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Domspatzen: „Das muss aufgeklärt werden“

Domkapellmeister Roland Büchner spricht mit MZ-Reporterin Christine Straßer über den Missbrauchsskandal bei den Domspatzen.

Domkapellmeister Roland Büchner ist über jeden Missbrauchsfall erschüttert. Prävention ist ihm ein großes Anliegen.
Domkapellmeister Roland Büchner ist über jeden Missbrauchsfall erschüttert. Prävention ist ihm ein großes Anliegen. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Herr Büchner, als Kind wollten Sie eigentlich selbst Domspatz werden. Ihr Grundschullehrer hat sogar zweimal bei Ihren Eltern deshalb vorgesprochen. Ihre Mutter wollte Sie damals aber nicht gehen lassen. Wie denken Sie heute darüber?

Musikalisch wäre es sehr reizvoll gewesen, zu den Domspatzen zu gehen. Aber wenn ich hier Schüler gewesen wäre, wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht Domkapellmeister. Dadurch, dass ich keinen Stallgeruch habe, ist manches leichter zu ertragen und war auch manches leichter zu ändern.

Bundesweit wird seit dem Wochenende wieder über den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen berichtet. Seit 2010 liegt ein Schatten über der Institution. Was bedeutet das für Sie und Ihre Arbeit?

Es ist eine Last, die man mit sich trägt, die einen fast jeden Tag in Briefen oder Telefonaten erreicht. Ich gebe zu, dass mich das selbst schwer trifft und berührt. Aber Kraft ich schöpfe aus der Arbeit mit den Buben und auch mit den Gremien hier im Haus, weil man spürt, man bringt die Institution doch nach vorne. Es geht um die Zukunft. Alle hier – Schüler, Lehrer, Chorleiter, Erzieher, Hausangestellte – arbeiten mit und versuchen diesen Schatten zu überwinden, rauszutreten, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu sagen: „Schaut her, so ist es heute.“

Wie wurde in den Klassenzimmern und auf den Fluren über die neuerlichen Berichte gesprochen?

Selbstverständlich wird darüber gesprochen. Die Schüler reagieren aber sehr unterschiedlich. Manche wollen es sehr genau wissen. Andere wollen überhaupt nichts wissen, weil sie sagen: „Das betrifft uns nicht mehr.“ Wir versuchen aber das Schweigen zu brechen. Die Kinder sollen das Gefühl haben, sie dürfen und sollen sich äußern über die Sache und wie sie empfinden. Das machen die Lehrer im Unterricht, das machen wir Chorleiter im Chor und die Schüler untereinander natürlich auch. Das fördern wir.

Warum dauert die Aufklärung so lange?

Man hat das Ausmaß der Opferzahl unterschätzt. Als 2010 die Sache aufbrach, hat man versucht, einzelne Fälle aufzurollen und ihnen gerecht zu werden. Den Opfern wurde angeboten, sich bei der Diözese und den Misshandlungs- und Missbrauchsbeauftragten zu melden. Durch die Einsetzung von Rechtsanwalt Ulrich Weber und die Bekanntmachung seiner unabhängigen Aufklärungsarbeit im vergangenen Jahr haben sich wiederum viele Opfer entschlossen, sich zu melden. Es spielen sicher verschiedene Faktoren eine Rolle, das fehlende Vertrauen in die Kirche oder in unsere Institution. Es haben sich auch bei uns Opfer gemeldet, aber das waren nicht so viele wie bei den Beauftragten oder Herrn Weber. Es wurden etliche Fälle zur Zufriedenheit aller bearbeitet. Aber es besteht auch Unzufriedenheit mit der Aufarbeitung.

Prügel waren in Schulen lange Zeit eine übliche Form der Bestrafung. In Bayern gab es erst 1980 ein gesetzliches Verbot. Warum ist es trotzdem wichtig, die Vorgänge bei den Domspatzen aufzuklären?

Leider waren diese Prügelstrafen manchmal so exzessiv, dass es sich auch damals um Körperverletzung gehandelt hat. Wenn ich höre, welche Dinge vor allem in Etterzhausen und Pielenhofen passiert sind, dann steigt in mir die Wut hoch. Das muss aufgeklärt werden, dem muss man nachgehen. Ich selbst kann ja nur für meine Zeit sprechen. Wenn ich je so etwas gemerkt hätte, ich hätte sofort reagiert.

Seit Freitag kennen wir die Zahl 231. So viele Kinder sind es mindestens, die in der Zeit zwischen 1953 und 1992 von Priestern und Lehrern misshandelt wurden. Sie selbst sind seit 1994 bei den Domspatzen. Ihre musikalische Leistung wird hochgelobt. Empfinden Sie keinen Groll gegenüber den vor Ihnen bei den Domspatzen tätigen Führungsfiguren, weil sie die Übergriffe nicht unterbunden haben?

Georg Ratzinger leitete den weltberühmten Chor von 1964 bis 1994. Foto: Lex
Georg Ratzinger leitete den weltberühmten Chor von 1964 bis 1994. Foto: Lex

Speziell meinen Sie damit meinen Vorgänger (Georg Ratzinger, Anm. d. Red.). Ich kenne ihn ja nur aus seiner letzten Zeit bei den Domspatzen. Da hat er streng geprobt, war aber ansonsten ein ganz sanftmütiger Mensch. Wenn nach den Proben die Saaltür zu war, dann war er für alle der nette, milde „Großvater“. Ich glaube, da fand in früheren Jahren von vielen Seiten eine Verdrängung statt. Es gab auch eine komplett andere Einstellung zur Erziehung. Ich will das nicht schönreden. Wenn die Führungspersonen gewusst hätten, in welchem Ausmaß geprügelt wurde, dann hätten sie reagieren müssen.

Wussten Sie von Dokumenten, aus denen hervorgeht, dass 1987 im Stiftungsvorstand der Domspatzen über die Vorwürfe gegen den Direktor der Vorschule, Johann Meier, diskutiert wurde?

Über die Diskussion gab es damals sogar einen Zeitungsartikel. Das war also durchaus in der Öffentlichkeit. Zu meinem Amtsantritt habe ich eine Pressemappe bekommen, darin war dieser Bericht. Ich habe das gesehen und gesagt: „So etwas darf nicht mehr vorkommen.“

Anfang Februar wird ein Beraterkuratorium konstituiert. Opfer sind vertreten, die Domspatzen und das Bistum. Sie verbinden damit große Hoffnungen.

Ja, das ist richtig. Wir würden von den Opfern gerne erfahren, was sie in Bezug auf die Aufarbeitung von uns erwarten. Uns ist bewusst, dass sich die Opfer ein offensiveres Vorgehen von unserer Seite bezüglich der Aufarbeitung gewünscht hätten. Unter anderem wurde vermisst, dass nicht alle ehemaligen Schüler angeschrieben wurden. Klar ist auch, dass in Sachen Aufklärungsarbeit noch sehr viel Arbeit für Rechtsanwalt Weber anfallen wird.

Was hat denn das alles für die öffentliche Wahrnehmung der Regensburger Domspatzen bedeutet? Was bedeutet es auch noch? Sind die Anmeldungen zurückgegangen?

Wie viele Eltern ohne den Skandal vielleicht dem Gedanken nachgegangen wären, ihren Buben zu uns zu geben, und das nun nicht mehr tun, wissen wir nicht. Für Eltern, die bei uns bei den Tagen der offenen Tür sind oder für die Eltern unserer Schüler ist das überhaupt kein Thema. Sie wissen, dass alles transparent und offen ist. Wir sprechen viel miteinander, insofern sagen die Leute, die mit den Domspatzen heute zu tun haben: gut, wunderbar, klasse. Die Anmeldezahlen sind zwar zurückgegangen, aber nicht so dramatisch, dass wir zusperren müssten. Im aktuellen Schuljahr hatten wir 34 Neuzugänge, im Jahr davor waren es 43.

Chöre im Vergleich

  • Die Domspatzen:

    Die Domspatzen sind eine Institution, die sich aus drei Säulen zusammensetzt: Chor, Schule und Internat. Zu den Aufgaben des Chors gehört vor allem die Gestaltung der Gottesdienste im Dom. Die Domspatzen unternehmen aber auch Konzertreisen in alle Welt. Die schulische Ausbildung der Domspatzen erfolgt in einer Grundschule und einem Gymnasium mit musischem und naturwissenschaftlich-technologischem Zweig,, denen jeweils eine Tagesbetreuung angegliedert ist. Dem Gymnasium ist ein Internat angegliedert. Derzeit besuchen 333 Buben das Gymnasium und 121 die Grundschule. Einen Einblick kann man sich schon bald selbst verschaffen. Am Samstag, 30. Januar, laden die Domspatzen von 11 bis 14 Uhr zum Tag der offenen Tür ein.

  • Der Thomaner Chor:

    Ein ebenfalls sehr bekannter Knabenchor aus Deutschland ist der Thomaner Chor aus Leipzig. Zum Vergleich: Im Thomaneralumnat, so heißt das Internat dort, wohnen derzeit 101 Schüler, wie Alumnatsleiter Thoralf Schulze sagt. Im Schuljahr 2015/16 gab es zwölf Neuzugänge. Die Thomaner besuchen die Thomasschule, ein altsprachlich-humanistischen und musisch geprägtes Gymnasium mit insgesamt etwa 670 Schülern. Eine eigene Grundschule hat der Chor nicht.

Rechtsanwalt Weber sprach von einem „System der Angst“, das über Jahrzehnte in der Vorschule in Etterzhausen und Pielenhofen herrschte. Angst ist ja in keinster Weise förderlich für Gesang. Welche pädagogischen Leitlinien gelten heute bei den Domspatzen?

Ganz pauschal gesagt, ist das die intensive Betreuung der Schüler in Chor, Schule und Internat. Für alle Beteiligten bleibt die Herausforderung, durch permanentes Abwägen von Interessen und Ansprüchen, durch hohe Motivation und starke Anstrengungsbereitschaft die Schüler zu stärken und zu fördern. In der Chorarbeit gilt sowieso: Ein ängstlicher Vogel singt nicht gut. Wir möchten, dass der Bub sich gerne singend äußert und dass er das Gefühl hat, das tut ihm „saugut“. Es ist auch immer eine ganz wichtige Nachfrage bei der Stimmbildung: „Wie fühlst Du Dich dabei?“

Was wird heute noch anders gemacht als in früheren Jahren? Welche Präventionsmechanismen haben Sie bei den Domspatzen eingeführt?

Schon seit Beginn meiner Amtszeit war uns allen im Stiftungsvorstand klar, dass wir Augen und Ohren offen halten müssen, damit Missbrauch in keiner Form mehr geschehen kann. Dies wird durch die Struktur in unserem Haus gefördert, zum Beispiel dass wir kleine Klassen haben und die Erzieher und Lehrer fast alle Schüler namentlich kennen. Es gibt seit vielen Jahren das Projekt „Männer für Männer“, das von den Biologielehrern im Zusammenhang mit dem Aufklärungsunterricht organisiert wird. Im Nachgang dazu gehen Schulpsychologin und Beratungslehrerin in die Klassen, um Fragen zu beantworten und auch behutsam auf das Thema „Missbrauch“ einzugehen. Vor einigen Jahren wurde ein Arbeitskreis „Prävention“ eingerichtet, in dem Schüler, Eltern, Lehrer, Präfekten und sonstige Mitarbeiter für das Thema „Missbrauch“ sensibilisiert werden. Erweitertes polizeiliches Führungszeugnis wird selbstverständlich verlangt und für alle Mitarbeiter sind Fortbildungen mit der Präventionsbeauftragten verpflichtend. Prävention heißt ja letztlich, Kinder stark machen und ihren Bedürfnissen eine Sprache geben.

Lesen Sie hier den Zwischenbericht von Rechtsanwalt Ulrich Weber im Wortlaut.

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