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Einrichtung

Die Heilige Nacht an den Bahnhofsgleisen

Die Bahnhofsmission missioniert nicht mit Worten, sondern mit Taten. Auch an Weihnachten sind die Helfer für Reisende und Bedürftige da.
von Erika Neufeld, MZ

Für die Mitarbeiter der Bahnhofsmission sind die Weihnachtstage ganz normaler Alltag.Foto: dpa-Archiv

Regensburg. Für die Mitarbeiter der Bahnhofsmission sind die Weihnachtstage ganz normaler Alltag – zumindest, wenn sie im Dienst sind. Ob nun sonntags, wochen- oder feiertags, die Helfer mit den blauen Westen werden immer gebraucht. Denn Armut, Einsamkeit und Not machen niemals Pause, sie sind allgegenwärtig. Trotzdem: Einiges ist an den Weihnachtstagen doch anders. „Wir müssen viel öfter trösten“, erzählt Gertrud Reber. Sie weiß, wovon sie spricht. Seit über zehn Jahren ist sie bei der Bahnhofsmission – als einzige hauptamtliche Mitarbeiterin. „Viele der Bedürftigen vergessen, sich für eine der Weihnachtsfeiern anzumelden“, erzählt sie. „Dann klopfen sie bei uns an – und sind untröstlich, weil sie allein sind.“

Seelentröster am Bahnhof

Für diese Menschen steht im warmen Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission ein geschmückter Christbaum. Auf den Tischen sorgen künstliche Weihnachtssterne auf roten Servietten für ein festliches Ambiente. Seelentröster sind Lebkuchen, Plätzchen und Stollen, die von der Tafel gespendet werden.

An Werktagen und tagsüber können Hilfsbedürftige an Fachstellen weitergeleitet werden. Wenn nun einer dringend einen Seelsorger braucht, wird er zum Pfarramt am Domplatz geschickt. Braucht jemand Bekleidung, bekommt er die Adresse der Kleiderkammer. Wer ein warmes Essen sucht, ist im Strohhalm richtig. Schwierig wird es allerdings dann, wenn diese geschlossen haben – wie an den Weihnachtstagen oder in der Nacht. „Eigentlich sind wir in erster Linie für Reisende da“, sagt Gertrud Reber. Die Mitarbeiter helfen beim Um-, Ein- und Aussteigen, unterstützen behinderte Fahrgäste, Kinder und Senioren. Wenn jemand nachts unterwegs ist und seinen Anschlusszug verpasst, bekommt er einen notdürftigen Schlafplatz – allerdings nur, wenn er ein Ticket vorzeigen kann.

Tafel spendet Wurst und Obst

Aber es sind nicht nur Reisende, die an der Tür der Bahnhofsmission läuten – sondern auch viele Arme. „Niemand, der Hilfe braucht, wird von uns abgewiesen“, sagt Reber. Sie beobachtet, dass ab Mitte des Monats immer mehr Bedürftige kommen und nach Essen oder Trinken fragen.

„Leider haben sie nicht gelernt, mit Geld umzugehen und geben in kürzester Zeit alles aus“, sagt sie. Damit niemand hungrig und durstig bleibt, müssen die kleinen Schränke in der Bahnhofsmission gefüllt sein. Dafür spendet die Tafel regelmäßig frisches Obst, Joghurt, aber auch Wurst und Semmeln. Trotzdem betont Gertrud Reber: „Wir sind nur zur Notversorgung da!“ Die Arbeit an den Gleisen fordert heraus. Manchmal überrascht sie auch – wie erst kürzlich einen Kollegen während der Nachtschicht. Er hatte eine Dame herein gelassen, die ihren Zug verpasst hatte. Was er nicht wusste: Sie war Opernsängerin und hatte plötzlich Arien geschmettert. Es war so schön gewesen, dass er noch bei der Übergabe am nächsten Morgen eine Gänsehaut hatte. Seither wartet jeder auf eine solche Nachtschicht. Vielleicht trifft es ja den Mitarbeiter, der die Weihnachtsnacht allein im Büro der Bahnhofsmission verbringt und in der Kälte an den Gleisen steht – um für die da zu sein, die Hilfe und Schutz brauchen.

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