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Gesellschaft

Die Armut lässt Tierfreunde verzweifeln

Bei der Sozialen Futterstelle in Regensburg melden sich zunehmend Senioren in Not. Eine Expertin kümmert sich jetzt um sie.
Von Marion Koller, MZ

  • Tierliebe Senioren, die wenig Geld haben, sparen lieber an sich selbst als am Vierbeiner. Foto: dpa
  • Sozialarbeiterin Else Zaharanski kümmert sich jetzt bei der Sozialen Futterstelle um die Probleme der Tierhalter. Foto: Wilke

Regensburg.Seit zwei Jahren können in Not geratene Tierfreunde die Nahrung für ihre Lieblinge bei der Sozialen Futterstelle, Drehergasse 20, holen. Leiterin Gudrun Wilke und ihre Helfer beobachten einen kontinuierlichen Anstieg von Neukunden, überwiegend Rentner.

Die Ehrenamtlichen im Empfang hören zahlreiche traurige Lebensgeschichten. „Für uns ist es fast unerträglich, einen alten Menschen in Tränen ausbrechen zu sehen, wenn wir Hilfe anbieten“, schildert Gudrun Wilke.

„Die Scham ist groß“

Nach ihrer Erfahrung vermeiden viele sozial schwache Senioren den Weg zum Sozialamt, auch wenn sie berechtigt wären. „Die Scham ist groß“, sagt die 61-Jährige, die hauptberuflich als betriebliche Suchtberaterin bei der Stadt beschäftigt ist.

Auch zur Sozialen Futterstelle kommen die verarmten Tierfreunde erst, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen – etwa die Tierarztkosten nicht begleichen können. „Über die Tiere kommen wir an die Menschen“, stellt Wilke fest. Denn an der Empfangstheke schütten die Kunden ihr Herz aus. Intensive Gespräche kann das Team aber während der Arbeit nicht führen. „Wir sehen sehr häufig, dass alte Menschen durchs System fallen.“ Sie wüssten nicht, wo sie um Unterstützung bitten könnten, was ihnen zustehe oder wo sie Anträge stellen könnten. „Ich habe mein Leben lang gearbeitet und muss jetzt betteln gehen“, hören Wilke und ihre Mitarbeiter. Die Ehrenamtlichen sind entsetzt über die niedrigen Renten. Weil immer mehr Menschen mit großen Problemen und vielen Fragen kommen, hat der Verein einen mobilen Sozialdienst eingeführt. Seit November betreut die pensionierte Sozialarbeiterin Else Zaharanski, die noch in Altersteilzeit im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder tätig ist, die Kunden. Die 62-Jährige besucht die Tierfreunde zu Hause. In der gewohnten Umgebung und unter vier Augen öffnen sich die Menschen. Anfangs sitzen sie oft mutlos vor ihr, äußern sogar Selbstmord-Gedanken. Else Zaharanski fragt nach, wo der Schuh drückt – und hilft.

Über frühere Kolleginnen aus dem Krankenhaus ist die 62-Jährige zur Sozialen Futterstelle gestoßen und hat den Ehrenamtlichen zunächst bei der Ausgabe unter die Arme gegriffen. Dort hat sie Menschen kennengelernt, die alt, arm und krank sind. Ihnen bleibe oft nur das Haustier als Ansprechpartner, erzählt Else Zaharanski. „Je lauter man in unserer Gesellschaft schreit, desto eher wird man gehört. Ich habe schon immer ein offenes Ohr für die gehabt, denen es nicht gut geht.“ Sie vermittelt Kontakte zu Sozialstiftungen, zur Fürstlichen Notstandsküche oder zum Verein Strohhalm und begleitet die Klienten zu Ämtern.

Der Verein händigt mittlerweile an 180 Kunden in der Stadt alle vier bis fünf Tage Futter aus. Die Zahl wächst rapide, auch weil der Landkreis Regensburg dazukommt. Bei jeder Ausgabe registrieren Wilke und ihre Mitstreiter, die alle ehrenamtlich arbeiten, rund zehn Neuanmeldungen.

Der Verein hat inzwischen ein ganzes Unterstützernetz gewoben. Tierheilpraktiker und -ärzte arbeiten mit, Tierbedarfsgeschäfte, Futtersponsoren, ein Drogeriemarkt und private Geldgeber greifen der Futterstelle in der Drehergasse unter die Arme. Mit dieser Helferschar im Hintergrund sucht Else Zaharanski Lösungen. Meistens geht es um eine Krankheit des Tiers. Rentner, die ohnehin schon am Existenzminimum leben, können das Honorar für den Tierarzt nicht aufbringen. In solchen Fällen springt die Futterstelle mit einem Zuschuss bei.

Wenn sich zwei Trauernde finden

Oder der vierbeinige Begleiter ist gestorben und sein Herrchen fällt in ein tiefes Loch. „Wir versuchen, ein altes Tier zu finden, das Frauchen oder Herrchen verloren hat, und vermitteln es“, erklärt Gudrun Wilke, die selbst vier kranke Katzen bei sich aufgenommen hat.

Die 61-Jährige schildert einige Fälle: Die Pudeldame Susi eines fast 80-Jährigen musste nach 15 Jahren eingeschläfert werden. Das brach dem Senior beinahe das Herz. Doch die mit dem Verein eng zusammenarbeitende Tierärztin Dr. Annette Gürtler sagte Bescheid und bat darum, sofort wieder einen Vierbeiner zu besorgen. Die Katze Paula, ebenfalls verwaist, kam zu dem alten Herrn und schenkte ihm wieder Lebensmut. Damit es den beiden weiterhin gut geht, schauen die Ehrenamtlichen der Futterstelle regelmäßig nach. Sie besorgen auch das Futter für Paula. Wenn die Katze erkrankt, kümmert sich die Tierärztin.

Eine Endsechzigerin putzt bei der Sozialen Futterstelle, um neben der Nahrung für ihre Katze Moses auch die Tierarztkosten zu bekommen. Die Frau bezieht eine Mini-Rente, stockt mit Grundsicherung und Wohngeld auf. Weil ihre Zwei-Zimmer-Wohnung laut Sozialhilfe-Vorgaben zu groß ist, soll sie umziehen. Der Verein bemüht sich, dass sie bleiben darf. „Es geht oft um viel mehr als Futter“, weiß Gudrun Wilke.

Die Soziale Futterstelle

  • Der Verein

    gründete sich im November 2012. Eröffnung der Futterausgabestelle war im Februar 2013. Das Ziel ist, finanziell in Not geratenen und bedürftigen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr geliebtes Haustier zu behalten. Gerade für ältere Menschen ist ein tierischer Begleiter häufig der einzige Grund, um den eigenen Tagesablauf zu strukturieren. Ein Tier ist in vielen Fällen der beste Freund oder sogar Familienersatz.

  • Futter und Tierbedarfsartikel

    erhalten die Kunden beim Verein kostenfrei. Die Voraussetzung: Sie müssen nachweisen, dass sie bedürftig sind. Das Tier muss schon vor dem Eintreten der Bedürftigkeit im Haushalt gelebt haben. Neuanschaffungen von Tieren lehnt der Verein ab.

  • Kontakt:

    Soziale Futterstelle, Drehergasse 20, Tel. 01 51 / 23 26 17 46; www.futterstelle-regensburg.de

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