmer für Schwerstkranke und Sterbende. Träger: die Johanniter.

  • Arbeit im Hospiz-Verein:

    Manfred Beer wirkt im Hospiz-Verein in Öffentlichkeitsarbeit und Planung mit.

  • Der Verein entscheidet wiederum im Hospiz mit.

  • Aufnahme-Voraussetzung:

    Die Aufnahme eines Todkranken ins Hospiz beantragt der Hausarzt. Der Pflegeschlüssel sei wesentlich besser als auf einer Palliativstation, sagt Manfred Beer.

  • 14 Jahre Engagement:

    Elektroingenieur Beer hat bislang etwa 50 Sterbende begleitet. Er besucht sie, liest vor, hört zu. In Schulen spricht er über Sterben und Trauer, damit Jugendliche lernen, damit umzugehen. (ko)

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