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Die letzte Heldin der Maxstraße

Große Namen gingen, Schäfer blieb: 2020 kann das Regensburger Modehaus 125 Jahre seines Bestehens feiern. Wie machen die das?
Von Helmut Wanner

Tina Ferstl führt das Modehaus Schäfer mit ihrer Mutter Lisa in vierter Generation. Foto: Wanner
Tina Ferstl führt das Modehaus Schäfer mit ihrer Mutter Lisa in vierter Generation. Foto: Wanner

Regensburg. „Ist denn kein Stuhl da für meine Hulda?“ sang Hugo Gottschall 1895 in den Edison-Zylinder. Darauf tanzte man in Alt-Berlin. Das Lied war auch in Regensburg ein Gassenhauer, der zum Evergreen wurde.

Auch ein Haus kann ein Evergreen sein. Die Adresse Maximilianstraße 17 leuchtete schon 1895 in der Farbe Grün. Seitdem steht über der Auslage der Name der Inhaber: Schäfer. Und die Kasse klingelt. Die Registrierkasse weist die Beträge in Mark und Pfennigen aus. Qualität besteht. Die National-Krupp mit der Handkurbel ist hier das älteste Stück. Sie war schon gebraucht, als die Ur-Großeltern Hans und Anna Schäfer aus Erlangen hier ihr Handschuhgeschäft mit Glacehandschuhmacherei eröffneten.

Zwei Damen halten stand

So sah die Auslage des Modehauses bis 1944 aus. Drei Bomben zerstörten im Kriegsjahr 1944 das Haus Maxstraße 17 völlig. Foto: Schäfer
So sah die Auslage des Modehauses bis 1944 aus. Drei Bomben zerstörten im Kriegsjahr 1944 das Haus Maxstraße 17 völlig. Foto: Schäfer

Wie schafft es ein Geschäft, an einem sich rasant wandelnden Standort zu bestehen, wenn die berühmteren Buchners, Sperbs und Schöttls aus der Maxstraße alle Geschichte sind? Das fragen wir Tina Ferstl. Die Mit-Vierzigerin führt mit ihrer Mutter Lisa Schäfer (70) in vierter Generation das Geschäft für Damen- und Herrenmode. Nachtwäsche, Bademäntel und Unterwäsche. Schäfer hat als Firma sogar die Totalauslöschung durch Bomben im Krieg überstanden. Und ist immer noch mit einigem Erfolg auf dem Markt unterwegs.

Es ist ein normaler Dienstagvormittag, eineinhalb Stunden nach Geschäftsöffnung, und der Augenschein beantwortet alle Fragen fast von selbst. Der Mann von DHL schiebt seine Karre in den Laden und lädt sieben Pakete auf. „Das sind die Bestellungen aus dem Online-Shop von gestern.“ Obwohl eine Bedienung im Laden ist, muss die Chefin immer wieder das Interview unterbrechen. Denn die Kundschaft „40 plus“ muss namentlich begrüßt werden. Damen belegen die Umkleidekabinen, um Strandkleider und Sommerkleider anzuprobieren. „Ja, die älteren Mitbürger sind inzwischen die Mehreren“, kommentiert ein älterer Regensburger, der dabei steht.

Fürst Albert trug Handschuhe von Schäfer. Foto: Schäfer
Fürst Albert trug Handschuhe von Schäfer. Foto: Schäfer

„Wir fahren auch zu den Kunden raus mit einer Auswahl von Kleidern, wenn sie nicht mehr aus dem Haus können oder einmal krank sind“, sagt Tina Ferstl. Online-Handel, Stammkunden-Betreuung, Qualität und ehrliche Beratung sind die Gründe, warum Mode Schäfer nun schon fast 125 Jahre besteht. „Wir stellen nur Verkäuferinnen ein, die die 40 bereits überschritten haben. Die haben den gewissen Blick.“

Aber fast noch wichtiger ist es für Tina Ferstl, optimistisch zu sein. Das ständige Jammern und Schlechtreden der Maxstraße, meint sie, mache es nicht besser. Denn: „Was die Maxstraße heute ist … – klar, das muss man nicht noch mal hinschreiben. Die ganze Altstadt ist schwierig. Es kommen weniger Menschen rein.“ Dabei findet die Kauffrau die oft als „billige chinesische Porphyr-Plattenmeile mit Zigarettenlampen“ gescholtene Umgestaltung der Maxstraße persönlich nicht so schlimm. „Die Ein-Euro-Läden sind das Problem. Wenn einer kommt, macht der nächste auf.“

Online-Shop alleine aufgebaut

Tina Ferstl hat BWL studiert und zunächst im Hardware-Vertrieb einer Münchner Computerfirma gearbeitet. Vor 15 Jahren ging die Frau eines Continental-Ingenieurs und Mutter einer Tochter nach Regensburg, um ins Familiengeschäft einzusteigen. Den Online-Shop hat sie vor acht Jahren im Alleingang aufgebaut. Tina Ferstl kennt die Maxstraße noch, als sie in Regensburg die Prachtstraße schlechthin war. Mit Bürgersteigen rechts und links, auf denen die Regensburger am Sonntag flanierten, einmal rauf und einmal runter. Mit echtem Bus- und Trambahnverkehr in Richtung Domplatz und wieder zurück. Als Kind war sie dabei, als ihr Vater, der Hoflieferant, weiße Handschuhe ins Schloss lieferte. „Man ging nicht ohne – im Sommer und im Winter.“

Als „erstklassiges Spezialhaus“ für Herrenartikel wie Hemdkragen und Ärmelhalter sowie Handschuhe hatte Schäfer 19 Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs begonnen. Die Werkstatt für Handschuhe aus Glacéleder war im Innenhof.

Aufstieg mit Glacéhandschuhen

In damaligen Anzeigen legte Schäfer schon Wert auf „Qualitätsware und individuelle Kundenpflege“. Für Glacéleder ging der Fürst auf die Straße – als berühmtestes Tragemodell der Stadt. Es ist ein extrem zartes, weiches Ziegen- bzw.- Jungziegenleder mit einem leichten Glanz und dem Vorteil der Waschbarkeit. Es wird bevorzugt zu eleganten Handschuhen, den sogenannten Glacéhandschuhen, verarbeitet. Der Name leitet sich ab vom französischen glacé („eisig“, „vereist“, „mit Zuckerguss“) und spielt auf die nahezu weiße Farbe dieses Leders an. Fürst Albert von Thurn und Taxis streifte sie über, wenn er sich, Stock schwingend, beim Stadtspaziergang vom Regensburger Bürger anschauen und grüßen ließ.

Spuren der Gründerzeit des Hauses Schäfer sind bis auf die stählerne Registrierkasse ausgelöscht. 1944 fielen drei Bomben der Alliierten ins Haus und zerstörten die Existenz der Familie Schäfer völlig. Die Gründerin Anna Schäfer war tot, ihr Sohn Heinrich im Keller verschüttet. Aus diesen Ruinen sind die Schäfers mit einem unbändigen Willen zum Erfolg wieder auferstanden.

Heute kann man das Modehaus Schäfer als historischen Zeugen des Ladenbaus der 50er-Jahre anführen. Die Fenster der Auslage sind von der Regensburger Firma Myrta, der Namenszug Schäfer wurde von Neon Burgmayer über dem Laden angebracht. Schäfer leuchtet in der Nacht.

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Fürst in Glacéhandschuhen von Schäfer

  • Schau her:

    Jeden Tag verließ Fürst Albert von Thurn und Taxis sein Schloss, um sich seinen Regensburgern zu zeigen – mit Stock und Hut. „Schau, da kommt unser Fürst!“

  • Erscheinung:

    Die kleinen Mädchen mit den Sommerhütchen drehen sich um nach dem alten Herrn mit Hut.

  • Schritt:

    Albert von Thurn und Taxis geht vom Parkhotel Maximilian Richtung Ernst-Reuter-Platz. Besser: Er schreitet. In der stolzen Gangart eines chevaulegerschen Offiziers – Hohlkreuz, abgezirkelter Schritt. Er setzt die Schuhspitzen wie ein Tänzer. Die Linke hält die Zeitung vom Tage in Glacéhandschuhen.

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  • MK
    Martin Kempter
    07.06.2018 14:36

    1895 + 125 = 2020, da komme ich noch mit. Aber eine "Mit-Vierzigerin", die die Maxstraße noch "mit echtem ... Trambahnverkehr in Richtung Domplatz und wieder zurück" gekannt hat? Die Straßenbahn fuhr, das wissen die meisten echten Regensburger, bis 1964. Da fragt man sich tatsächlich - abgesehen von der originellen Schreibweise: "Wie machen die das?

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