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Musik

Die Domspatzen auf den Spuren Jesu

In Israel trafen die Regensburger auf heilige Stätten, ein Land voller Vielfalt und Konflikte und die eigene Vergangenheit.
Von Katharina Kellner

Ein bewegender Moment: Im Tal der Gemeinden in Yad Vashem sangen die Domspatzen das Miserere ohne offizielle Repräsentanten, nur für sich und einige Zuhörer. Fotos: Kellner
Ein bewegender Moment: Im Tal der Gemeinden in Yad Vashem sangen die Domspatzen das Miserere ohne offizielle Repräsentanten, nur für sich und einige Zuhörer. Fotos: Kellner

Regensburg.Als der letzte Ton des „Miserere“ verklungen ist, ist es minutenlang völlig still. Es ist eine angespannte, fast schmerzhafte Stille. Manch einer kämpft mit den Tränen. Obwohl hier 250 Menschen zusammenstehen, unterbricht niemand das Schweigen. Jeder spürt die Würde dieses Ortes.

Wir sind in Yad Vashem in Jerusalem. Der Besuch der weltweit bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte hat für den Chor der Regensburger Domspatzen eine besondere Bedeutung. Während der Zeit des Nationalsozialismus war der Domchor eng mit dem NS-Regime verbunden: Die Domspatzen sangen beim Reichsparteitag und auf dem Obersalzberg, Hitlers Privatresidenz. In Yad Vashem singen die Domspatzen nur für sich, ohne offizielle Repräsentanten. Es ist ihnen ein Anliegen. Viele der Sänger treibt der Besuch tagelang um. Philip Schönharting aus der 12. Klasse war nicht nur vom „Miserere“ beeindruckt: „Die Stille danach, da hab ich durchgezittert.“

Domspatzen erlebten Kontraste

Yad Vashem bedeutet einen Kontrast zum übrigen Programm der einwöchigen Reise durch Israel und Palästina, die als Pilgerreise gestaltet ist. Doch der Besuch des Memorials passt zum Bedürfnis vieler Domspatzen, möglichst viel zu erfahren über Land und Leute, über Kultur und Konflikte. Und dann ist da natürlich ihre Musik: „Wir identifizieren uns als Chor stark mit der Musik, in der es um diese Orte geht“, sagt Kilian Brandscherdt, der im Männerchor singt. Im „Heiligen Land“, wie Pilger die heiligen Stätten in Israel und Palästina nennen, steht für sie die Osterliturgie im Vordergrund.

Eindrücke von der Israel-Reise der Domspatzen sehen Sie in unserer Bilderstrecke:

Die Domspatzen in Israel

Tatsächlich haben die Domspatzen gleich am ersten Reisetag den besonderen „Flow“, wie sie das nennen. Bei einer Marienandacht in der Verkündigungskirche singen sie ein unvergleichliches Ave Maria. Schon während des Singens ist zu sehen, wie der Klang Zuhörer, Sänger und selbst den Domkapellmeister packt. Für Chortheologe Christian Hambsch ist es das wundervollste Ave Maria, das er in seiner gesamten Zeit bei den Domspatzen gehört hat. „Und dann an diesem besonderen Ort“, ruft er begeistert. „Das Ave Maria ist mein persönliches Highlight der Reise“, bestätigt der 17-jährige Finn Kihn: „Auch wenn man das Stück schon so oft gehört hat: Als die Knaben eingesetzt haben, war das ein so schöner Moment, dass der halbe Männerchor geflennt hat.“ Die verbindende Kraft der Musik, die Zuhörer aus aller Welt anzieht, ist schon in der Abflughalle in München zu spüren: „Very beautiful“, sagt beeindruckt ein Reisender mit Kippa und Schläfenlocken, der Zeuge eines spontanen „Flahmobs“ der Sänger wird.

Am Dienstag singen die Domspatzen auf dem Ölberg in Jerusalem. „So wie sich jeder Fußballer wünscht, im WM-Finale zu spielen, ist es für einen Domspatzen, am Ölberg zu singen“, erklärt Präfekt Sebastian Leitl. „Finale gewonnen“, nimmt Chortheologe Christian Hambsch das sprachliche Bild auf, als alle danach im Bus sitzen. Der Anblick der malerischen Kirchen auf dem Jerusalemer Ölberg und der Orte, wo Jesus die Jünger das Vaterunser gelehrt und in Todesangst geweint haben soll, beflügeln die Sänger.

In unserem NewsBlog können Sie die Erlebnisse der Domsspatzen nachlesen.

Live

Im NewsBlog: Die Domspatzen in Israel

Eine Woche ist der Regensburger Chor auf Pilger- und Konzertreise in Israel unterwegs. Wir berichten im NewsBlog.

Der Wunsch, die Vielfalt des Landes kennenzulernen und sich mit den politischen Konfliktlinien auseinanderzusetzen, ist auf einer Pilger-Gruppenreise mit so vielen Menschen und eng getakteten Gottesdiensten und Besichtigungen nicht einfach zu erfüllen: Nicht nur 87 Domspatzen und ihre Betreuer wandeln auf den Spuren von Jesus durchs „Heilige Land“. Begleitet werden sie von ihrem Schirmherrn Bischof Dr. Rudolf Voderholzer und weiteren Pilgern, insgesamt rund 150 Menschen. Das Programm vereint die Wünsche von Bistum und Chor. Um nicht nur zwischen heiliger Stätte und Souvenirshop zu pendeln, treffen die Sänger bei zwei Gelegenheiten mit anderen Schülern zusammen. Mit Schülerinnen der Schmidt-Schule hat Kilian Brandscherdt über Politik gesprochen, wie er erzählt. Die arabischen Jugendlichen hätten das israelische Gebiet Palästina genannt. Doch es sei zu wenig Zeit zum Reden gewesen. „Es wäre schön gewesen, noch mehr über den Alltag der Menschen hier zu erfahren“, sagt Bastian Kollmer.

Spontanes Lied für die Soldaten

Zu übersehen ist der Nahostkonflikt allerdings nicht. Bei einem Stopp mit dem Bus schauen die Domspatzen hinüber ins Nachbarland Syrien und erfahren, dass Israel in seiner Nachbarschaft kaum Verbündete hat. Auf dem Parkplatz stehen israelische Soldaten – die Sängerknaben singen den Soldaten ein spontanes „Viel Glück und viel Segen“ zum jüdischen Neujahr Rosch ha- Schana. Die Israelis fragen nach Erinnerungsfotos.

Im Video: Wir haben Domkapellmeister Roland Büchner zur Kaffeepause getroffen.

Domkapellmeister Roland Büchner in unserer Kaffeepause; Video: MZ

Reiseleiterin Marion Giladi, die die heiligen Stätten zur Genüge kennt, freut sich über den Abstecher zu einer christlichen Gemeinde im palästinensischen Bir Zeit, wo normalerweise kein Pilger hinkommt. Jüdische Israelis hätten keinen Zutritt zu den palästinensisch verwalteten Gebieten, erklärt sie. Rote Schilder am Straßenrand weisen darauf hin. Die Realität der Checkpoints und der verschiedenen konfessionellen Gruppen auf engem Raum kann in diesem Landstrich niemand übersehen und überhören: Manchmal ertönt der Chorgesang zeitgleich mit dem Ruf des Muezzin.

Diese Eindrücke bereichern die Domspatzen. Mit ihrem Gesang hätten sie „die Orte, die für unseren Glauben so wichtig sind, zum Strahlen gebracht“, sagte Bischof Voderholzer. In Yad Vashem ist ihnen etwas noch Außergewöhnlicheres gelungen: Ein Moment in der Geschichte ihres Chores, den keiner vergisst und für den nachfolgende Generationen dankbar sein dürfen.

Menschen und Eindrücke

Wen die Domspatzen in Israel getroffen haben und welche Eindrücke sie gesammelt haben, erfahren Sie hier:

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