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Kirche

Weißer Ring soll Missbrauch aufklären

Das Bistum Regensburg reagiert auf das Misstrauen der Opfer. Der Weiße Ring untersucht die Übergriffe bei den Domspatzen.
Von Christine Schröpf, MZ

Seit 2010 versucht das Bistum Regensburg, Missbrauch und Gewalttaten von Kirchenmitarbeitern aufzuklären. Nun holt sich die Diözese externe Hilfe.
Seit 2010 versucht das Bistum Regensburg, Missbrauch und Gewalttaten von Kirchenmitarbeitern aufzuklären. Nun holt sich die Diözese externe Hilfe. Foto: dpa

Regensburg.Kurz vor Beginn der Pressekonferenz faltet Domkapellmeister Roland Büchner kurz die Hände – fast wie zum Gebet. Seit 2010 erschüttern Vorwürfe von sexuellem Missbrauch und gewalttätigen Übergriffen bei den Regensburger Domspatzen den weltberühmten Knabenchor. Trotz aller Aufklärungsversuche vermissen viele Opfer bis heute eine würdige Anerkennung ihres Leids. Die Pressekonferenz am Montag ist ein neuer Versuch, Vertrauen zurückzugewinnen. Das Bistum Regensburg hat eine unabhängige Institution eingeschaltet, die das Ausmaß der Verfehlungen dokumentieren und Handlungsempfehlungen geben soll: die Opfer-Organisation Weißer Ring, die in der Öffentlichkeit unangefochtenes Vertrauen genießt.

Büchner bittet um Vergebung

Büchner begrüßt diesen Schritt. Er weiß, dass ein Teil der Betroffenen bis heute glaubt, dass Misshandlungen verheimlicht und vertuscht werden sollen – und widerspricht. „Ich möchte ausdrücklich betonen, dass uns jeder einzelne geschilderte Fall im Innersten berührt, zutiefst erschüttert und sprachlos gemacht hat“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Domspatzen-Stiftung und bittet die Opfer um Entschuldigung und Vergebung.

Der Regensburger Opferanwalt Ulrich Weber soll die unabhängige Aufklärung federführend übernehmen. Der 44-Jährige ist einer breiteren Öffentlichkeit bisher nur als früherer Präsident des Fußballclubs SSV Jahn bekannt, doch seit Jahren engagiert er sich auch beim Weißen Ring. Das Bistum gibt ihm völlig freie Hand. „Von Seiten der Diözese ist uns wichtig, dass er seine Arbeit unabhängig und ergebnisoffen gestaltet“, sagt Generalvikar Michael Fuchs. Im Bistum seien bei der Aufklärung in den vergangenen fünf Jahren Fehler gemacht worden. „Wir haben sehr viel lernen müssen“, gesteht er ein.

Kommentar

Es wird Zeit

Fünf Jahre ist es her, dass Gewalt und Missbrauch im Bistum Regensburg publik geworden sind. Genauso lange warten Opfer darauf, dass ihr Leid endlich angemessen...

Die Fehler haben Misstrauen gegenüber kirchlichen Institutionen gefestigt. Domkapellmeister Büchner erzählt davon bei der Pressekonferenz: „Wir in der Institution der Domspatzen haben leidvoll erfahren müssen, dass in der öffentlichen Diskussion bisweilen wenig differenziert wird und Geschehnisse von vor 40 oder 50 Jahre von manchen auf die heutige Situation übertragen werden.“ Es gebe in der Öffentlichkeit bis heute Verunsicherungen, ob Missbrauch und Misshandlung tatsächlich der Vergangenheit angehörten. Büchner verweist auf umfassende Sicherheitsmechanismen, Aufklärungsstunden und Präventionsmaßnahmen, die es inzwischen bei den Domspatzen gibt. Auch ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis sei für alle Mitarbeiter Pflicht.

Der Regensburger Opfer-Anwalt Ulrich Weber, der im Weißen Ring engangiert ist, soll als externer Experte die Übergriffe bei den Domspatzen aufklären.
Der Regensburger Opfer-Anwalt Ulrich Weber, der im Weißen Ring engangiert ist, soll als externer Experte die Übergriffe bei den Domspatzen aufklären. Foto: altrofoto.de

Strukturen zu identifizieren, die Missbrauch begünstigen, zählt auch zu den Aufgaben von Opfer-Anwalt Weber. Voraussichtlich in einem Jahr will er seinen Abschlussbericht vorlegen. „Warum blieb es so lange im Dunkeln? Darauf möchte ich eine Antwort geben“, sagt Weber. Ziel sei es, Transparenz zu schaffen, Defizite im Umgang mit Missbrauchsfällen aufzuzeigen und die Präventionsarbeit zu verbessern. Dazu will er mit Opfern sprechen, mit den Missbrauchsbeauftragten des Bistums. Unterstützt wird er von einem Beratungskuratorium, dem auch Opfer angehören sollen. Um in Kontakt zu kommen, hat Weber auch eine Homepage freigeschaltet.

Bezahlt wird er vom Bistum. Doch der Rechtsanwalt betont, dass seine Unabhängigkeit vertraglich festgelegt worden ist. „Mir werden auch Geheimarchive zur Verfügung gestellt. Das ist fixiert“, sagt der 44-Jährige. Sollte er nicht uneingeschränkt agieren können, werde er die Arbeit sofort niederlegen. „Ich springe in ein kaltes Wasser – in ein Becken, dessen Tiefe ich nicht kenne.“ Bisher habe es allerdings keinerlei Beanstandungen gegeben.

Fuchs: Keine Geheimarchive

Webers Hinweis auf „Geheimarchive“ lässt Generalvikar Fuchs allerdings am Montag nicht stehen. Im Bistum Regensburg gebe es keine Geheimarchive, korrigiert er. Der Generalvikar verweist allerdings auf Akten und Notizen in seinem eigenen Büro, die nicht jedermann zugänglich sind, Weber aber zur Verfügung gestellt werden. In diesem Zimmer sind auch ältere Unterlagen deponiert, die Fuchs vom früheren Generalvikar Wilhelm Gegenfurtner geerbt hat. Unvollständig seien allerdings Akten aus der Zeit weiterer Vorgänger. Warum das damals anders gehandhabt wurde, erschließe sich ihm nicht, sagt Fuchs. „Mir ist aber nicht bekannt, dass zu irgendeinem Zeitpunkt Akten vernichtet wurden.“

Nach kircheninternen Ergebnissen sind seit 1945 rund 80 Kinder in der Diözese Regensburg von Kirchenmitarbeitern sexuell missbraucht worden, darunter auch Schüler der Domspatzen. Zuletzt hatte das Bistum Ende Februar einen Zwischenbericht vorgelegt, der sich auf körperliche Gewalt an der Vorschule des weltberühmten Chores konzentrierte. 72 Opfer hatten von Schlägen mit Fäusten, Stöcken und einem Schlüsselbund berichtet. Das Bistum beschloss, Betroffenen ein Schmerzensgeld von je 2500 Euro zu zahlen. In den vergangenen Wochen hatten sich viele weitere Opfer gemeldet. Auf eine konkrete Zahl wollte sich Fuchs nicht festlegen. Er kündigte dazu eine Pressekonferenz zu einem späteren Termin an, „sobald wir den Eindruck haben, dass die meisten Meldungen berücksichtigt sind“.

Zwei weitere Anwälte im Dienst

Unabhängig von der Arbeit des Weißen Rings soll die Aufarbeitung im Bistum fortgesetzt werden. Zwei weitere Anwälte sind damit beschäftigt: Andreas Scheulen berät bei Fällen von Körperverletzungen, Gedo Paprotta bei sexuellem Missbrauch – auch was die Höhe konkreter Zahlungen angeht. Fuchs wertet es als Zeichen des Vertrauens, dass sich weiter Betroffene ans Bistum wenden. „Es ist höchste Zeit geworden, dass diese Wunde aufgeschnitten wurde“, sagt er.

Domspatzen arbeiten Missbrauch auf

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