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Wirtschaft

Die Regensburg-Uhr für Surviver

Inhabergeführte Läden kämpfen. Juwelier Pleyer signalisiert mit der Uhrenmarke Messerschmitt seinen Überlebenswillen.
Von Helmut Wanner

  • Susette und Alfred Koppenwallner stehen für den Namen Messerschmitt und Juwelier Pleyer. Foto: Wanner
  • Juwelier Josef Pleyer zeigt sich an der Ladentür.

Regensburg.Es streiten sich die Geister über die Frage, was typisch Regensburg ist. Die einen sagen Wurstkuchl und Domspatzen, andere: Messerschmitt-Jäger und Kabinenroller. Jeder hat Recht. Die Domspatzen singen jeden Sonntag im Dom und draußen an der Lilienthalstraße arbeiteten ab 1936 Tausende in einem der leistungsfähigsten Flugzeugwerke des Zweiten Weltkriegs. 1945 wurden Stahlhelme zu Kochtöpfen und Messerschmitt-Kanzeln zu Messerschmitt-Kabinenrollern. Auf drei Rädern rollte man ab 1953 hinein ins Wirtschaftswunder.

Designkonzepte, die den menschlichen Überlebenswillen symbolisieren“

Hansjörg Vollmer, Uhrmacher

73 Jahre nach Kriegsende werden die Zeiger der Uhr zurückgestellt. Es geht um Uhrenmode. Findige Unternehmer gingen daran, die Aufbruchstimmung von damals aufzugreifen und zu vermarkten. Das Blech der Messerschmitt-Jäger made in Regensburg wurde zu Uhrenzifferblättern verarbeitet. Und auch die Zeit des Kabinenrollers kam wieder. Man kann den Ka-Ro Tiger am Handgelenk tragen. Man tickt retro. 2015 hat sich eine Firma aus Pforzheim darauf spezialisiert, „Designkonzepte zu entwickeln, die den menschlichen Überlebenswillen symbolisieren“, so die Eigen-Reklame.

„Nur noch Banken und Ketten“

Im heutigen Tourist-Info im Rathaus begann die Firma 1892.
Im heutigen Tourist-Info im Rathaus begann die Firma 1892.

„Die Uhr passt zu uns“, dachte sich der Regensburger Alfred Koppenwallner. Der Inhaber von Hofjuwelier Pleyer am Neupfarrplatz und seine Frau Susette, geborene Pleyer, zeigen diesen Überlebenswillen täglich im Kampf gegen den Online-Handel. Seit 1892 ist Pleyer in der Stadt. 1927 wurde die Kunsthandwerkerfamilie von Durchlaucht Albert von Thurn und Taxis zu Hofjuwelieren ernannt. Wegen Eigenbedarf im Alten Rathaus wurde Pleyer 1963 gekündigt. Die Firma musste an den Neupfarrplatz ziehen. Im Alten Rathaus zog die Touristinfo ein.

Juwelier Pleyer ist seit 1963 am Neupfarrplatz. Foto: Wanner
Juwelier Pleyer ist seit 1963 am Neupfarrplatz. Foto: Wanner

„Nur noch Banken und Ketten“, klagt Susette Koppenwallner. Sie hat den romantisch klingenden Vornamen von ihrer Mutter erhalten. Die verstorbene Intendantin Marietheres List hat sie einmal als die langjährigste Theater-Abonnentin der Stadt geehrt. Das Traditions-Geschäft hat als letzter Name am Platz überlebt, sieht man einmal von der Parfümerie Miller ab. Am Standort Neupfarrplatz konnten die Koppenwallners zu Anfang Namen lesen wie Gummi Schmaus, Leder Hackl, Haubensak, Fischl, Merkur, Café Schürnbrandt, Schuh Schwaiger. Die alte Pfeifferin verkaufte „frische Veicherln, der Herr“, Obsthändler Adolf Murr rief „Bananen, Bananen, das süße Glück der Damen“ aus, die Wurstbraterei Nerl aus Stadtamhof warf die Regensburger auf den Rost und Köllnberger verkaufte am Kiosk Zeitungen. Nicht zu vergessen das Jahnparlament. Es tagte bis mittags um 12 Uhr, bis die Knödeln am Tisch standen. Jetzt wurde das Parlament von Kroaten ersetzt, die vorm Kaufhof über ihre Heimat reden.

Zeichen des Überlebenswillens

Beppi Geisler chauffierte Angelika Koppenwallner zum 125. Firmenjubiläum. .
Beppi Geisler chauffierte Angelika Koppenwallner zum 125. Firmenjubiläum. .

Das Messerschmitt-Logo an der Fassade von Pleyer wirkt wie ein trotziges Zeichen des Überlebenswillens. Letztes Jahr, beim 125-jährigen, lieh sich Pleyer von Peter Schmolll („Messerschmitt-Giganten“) sogar die Kanzel einer ME 109 aus. Der Autor aller relevanten Bücher über Messerschmitt hatte sie aus Originalteilen nachgebaut.

So sah das nordwestliche Eck des Neupfarrplatzes früher aus.
So sah das nordwestliche Eck des Neupfarrplatzes früher aus.

Das Messerschmitt-Logo zieht an. Irgendwann im Sommer schneite ein älterer amerikanischer Schifffahrtstourist herein, schaute Koppenwallner in die unheimlich blauen Augen und sagte, er habe in der Auslage die Blechschachtel mit dem Messerschmitt-Logo gesehen. Ob er nicht einen Deckel übrig habe. „Wenn Sie die Uhr kaufen, schon“, sagte Alfred Koppenwallner. Der Amerikaner zog ab, ging ein bisschen in sich und kam ein Stunde später wieder. „Gut, ich nehme die Uhr.“ Als es ans Bezahlen ging, zückte der Kunde seine Mastercard und sagte: Schauen Sie auf den Namen auf der Quittung. Alfred Koppenwallner wird das nie vergessen: „Da stand Glenn P. Messerschmitt drauf.“ Glenn Paul Messerschmitt ist längst wieder zu Hause in Wimauma, Florida. Dort hat er sich als weißes, nicht spanisches Mitglied der Republikanischen Partei für die letzte Präsidenten-Wahl registrieren lassen, kann man über Google erfahren. Vielleicht ging er mit der Messerschmitt-Uhr ins Wahllokal.

Die Messerschmitt-Uhr ist eine Lizenzmarke der Messerschmitt Stiftung mit Sitz in München. Der deutsche Luftfahrtpionier Wilhelm Emil Messerschmitt (1898-1978) gründete sie 1969. „Sie widmet sich europaweit der Pflege und dem Erhalt von historischen Gebäuden und Kulturdenkmälern“, heißt es. Das Uhren-Blech ist authentisch und wurde auf abenteuerliche Art requiriert, schreibt der Chef der Firma, Hansjörg Vollmer. „Bei der Suche nach Material, das die Aufbruchstimmung der Zeit nach 1945 widerspiegelt, fand ein Mitarbeiter der Uhrenfabrik südlich von München ein Haus, das mit Flugzeugblechen gedeckt war. Es gehörte einst dem Abteilungsleiter jener Fabrik, in der die Messerschmitt ME 262 hergestellt wurde.“

Aus dem Blech wurden Zifferblätter für die Messerschmitt-Uhr „made in Germany“ gestanzt. Die tragen jetzt Herrschaften, die den alten Zeiten nachtrauern.

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