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Menschen

Die Suche nach Georg Herbst

Der Aufstieg des Dritten Reiches markierte sein Ende. Der Gründer der Baugenossenschaft Margaretenau trat 1934 lautlos ab.
Von Helmut Wanner

Rotbackige Kinder auf den Fensterbrettern: Dass die Regensburger „festen Boden unter den Füßen“ bekommen, war das Ziel der Baugenossenschaft Margaretenau. Foto: Margaretenau
Rotbackige Kinder auf den Fensterbrettern: Dass die Regensburger „festen Boden unter den Füßen“ bekommen, war das Ziel der Baugenossenschaft Margaretenau. Foto: Margaretenau

Regensburg.Am Ende erhoben sich 57 Hände. Unter der Leitung des Oberlehrers Georg Herbst wurde am 14. Juni 1918 bei einer öffentlichen Versammlung im Obermünsterbräusaal die Vorform der Margaretenau gegründet. Sie hieß zu Beginn „gemeinnützige Baugenossenschaft für Kleinsiedlung und Kriegsheimstätten“.

Dank einer Initiative aus dem Regensburger Mieterverein heraus bekamen nicht wenige Regensburger in der westlichen Gartenvorstadt „sicheren Boden unter den Füßen“. In einem Führer durch die Margaretenau schrieb Georg Herbst einen Beitrag, der mit den Worten endete: „Mögen nur alle, die ihn betreten und darauf als freie Menschen frei wohnen können, dessen eingedenk bleiben, dass an solchem Unterpfand persönlicher Freiheit genossenschaftlicher Gemeinsinn, aufopfernde Arbeit des Vorstands und Aufsichtsrates (…) in gleicher Weise beteiligt sind!“

Er starb an einem Sonntag

Der Oberlehrer und Bodenreformer Georg Herbst (1883 - 1934) war ein aufrechter Christ und Regensburger.
Der Oberlehrer und Bodenreformer Georg Herbst (1883 - 1934) war ein aufrechter Christ und Regensburger.

Wer war also Georg Herbst, der Gründer und erste Vorstand der Baugenossenschaft Margaretenau, die heuer ihren 100. Geburtstag feiert? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Bis auf die kleine Straße am Rande der Margaretenau, die bei der einspurigen Auffahrt Dechbettener Eisenbahnbrücke beginnt und an der Westumgehung endet, scheinen seine Spuren verwischt.

Er war kein Kämpfer, sondern ein lieber und guter Mensch, der für alle immer das Beste wollte.“

Karl Löbl

Nähern wir ihm uns also vom Ende her, von seinem Tod, am 5. August 1934, im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Es war ein Sonntag. Für einen Christenmenschen ist der Auferstehungstag ein guter Tag zum Sterben. Der Regensburger Lutheraner hat den NS-Staat ein Jahr und sieben Monate durchlitten. Er hat ihn krank gemacht. Als Herbst starb, trauerten Deutschlands Titelseiten um Hindenburg. Der Tod des evangelischen Bodenreformers Georg Herbst war der Bayerischen Ostwacht sechs Zeilen wert. „Der 51-jährige Bezirksoberlehrer Georg Herbst von hier, eine weithin bekannte Persönlichkeit, ist in der Nacht zum Montag im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder nach längerem Leiden gestorben.“ Kein Nachruf. Kein Hinweis auf sein Lebenswerk, die Margaretenau.

Klingeln Sie auch bei den Nachbarn von Georg Herbst und erfahren Sie mehr über das Leben in der Margaretenau:

Die Meldung stand im Lokalteil unter der Rubrik „Kleine Tagesereignisse“ zwischen dem Unfall des Spenglerlehrlings Eugen Plank, der sich in der Maxstraße beim Fall vom Baugerüst Rippen quetschte und der Verhaftung des 38-jährigen geschiedenen Ingenieurs Heinrich Horz aufgrund eines Haftbefehls.

Hier unterrichtete Georg Herbst 25 Jahre lang. Foto: Wanner.
Hier unterrichtete Georg Herbst 25 Jahre lang. Foto: Wanner.

Da herrschte im Umfeld seiner Todesnachricht die gleiche soziale Mischung, in der er auch gelebt hatte. Der Vorsitzende der Baugenossenschaft bewohnte mit seiner Frau Kunigunde eine kleine Wohnung am Lindenplatz 2, II. Stock. Herbst war kein gebürtiger Regensburger. Laut seines Stammblattes im Stadtarchiv ist Georg Herbst am 6. April 1883 in der Oberpfalz geboren, als Sohn des Stationsmeisters im Bahnhof Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg, heute würde man wohl Bahnhofsvorsteher sagen. 1883 war das Jahr, als Otto von Bismarck die Krankenversicherung einführte, der Krakatau ausbrach und Richard Wagner in den Armen seiner Frau Cosima starb.

Georg Herbst war keiner, der dem Zeitgeist hinterherlief. In Zeiten, als Frankreich als unser Erbfeind galt, lernte der Oberpfälzer Französisch. Er war sogar ziemlich gut darin, was seine Note 2 beweist. Beste Zensuren hatte der angehende Schullehrer in den Fächern Violine, Klavier und Orgel. Bei der Einstellungsprüfung für den Schuldienst in Regensburg errang Herbst unter 37 Bewerbern Platz 2.

Lindenplatz 2. Hier wohnte Georg Herbst im II. Stock. Foto: Wanner
Lindenplatz 2. Hier wohnte Georg Herbst im II. Stock. Foto: Wanner

Am 1. Oktober 1909 wurde der 26-jährige Pädagoge an der protestantischen Schule der oberen Stadt angestellt. Damals gab es in der Stadt Konfessionsschulen. Evangelische Buben und Mädchen besuchten die Von-der-Tannschule und die Engelburgerschule. Die Bachgasse trennte in Ost-West-Richtung die obere von der unteren Stadt. Herbst hatte 47 Kinder in der gemischten Klasse, als ihn Stadtschuldirektor Dr. Freudenberger visitierte. Er tat dies laut den Akten mehrmals. Festzuhalten ist: „Der Lehrer unterrichtet modern“. Dr. Freudenberger fiel der „sehr große Fleiß“ und die „vorbildliche Haltung“ vor der Klasse auf.

Gegenüber den Behörden musste der Lehrer auch seine Nebentätigkeiten angeben. Sechs Stunden die Woche hielt er noch an der Kreisbauschule und der Eisenbahnfachschule Unterricht. Im Bayerischen Lehrerverein, dem Vorläufer des BLLV, hatte er den Vorsitz über den Haftpflichtausschuss. Am 1. April 1923 wurde Herbst zum Bezirksoberlehrer der Stadt ernannt. Von da an war er für die Lehrerfortbildungen zuständig. Ohne irgendwelche Einkünfte führte Herbst bis zu seinem Tod die Baugenossenschaft Margaretenau.

Ein Mann des Ausgleichs

Diese kurze Straße zwischen der Scharnhorststraße und der Dechbettener Brücke trägt den Namen Georg Herbst. Foto: Wanner
Diese kurze Straße zwischen der Scharnhorststraße und der Dechbettener Brücke trägt den Namen Georg Herbst. Foto: Wanner

Der spätere Stadtkämmerer Karl Löbl folgte Georg Herbst als Vorstand der Baugenossenschaft nach. In seinem schriftlichen Rückblick zeichnet Löbl ein Bild von ihm: „Er war kein Kämpfer, sondern ein lieber und guter Menschen, der für alle immer das Beste wollte.“ In den Sitzungen erlebte er ihn als einen „etwas zu weichen Mann des Ausgleichs“. Auf sein Lebenswerk, die Margaretenau, sei er als Bodenreformer sehr stolz gewesen.

Sein Name schmückt ein Straßenschild. Foto: Wanner
Sein Name schmückt ein Straßenschild. Foto: Wanner

Als der Tod Georg Herbst der Margaretenau mit 51 Jahren entriss, fand sich im evangelischen Gemeindeblatt für den Donaugau ein wertschätzender Nachruf. „Der Heimgegangene wirkte 25 Jahre an der Engelburgerschule. Georg Herbst war 12 Jahre lang Organist an der Neupfarrkirche. Lange war er ein geistiger Führer unserer Junglehrer. Dem Kirchenvorstand unserer Gemeinde gehörte er seit 1920 an.“

Den größten Dienst habe er der Gemeinde aber dadurch geleistet, dass er ihren nachwachsenden Mitgliedern half, christliche Persönlichkeiten zu werden. „Solches Lebenswerk“, endet der Bericht, „kann auch durch den Tod nicht zerstört werden“.

Alle Teile unserer Margaretenau-Serie finden Sie hier!

Die Engelburgerschule

  • Historie:

    Das rosarote Haus am Schulbergl, heute Sitz der musischen Früherziehung, beherbergte einmal die protestantische Schule der oberen Stadt. Die Engelburgerschule hatte sieben geräumige Schulsäle. Zum Turnen mussten die evangelischen Kinder in die Augustenschule gehen.

  • Pädagoge:

    Hier unterrichtete Georg Herbst von 1909 bis zu seinem Tod 1934. Er kämpfte für den Erhalt der Engelburgerschule.

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