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Diese Kunst zeigt Gratwanderungen

Der Verein „Irren ist menschlich“ aus Regensburg feiert sein zwanzigjähriges Bestehen mit einer Ausstellung.
Von Gabi Hueber-Lutz, MZ

Zum 20-jährigen Bestehen des Vereins „Irren ist menschlich“ gab es einen Künstlerwettbewerb: Bei der Preisverleihung trafen sich Ausgezeichnete, Gratulanten und Vertreter des Vereins.Fotos: Hueber-Lutz
Zum 20-jährigen Bestehen des Vereins „Irren ist menschlich“ gab es einen Künstlerwettbewerb: Bei der Preisverleihung trafen sich Ausgezeichnete, Gratulanten und Vertreter des Vereins.Fotos: Hueber-Lutz

Regensburg.„Gratwanderung“, so ist die Ausstellung betitelt, die bis zum 3. Dezember in der Galerie St. Klara in der Kapuzinergasse 11 zu sehen ist. Danach geht die Ausstellung auf Reisen. Die Oberpfälzer Künstler, die hier ausstellen, haben selbst psychische Gratwanderungen hinter sich, bewegen sich immer noch und immer wieder auf schmalem Grate und haben doch den Mut, mit ihren in Kunst umgesetzten Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Ausstellung ist einer der Höhepunkte, mit denen der Verein „Irren ist menschlich“ sein 20-jähriges Bestehen feiert. Gleichzeitig wurden fünf Kunstschaffende für ihre Werke ausgezeichnet.

Eine zentrale Frage für Betroffene ist die Überlegung, wie offen man mit einer psychischen Erkrankung umgeht. Auch das sei ein schmaler Grat, berichtete Klaus Nuißl vom Vorstand des Vereins „Irren ist menschlich“. Nicht alle der 29 Aussteller haben deshalb ihren wirklichen Namen unter ihr Werk gesetzt. Der Ausgrenzung entgegenzuwirken ist eines der Ziele des Vereins. Seit zwei Jahrzehnten setzt er sich für die Belange von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung ein.

Eibl: „Hochengagierter Verein“

Als „hochengagierten Verein“, lobte ihn Michael Eibl, der Direktor der Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg (KJF). Die KJF ist einer der Kooperationspartner des Vereins bei der Ausstellung. Der andere ist der Bezirk Oberpfalz. Zur Verbesserung der Qualität bei der Versorgung psychisch kranker Menschen passe dieses Projekt sehr gut, sagte Anna Magin, die Psychiatriekoordinatorin des Bezirks Oberpfalz. Die Zusammenarbeit der drei Institutionen sei ein Modell für die Zukunft. Als „äußerst wichtig“ bezeichnete sie die organisierte Selbsthilfe, wie sie der Verein darstellt. Vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener war Martina Heland-Graef gekommen. Sie sprach „Irren ist menschlich“ ihre Anerkennung aus. 20 Jahre durchzuhalten, das sei keine Selbstverständlichkeit.

In dem ehemaligen Refektorium des Klarissenklosters, das heute eine Galerie ist, drängten sich die Menschen bei der Vernissage. Sie sahen die hohe Qualität der ausgestellten Arbeiten, sie spüren den starken Eindruck, den sie beim Betrachter hinterlassen. Viele der Künstler waren selbst anwesend. Für den einen oder anderen war die gesteigerte Aufmerksamkeit bei der Eröffnung gar nicht so leicht zu bewältigen. Er wisse nicht, ob er nicht vielleicht jetzt gleich rausrenne, bekannte der Künstler, der unter dem Pseudonym „Hope“ arbeitet. Er hielt die Situation aus, erzählte intensiv von seinen Erfahrungen mit der psychischen Erkrankung. Hannes Schmitz gab dem Publikum mit anspruchsvollen Gitarrenstücken dazwischen immer wieder Gelegenheit, dem Gehörten nachzuspüren, sich in die Welt der Künstler zu versetzen.

Tone Schmid erhält ersten Preis

Mit dem ersten Preis zeichneten Michael Eibl und Klaus Nuißl den Künstler Tone Schmid aus. Drei zweite Preise gingen an die Künstlerin mit dem Pseudonym „Harriet Burden“, „Hope“ und Johannes Frank. Den Preis für Literatur erhielt Monika Schüßler. Die Ausstellung kann online betrachtet werden unter www.galerie-st-klara.de oder zu den Öffnungszeiten dienstags von 17 bis 19 Uhr, donnerstags von 18 bis 20 Uhr und am Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 16 Uhr. Auch mit einer Filmreihe geht der Verein auf das Leben psychisch Erkrankter ein. Sie wird am 1. November um 19 Uhr im Andreasstadel mit „Nebel im August“ fortgesetzt, einem Film zum Thema Euthanasie.

Die Werke der Preisträger

  • „Deepression“:

    Tone Schmid hat sich der Objektkunst verschrieben, arbeitet auch mit vergänglichen Materialien und Weggeworfenem. „Wenn man tief in die Matratze gepresst wird und nicht weiß, wie man rauskommen soll...“ – dieses Gefühl spiegelt sein Werk „Deepression“ wider.

  • „Die andere Sphäre“:

    „Harriet Burden“ ist ein Pseudonym, denn die Künstlerin hat schlechte Erfahrungen mit Stigmatisierung gemacht. „Burden“ steht nicht nur für eine Romanfigur, sondern auch für Bürde. „Die andere Sphäre“ hat die Künstlerin ihr Bild betitelt, in dem sich der Einfluss des Expressionisten Edvard Munch zeigt. Sie möchte damit Gefühlszustände symbolhaft darstellen.

  • „Verwundeter Schamane“:

    Johannes Frank hat den „Verwundeten Schamanen“ geschaffen. Er steht für die Verwurzelung in der Erde, für die Wanderung durch ein dunkles Tal und für die Feinnervigkeit, wie sie auch Menschen in psychischen Krisensituationen eigen sein kann.

  • „Kein normaler Stuhl“:

    „Kein normaler Stuhl“ hat „Hope“ sein Werk genannt. Auch dieser Künstler nutzt ein Pseudonym. Der Stuhl ist ein „Skill“, erklärt er. „Skills“ sind Strategien, wie man in Krisensituationen reagieren kann, um sie abzuwenden oder zu mildern. Der Stuhl solle erklären, „warum es so ist, wie es ist“, sagt „Hope“ und bittet: „Einfach nur zuhören!“ (lhl)

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