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Kultur

Die kleine Welt in einem Zelt

„Von hintergründigem Tiefsinn bis abgrundtiefen Unsinn“: Das Mini Mundi Festival entführte vier Tage in andere Sphären.
Von Elisabeth Angenvoort

Mini Mundi-Künstler: Birgit Nurtsch, Florian Hanglberger, Eva Maria Zepf, Johann Maierhofer, Nicole Engel und Fredman Lill (von links) Foto: E.Angenvoort
Mini Mundi-Künstler: Birgit Nurtsch, Florian Hanglberger, Eva Maria Zepf, Johann Maierhofer, Nicole Engel und Fredman Lill (von links) Foto: E.Angenvoort

Regensburg.Auf der Regensburger Herbstdult wird auch an diesem Wochenende wieder heftig gefeiert. Wenige hundert Meter weiter öffnet sich eine Oase der Ruhe: Zwischen RT-Halle und Sportplatz hat Fredman Lill seine eigene kleine Welt mitgebracht; vier Tage lang können Menschen hier einander begegnen und Kunst erleben.

Das Zelt, erzählt Fredman, wurde von einem Zeltbauer innerhalb einer Woche in Marokko angefertigt, aus bunten Stoffbahnen, mit vielen künstlerischen Details – und einem Notausgang, „denn der ist Vorschrift“.

Es sei nicht einfach, als Kleinkünstler den Sprung auf eine der bekannteren Bühnen zu schaffen. Darum habe er sich für seine eigene Wanderbühne entschieden. Zusammengefaltet passen Stoff und Gestänge in den bunten VW Bus, der seit Mai zu Fredmans mobiler Wohnung geworden ist. Das habe sich so ergeben, sagt er. Seine Jobs als Musiklehrer und Sozialbetreuer in einem Altenheim hat er zwischenzeitlich auf Eis gelegt. Ihm gehe nichts ab, auch wenn natürlich manches nur mit Humor zu nehmen sei, wenn man als Straßenmusikant seinen Lebensunterhalt verdient.

Ein Pseudonym mit Geschichte

Fredman, der eigentlich Manfred heißt, sitzt vor seinem kleinen fahrbaren Wohn-, Ess- und Schlafzimmer und wirkt völlig eins mit sich selbst. Die Namensverdrehung sei aus einer Laune heraus entstanden, erzählt er, und zugleich eine Reminiszenz an den schwedischen Dichter Carl Michael Bellmann, dessen (Trink-)Liedersammlung unter dem Pseudonym „Fredman“ entstanden sind. Außerdem klingt der Name im Schwedischen „einfach besser“. Nicht nur Namen und Worte sind ein Ausdruck seines Selbstverständnisses, sondern auch die Art, wie sie geschrieben werden: So ließ er seinen Künstlerfreund Johann Maierhofer die Schriftzüge auf und im Zelt, selbst das „Notausgang“-Schild als kalligraphische Kunstwerke gestalten.

Das Mini Mundi Festival

  • Dialog:

    „Quetschenspielerin“ Michaela Dietl und Liederpoet Fredman Lill ergänzten sich beim spontanen Improvisieren wunderbar „in a-Moll, d-Moll und E7“. Die Zuhörer baten um Zugabe.

  • Begegnung:

    Florian Hanglberger traf als Kaiser Karl V. auf Barbara Blomberg (Eva Maria Zepf). Am 5. September ist das Stück anlässlich der kalligraphischen Stadtführung (VHS Regensburg) noch einmal am historischen Ort zu sehen.

  • Schriftkunst:

    Johann Maierhofer hat das Mini Mundi Zelt innen und außen gestaltet. „Große Welt, kleine Welt, doch in jedem Falle deine Welt, meine Welt, eine Welt für alle“, steht an einer Wandinnenseite.

  • Begeisterung:

    Andreas Albrecht besuchte das Festival am Samstagabend zum ersten Mal und war begeistert von der Atmosphäre.

  • Weitere Infos: www.nicole-engel.de/fredman

  • www.schriftkunst.de/fredman

Den Schriftkünstler hat er vor zehn Jahren zufällig in einer Regensburger Galerie kennengelernt. Seitdem stehen sie gemeinsam auf der Bühne. „Fredmans Musik hat mich vom ersten Ton an begeistert“, sagt Maierhofer heute. Die Zusammenarbeit mit ihm sei „wunderbar“.

Maierhofer zaubert nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch mit Worten. Beim diesjährigen Mini Mundi Festival kann das Publikum eine Premiere erleben: Maierhofers Geschichte über Barbara Blombergs Begegnung mit Karl V. in Regensburg. Eva Maria Zepf und Florian Hanglberger lassen durch ihr lebendiges Schauspiel erahnen, wie die Beziehung zwischen Bürgerstochter und Kaiser damals gewesen sein könnte. Am kommenden Donnerstag anlässlich der kalligraphischen Stadtführung wird das Stück am historischen Ort, der früheren Kapelle im Goldenen Kreuz, noch einmal zu sehen sein.

Das Kleine-Welt-Projekt sei „ein Geschenk für die Stadtgesellschaft“, sagt Maierhofer, „sowas müsste die Stadt viel mehr fördern“. Es sei ein „sehr idealistisches Projekt mit Herzblut“, ergänzt Fredmans Lebensgefährtin Nicole Engel: „Leben kann man davon nicht.“

Bis zu 50 Personen passen in das Zelt, etwa 30 waren es am ersten Abend, als die Folkband CUILIN mit schottischer Musik begeisterte; etwas weniger kamen am Freitag zu „Fredman und Gäste“. Am Samstagabend und zur Matinee sonntagvormittags sind fast alle Stühle besetzt. Eine Menge Zwischenmenschliches sei hier schon geschehen, sagt Engel: „man erfährt viel Persönliches“ in diesem ganz besonderen Raum für Begegnungen.

Spontanes Duett

So ergibt es sich auch wie von selbst, dass Michaela Dietl, die Solo-Künstlerin des Samstagabends, ihren Gastgeber spontan zum Duett auffordert. Die in Landshut geborene Powerfrau spielt ein Akkordeon aus Philadelphia, ein Unikat mit zusätzlichem Tango-Register. Sie und Fredman improvisieren gemeinsam auf ihren Instrumenten, als würden sie das jeden Tag tun.

„Improvisation“ ist auch das Titelthema, das die „Quetschenspielerin“ diesem Abend gegeben hat, wobei „improviso“ eigentlich „unerwartet“ bedeutet, also kreative Lösungen zu finden für etwas Unvorhergesehenes, und nicht „eigentlich könnte man es besser machen“, erklärt die Künstlerin. Er habe sich schon oft spontan auf vieles eingelassen und improvisiert, ergänzt Fredman, und nie etwas bereut.

Der Samstagabend ist, wie das ganze Kleine Welt-Festival, angefüllt mit Musik und Geschichten, die das Leben selbst erzählt, voller Emotionen, ein wenig Melancholie und ganz viel Lebensfreude. „Eine wunderbare Reise“, resümiert Andreas Albrecht, der zum ersten Mal die kleine Welt im Zelt besucht hat: er wird mit Sicherheit wieder kommen.

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