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Gesellschaft

Die Zeit der pflegeleichten Toten

Die Bestattungskultur hat sich verändert. Gefragt sind Gräber auf Wiesen und unter Bäumen. Um die muss sich niemand kümmern.
Von Wolfgang Ziegler, MZ

Die demografische Entwicklung hat zu neuen Bestattungsformen geführt – zu Baumgräbern etwa, wo nur noch namenstafeln an die Verstorbenen erinnern. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Weniger Erde zu Erde, mehr Asche zu Asche. Die Bestattungskultur in Deutschland ist in einem grundlegenden Wandel begriffen. Waren vor noch nicht allzu langer Zeit Feuerbestattungen eher selten und seitens der katholischen Kirche bis 1960 sogar verpönt, so sind sie heute an der Tagesordnung. Bei mehr als 60 Prozent liegt ihr Anteil in Schwandorf, wie aus dem dortigen Landratsamt verlautet. Über 70 Prozent meldet der Friedhofsreferent der Stadt Neumarkt, Heinrich Zuckschwert. „Damit haben wir Werte wie Großstädte“, sagte er der Mittelbayerischen. Das ist in der Tat so: Marianne Bleibinhaus vom gleichnamigen Bestattungsinstitut spricht von rund 70 Prozent Feuerbestattungen in und um Regensburg. Speziell in den letzten fünf Jahren hätten diese enorm zugenommen.

Das belegen auch die Zahlen der Stadtverwaltung: Wurden 1996 69,3 Erdbestattungen registriert, so waren es 2006 mit 54,3 Prozent nur etwas mehr als die Hälfte und 2016 mit 32,6 Prozent gar weniger als ein Drittel.

Baumgrab auf dem Evangelischen Zentralfriedhof in Regensburg: Ein Mädchen hat seinem Opa eine Nachricht hinterlassen. Foto: Ziegler

Diese tiefgreifende Veränderung der Bestattungskultur betrifft allerdings nicht nur den Ritus. Das klassische (Familien-)Grab mit Stein, Einfriedung, Blumenschmuck und Weihwassergefäß stirbt – vor allem in städtischen Bereichen – mehr und mehr aus. Stark im Kommen sind stattdessen Urnenwände, -stelen oder -steine, Begräbnisse in Wäldern, unter Bäumen oder an Stauden. So wie etwa in der Gemeinde Tegernheim, der Vorreiterin im Landkreis Regensburg. Dort wurde der bestehende Friedhof als erster im Umland der Stadt um ein Urnenbeet ergänzt. Wie Christine Gietl, Fachberaterin für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt im Gespräch mit unserem Medienhaus erklärte, könnten dort künftig die – kompostierbaren – Urnen in einem umfriedeten Bereich am Rande einer Blühwiese zwischen Stauden bestattet werden.

QR-Code macht Tote lebendig

In einem größeren Rahmen agiert der kleine Marktflecken Hohenburg im südlichen Landkreis Amberg-Sulzbach, wo auf einer Fläche von 6500 Quadratmetern ein Urnenwald angelegt wurde, der nach den Worten von Bürgermeister Florian Junkes gut angenommen werde. Als Gründe dafür nennt er den Zeitgeist und die demografische Entwicklung der Gesellschaft. „Dass eine Familie über Generationen hinweg zusammen am gleichen Ort bleibt, ist heutzutage eher die Ausnahme. Die Folge ist, dass die Grabpflege für die Kinder, die oftmals weit entfernt leben, schwierig wird“, sagte Junkes unserer Zeitung. Er selbst habe deshalb „auch schon einen Platz gebucht“.

In dem Urnenwald in Hohenburg weisen nur 20 mal 20 Zentimeter große Steinplatten mit dem jeweiligen Namen und dem Sterbedatum auf den Verstorbenen hin. Platz sei den Worten des Bürgermeisters zufolge auf dem Fußballplatz-großen Areal genug. Pro Quadratmeter dürften laut Gesetz zwei Urnen in dem Naturfriedhof bestattet werden.

Urnen können auch in Friedwäldern bestattet werden – wie etwa im Schlosswald von Graf von Drechsel. Foto: dpa

Eine ähnliche und doch deutschlandweit einmalige Art von Ruhestätte hat Ferdinand Graf von Drechsel in Stefling im Landkreis Schwandorf ins Leben gerufen – einen Friedwald. Sein Schlosswald im Regental bei Nittenau befindet sich auf einer Anhöhe mit einer Vielzahl von Laub- und Nadelhölzern, wo moosbewachsene Steingruppen zwischen den Bäumen liegen. Dort kann man sich bzw. seine Urne mitten im Wald am Fuße von großen Bäumen oder Felsen beisetzen lassen.

Auf die Idee brachten Graf von Drechsel befreundete Waldbesitzer aus dem Norden Deutschlands, die ebenfalls Friedwälder betreiben. Der rührige Adlige hat sie aufgenommen, ausgebaut – und in die digitale Gegenwart übertragen. So können seine Kunden zu Lebzeiten Videos oder Fotos aufnehmen und ihren Lebenslauf oder andere Dokumente passwortgeschützt hinterlegen, die später von den Angehörigen bei einem Besuch am Baumgrab über einen QR-Code abgerufen werden können. So sehen die Hinterbliebenen etwa einen Spaziergang des verstorbenen Großvaters mit seinem Enkel oder Fotos von dessen Hochzeit. Graf von Drechsel spricht von „der schönsten Form der Erinnerung“. Der Schlosswald sei die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland, in der diese technischen Möglichkeiten angeboten werde.

Die an den Bäumen angebrachten QR-Codes gäben auch Auskunft darüber, ob der Baum noch frei sei bzw. ob einzelne Plätze an seinem Fuß reserviert werden können. Pro Baum – bzw. Gesteinsformation – sei die Bestattung von bis zu zwölf schnell abbaubaren Vollholz-Urnen möglich, erklärt Graf von Drechsel. Und nur solche seien erlaubt. Auf den Verstorbenen weise an der jeweiligen Grabstelle nur eine bunte, künstlerisch gestaltete, aber stets individuelle Erinnerungstafel aus Glas hin, auf der entweder der Name des Verstorbenen stehe oder auch nur seine Initialen – „wie jeder will“. Im Schlosswald habe man sich deshalb für den Werkstoff Glas entschieden, weil das Glashandwerk in der Region schon seit Generationen verwurzelt sei.

Per GPS zum Baumgrab

„Seinen“ Baum bzw. „seinen“ Felsen könne man sich bereits zu Lebzeiten – etwa bei einem Waldspaziergang – aussuchen und „buchen“. Die Preise für eine Grabstelle in dem Naturfriedhof richteten sich laut Graf von Drechsel nach der Gesteinsformation oder der Baumart – „eine Ruhestätte unter einer knorrigen Eiche ist teurer als ein Platz unter einer geraden Fichte“ – und der Laufzeit. Zwischen 30 und 99 Jahren sei dabei alles möglich. Bezahlt werde so oder so immer ein einmaliger Betrag.

Genauso sieht die Entgeltregelung auch am Evangelischen Zentralfriedhof in der Regensburger Friedenstraße aus. Wie Friedhofsverwalter Martin Baumer der Mittelbayerischen sagte, würden Baumgräber dort mit 80 bis 90 Euro pro Jahr zu Buche schlagen, die zunächst für die Ruhefrist von zwölf Jahren im Voraus zu entrichten seien. Danach sei eine Verlängerung bis maximal 24 Jahre möglich. Immerhin rund 20 Prozent der Menschen, die sich auf dem „schönsten Friedhof in Regensburg“ (Bestatterin Marianne Bleibinhaus) begraben lassen wollen, suchten sich ihre letzte Ruhestätte bereits zu Lebzeiten aus. Dann würden an der jeweiligen Stelle bereits die 25 mal 25 Zentimeter großen Steinplatten installiert, die aber – zunächst – nur den Namen, das Geburtsdatum und gegebenenfalls ein Symbol trügen. Das Sterbedatum müsse dann eines Tages nur ergänzt werden, so Baumer.

Neue Bestattungsformen

  • Wald-Bestattung:

    In sogenannten Friedwäldern kann eine schnell abbaubare Vollholz-Urne am Fuße von Waldbäumen bestattet werden. Auf den Verstorbenen weist eine Namenstafel hin, die zumeist am Boden befestigt ist. Im Schlosswald Stefling bestehen diese Namenstafeln aus buntem, künstlerisch gestaltetem Glas.

  • Donau-Bestattung:

    Wer nicht nur an der Donau leben, sondern auch in dem Fluss seine letzte Ruhe finden will, muss laut Bestatterin Marianne Bleibinhaus eine kurze Reise nach Österreich antreten – als „Wertpaket“ an die dortige Seegesellschaft. Nur in der Alpenrepublik dürfen Urnen in der Donau bestattet werden.

  • Luft-Bestattung:

    Viel-Flieger können ihre Asche aus einem Heißluftballon, einem Flugzeug oder einem Hubschrauber ausstreuen lassen. Eine besondere Möglichkeit der Luftbestattung ist die Nachthimmelbestattung. Die Asche wird dabei mit einem Feuerwerkskörper in den nächtlichen Himmel geschickt.

Wegen des anhaltenden Trends weg von traditionellen Ruhestätten bietet der Evangelische Zentralfriedhof neben den Baumgräbern eine ganze Reihe neuer Bestattungsformen an, die vom „personifizierten Gemeinschaftsgrab“ über das „pflegefreie Erdgrab“ bis zur Urnenstele reichen. Gemein ist allen, dass sich Angehörige zwar nicht um den Erhalt kümmern müssen, die Plätze aber besuchen können. Deshalb seien die Gräber auch nicht anonym, an allen wiesen individuelle Namensplatten auf die Verstorbenen hin, erklärt Friedhofsverwalter Baumer. Der Ursprungsgedanke, dass an Naturgräbern keine Blumen abgelegt und keine Kerzen aufgestellt werden sollten, sei nicht realisierbar. Beides, Blumen und Kerzen, sei hierzulande untrennbar mit der Erinnerungskultur verbunden. „Erinnerung braucht einen Platz.“

Damit Hinterbliebene den Weg zu ihren Verstorbenen und diesem Platz künftig leichter finden, plant Baumer unterdessen speziell die unscheinbaren Baumgräber mit GPS-Koordinaten zu verorten. Damit die Generation 4.0 vom Smartphone zur Urne geführt werden kann.

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