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Geschichte

Die St. Louis war ihr Schicksal

48 Laiendarsteller fiebern hin auf „Hoffnung Havanna“ im Velodrom. Im Publikum sitzt der Sohn eines Stars der 30-er Jahre.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Weibliche Passagiere der St. Louis blicken voller Hoffnung in die Zukunft. Foto: Stadttheater
  • Simon Oberdorfer gründete mit 19 den „Radlervereins Wanderer“. Er war ein preisgekrönter Kunstradfahrer
  • Elly Beinhorn-Rosemeyer (1907 bis 2007) steht in der ersten Reihe der weiblichen Flieger-Asse. Foto: dpa
  • Die Schauspieler Max Riemelt (als Bernd Rosemeyer), Vicky Krieps (als Elly Beinhorn) und Bernd Rosemeyer junior posieren im Oktober 2013 auf dem Flugplatz Finsterwalde am Rande der Dreharbeiten zu dem ZDF-Film „Alleinflug – Elly Beinhorn“.
  • Die Autoren und Regisseure Eva Sixt und Joseph Berlinger. Foto: Clara Fischer

Regensburg.Wie ist es, eine Welt zu verlieren? 48 Bürger unserer Stadt wissen gerade, wie sich das anfühlt. Beim mittlerweile dritten Projekt des Regensburger Bürgertheaters nach „350 Jahre Immerwährender Reichstag“ und „Arm in einer reichen Stadt“ proben 48 Laien-Schauspieler „Hoffnung Havanna, die Geschichte Simon Oberdorfers“, der nach einer Odyssee mit der St. Louis über den Atlantik im KZ Sobibor zu Tode kam. Heute ist Generalprobe, Samstag ist Premiere.

„Ich freue mich, dass wir dem Simon Oberdorfer nachträglich ein Denkmal setzen können“

Stefan Moßhamer

Frauen und Männer im Alter zwischen 12 und 85 Jahren, deren Eltern, Großeltern und Ur-Großeltern damals auf dieser oder jener Seite gestanden haben, spielen und empfinden Regensburger Geschichte nach. Das ist ein Projekt mit Wirkung bis in die Tiefen der Genealogie. Schauspieldirektorin Stephanie Junge hat es angestoßen. Sie sagte zu Joseph Berlinger, der das Stück „Hoffnung Havanna“ angeboten hatte:, „Machen Sie es doch fürs Bürgertheater“. Berlinger hat dazu die Schauspielerin, Sängerin und Autorin Eva Sixt mit ins Boot geholt. Die beiden Künstler verbindet seit fünf Jahren eine intensive Zusammenarbeit.

Das Velodrom feiert sich

Beim ersten Stück trat Oberbürgermeister Hans Schaidinger im Reichstag auf. Auch diesmal dürfen wir auf einige bekannte Gesichter gespannt sein: „Ostentorkino“-Pionier Werner Hofbauer zum Beispiel wird als holländischer Film-Tycoon zu sehen sein, wie er mit Sonnenbrille und Whiskyglas in der Hand, in Regensburg die Puppen tanzen lässt. Der Experte für fantastische Literatur, Stefan Moßhamer, wird Messer werfen.

Für den Zauberer vom „Zirkus Sambesi“ erfüllt sich ein Theatertraum: Er war schon engagiert, in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Feuerschlucker aufzutreten. Das scheiterte an feuerpolizeilichen Bedenken. Der geborene Regensburger freut sich drauf, „dass wir dem Simon Oberdorfer nachträglich ein Denkmal setzen und auch feiern können, dass das Velodrom nicht abgerissen wurde“.

Das Stück von Joseph Berlinger und Eva Sixt ist ein Stück Regensburg. Es zeigt Aufstieg und Untergang des Simon Oberdorfer (1872 bis 1943). Am Samstag, 19.30 Uhr, ist an dem Ort Premiere, wo auch für das Regensburger Gewächs Simon „Simmerl“ Oberdorfer alles begann: im Velodrom.

Der Inhaber eines Fahrradgeschäfts hatte sich 1897/98 in den großen Garten seines Anwesens am Arnulfsplatz diese Veranstaltungshalle bauen lassen. Sie wurde ein kultureller Mittelpunkt unserer Stadt. Die Alten bekamen glänzende Augen, wenn sie darüber redeten: Singende Foxterrier, dressierte Wölfe aber auch richtige Stars gab es zu bestaunen. Die legendäre russische Primaballerina Anna Pawlowa (1881 bis 1931) gab hier die Visitenkarte ab. Etwas von diesem früheren Glanz fällt am Samstag zurück aufs Velodrom, das sich anschickt, im kommenden Jahr 20-jähriges Jubiläum als Theaterspielstätte zu feiern.

Denn Bernd Rosemeyer (79), einziger Sohn von Fliegerin Elli Beinhorn (1907 bis 2007) und Rennfahrer-Idol Bernd Rosemeyer (1909 bis 1938), wird bei dieser Premiere in Regensburg anwesend sein. Der pensionierte Orthopäde aus München ist der einzige Sproß des einstigen Traumpaars. Autor und Regisseur Joseph Berlinger sagt: „Die beiden waren vergleichbar mit Box-Weltmeister Max Schmeling und Anny Ondra.“ Elli Beinhorn war so etwas wie eine Heldin im Deutschen Reich. Sie hatte als erste Frau überhaupt die Welt am Steuer eines Flugzeugs umrundet. Darüber hielt sie 1931 im Velodrom einen Vortrag, wie Recherchen von Autorin und Regisseurin Eva Sixt in Blanks Theaterarchiv ergaben. Inzwischen wurde ihre sensationelle Liebes- und Lebensgeschichte verfilmt: „Elly Beinhorn – im Alleinflug“ (ZDF, 2014).

Vom Freund zum Volksschädling

Dem Regensburger Günther Schießl ist es zu verdanken, dass Simon Oberdorfers Geschichte in dessen Stadt überhaupt bekannt wurde. Der Regensburger Journalist hatte im Kampf um die Rettung des Velodroms das Schicksal des Erbauers des Velodroms aufgeklärt. Oberdorfer galt als verschollen. Schießl führte in seinem aufwändig recherchierten Buch vor, wie damals über Nacht aus einem allseits beliebten Mitbürger, dem „Oberdorfer Simmerl“, ein „Volksschädling“ wurde.

Den Autor Joseph Berlinger hat der Stoff fasziniert, dieses Wandeln am Abgrund. Musikalisches Leitmotiv der Aufführung ist der Klang der Angst - das Thema „Home“ von „The Shining“ von Stanley Kubrick. Im Stück wirft Berlinger ein Licht auf Oberdorfers enttäuschtes Urvertrauen in die bayerischen Institutionen. Er hatte bis zuletzt gedacht, er könne mit einem Gespräch mit den richtigen Stellen alles regeln. „I fahr auf Minga affe und kümmert mi drum,“ war sein Spruch.

Seine Naivität gegenüber dem Wesen des Faschismus wurde brutal abgestraft. Dank Günther Schießls Recherchen der Passagierliste wissen wir: Am 13. Mai 1939 schiffte er sich mit Frau und Schwester und 900 weiteren jüdischen Männern, Frauen und Kindern auf der St. Louis in Hamburg nach Kuba ein. Die Passagiere hatten den Behörden viel Geld für die Einreiseerlaubnis bezahlt, doch als das Schiff in Havanna einlief, ließen sie die Flüchtlinge nicht an Land.

Regensburg war Oberdorfers Heimat, Havanna seine Hoffnung. Wenn der Regensburger Dramatiker Joseph Berlinger und Eva Sixt die Geschichte von Simon Oberdorfer nun auf die Bühne des Velodroms bringen, lassen sie für uns Regensburger Geschichte fühlbar werden: „Hoffnung Havanna“. Zwei Drittel zeigen den Aufstieg Simon Oberdorfers in Varieté-Szenen, das letzte Drittel widmen die Autoren einer Geburtstagsszene an einem Schabbatabend an Bord der St. Louis am Vorabend der geplanten Landung. Irgendwann wird Carola Strauch aufstehen und einen Comedian-Harmonist-Titel singen, der ins Herz trifft: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück.“

Berühmter Premierengast

  • Dreharbeiten:

    Die Schauspieler Max Riemelt (als Bernd Rosemeyer), Vicky Krieps (als Elly Beinhorn) und Bernd Rosemeyer junior posieren im Oktober 2013 auf dem Flugplatz Finsterwalde am Rande der Dreharbeiten zu dem ZDF-Film „Alleinflug – Elly Beinhorn“.

  • Vita:

    Bernd Rosemeyer wurde im November 1937 geboren. Er ist das einzige Kind aus dieser Verbindung. Sein Vater verunglückte in seinem Rennwagen tödlich, da war der Junior noch kein Jahr alt.

  • Theater:

    Kontakt zur Regensburg bekam Rosemeyer, als die Autoren die Rechte an der Biografie seiner Mutter einholten. Er kommt gerne zur Premiere.

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