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SYMPOSION

Die Regensburger Spätgotik war innovativ

Experten diskutieren über die „Strauß-Madonna“ aus St. Emmeram. Dem Tafelbild, von dem sich der Maler Van Eyck inspirieren ließ, droht der Verfall.
Von Christiane Riedl-Valder, MZ

Das Tafelbild „Maria Lactus“ (um 1430/40), die sogenannte Strauß-Madonna aus St. Emmeram. Foto: Kunstsammlungen des Bistums

Regensburg. Auf einer Tagung im Historischen Museum Regensburg wurden neue Forschungsergebnisse zum künstlerischen und kulturellen Umfeld des Regensburger Benediktinerklosters St. Emmeram im 15. Jahrhundert vorgestellt. Den Anlass gab die jüngst erfolgte Untersuchung des wertvollen Tafelbildes „Madonna mit Kind“ (nach dem Auftraggeber Abt Wolfhard Strauß auch „Strauß-Madonna“ genannt), das den Dreifaltigkeitsaltar im nördlichen Seitenschiff der ehemaligen Klosterkirche schmückt.

Detektivischer Spürsinn

Dieses Gemälde gilt als prägnantes Beispiel für den Einfluss der niederländischen Meister auf die süddeutsche Malerei jener Zeit. Deshalb wanderte es im vergangenen Jahr als Leihgabe für die große Ausstellung „Van Eyck bis Dürer“ ins Groeningemuseum nach Brügge und war dort an prominenter Stelle neben Van Eycks „Lucca-Madonna“ zu bewundern.

Zuvor war eine Konservierung des Bildes durch die Regensburger Restauratorin Irmgard Strauß erfolgt. Sie hatte sich darüber hinaus intensiv mit den verwendeten Materialien, der Technologie, der Restaurierungsgeschichte und dem Erhaltungszustand des rund 570 Jahre alten Bildes beschäftigt und konnte dazu viele interessante Details berichten. Tatsache ist, dass der Originalzustand des Bildes durch Übermalungen, Kittungen, die Temperaturschwankungen im Kirchenraum und die unzulängliche Belüftung im Altarschrein immens gelitten hat.

Detektivischer Spürsinn war erforderlich, um Auffälligkeiten in der Schattenbildung und perspektivischen Darstellung auf den Grund zu gehen. Dies verdeutlichte Annette Kurella, Leiterin der Restaurierungswerkstätte am Historischen Museum, als sie die Arbeitsweise erläuterte, mit der sie die Echtheit des eindrucksvollen Ehrentuches überprüft hatte. Anhand von Infrarot- und Röntgenaufnahmen wies sie eine starke Beschädigung und großflächige Übermalung des originalen Pressbrokats nach.

Till-Holger Borchert, der zusammen mit Dr. Antje-Fee Köllermann die Brügger Ausstellung betreut hatte, verdeutlichte die Vorbildfunktion des niederländischen Meisters Van Eyck auf dem Maler der Strauß-Madonna und wies ihm anhand der im Infra-Rot-Licht sichtbaren Unterzeichnungen charakteristische Stilmerkmale zu. Dr. Köllermann, die zur Zeit an dem umfangreichen Projekt „Wiener Malerei 1430-1520“ am Schloss Belvedere arbeitet, ging dem Gebrauch von Bildmotiven und Vorlagen nach und zog viele Parallelen zur zeitgenössischen Kunst. Ein hohes Innovationspotenzial bescheinigte der Theologe Wolfgang Neuser den Regensburger Malern der Spätgotik. Er analysierte die Bedingungen für Auftraggeber und Künstler und sprach, ausgehend von theoretischen Überlegungen zur Bildbetrachtung, Charakteristika der Tafelmalerei an. Einen wesentlichen Beitrag zur Erhellung der historischen Situation leistete Prof. Franz Fuchs. Auf der Grundlage akribischer Archivforschungen konnte er Abstammung, Werdegang und Umfeld von Fürstabt Wolfhard Strauß offen legen, Strukturwandel und wirtschaftlichen Aufschwung des Klosters während dessen Herrschaft dokumentieren und weitere Einzelheiten zum Entstehungszeitraum des Bildes liefern.

Die Madonna braucht Sponsoren

Am Schluss stand ein eindeutiges Resümee: Um der ästhetischen und kulturhistorischen Bedeutung des Gemäldes gerecht zu werden, wäre eine Restaurierung dringend erforderlich. Man müsste auch eine grundsätzliche Entscheidung zur Verbesserung oder Verlegung seines Standortes treffen. Um weitere Klimaschäden zu verhindern, befindet sich das Bild im Moment in der Abteilung „Mittelalterliche Kunst“ im Historischen Museum. Laut Aussage von Dr. Hermann Reidel, dem Leiter des Diözesanmuseums, wird sich der Verein der Freunde von St. Emmeram nach Kräften für die Erhaltung des Bildes engagieren. Man sei jedoch auf weitere Sponsoren angewiesen.

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