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Kirche

Domspatzen-Opfer loben das Bistum

Mit einem Vier-Säulen-Konzept wird der Missbrauchsskandal aufgearbeitet. Kardinal Müller schweigt zu Aufklärungsarbeit.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Bischof Voderholzer (M.) mit den Opfer-Vertretern Peter Schmitt (l.) und Alexander Probst, die gemeinsam an dem Konzept arbeiteten.
Bischof Voderholzer (M.) mit den Opfer-Vertretern Peter Schmitt (l.) und Alexander Probst, die gemeinsam an dem Konzept arbeiteten.Foto: altrofoto.de

Regensburg.Sechs Jahre hat es gedauert, nun haben das Bistum Regensburg und die Opfer des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen einen gemeinsamen Weg der Aufarbeitung eingeschlagen. Am Mittwoch stellte Bischof Rudolf Voderholzer das auf vier Säulen basierende Konzept im Tagungszentrum der Continental-Arena vor. Für die Opfer sprachen Peter Schmitt und Alexander Probst von einer „Lösung, die vielen, vielen helfen wird“.

An Ettaler Konzept orientiert

Seit acht Monaten hatte das sogenannte Aufarbeitungsgremium an einem gemeinsamen Konzept gearbeitet. Es beinhaltet das Angebot einer unabhängigen Anlaufstelle mit therapeutischer Hilfeleistung beim Münchner Informationszentrum für Männer, eine soziologische sowie eine historische Studie und eine Anerkennungsleistung für die Opfer, die von 5000 bis 20 000 Euro reicht. Mit dem Konzept hatte sich das Gremium am Entschädigungskonzept für Opfer von Missbrauchsfällen im Kloster Ettal orientiert, das bereits 2012 auf den Weg gebracht worden war. „Erlittenes Leid kann nicht mit Geld aufgewogen werden. Es ist eine Anerkennung, aber keinesfalls ein Schmerzensgeld“, betonte Domspatzen-Internatsdirektor Rainer Schinko.

Bischof Voderholzer drückte ein weiteres Mal sein Bedauern darüber aus, was Kindern in den Einrichtungen der Domspatzen in der Zeit zwischen 1945 bis in die Anfänge der 1990er Jahre angetan wurde. „Es ist die bedrückendste Erfahrung und schmerzlichste Last meines Amtes.“

Die Chronologie eines unglaublichen Skandals: Seit 2010 ist bekannt, dass bei den Domspatzen Buben misshandelt wurden. Die Aufarbeitung kommt nur sehr langsam voran.

Seit dem Zwischenbericht des unabhängigen Aufklärers Ulrich Weber im Januar haben sich weitere 129 Opfer aus den Reihen der ehemaligen Domspatzen gemeldet. In den meisten Fällen handelte es sich um körperliche Misshandlungen, desweiteren seien auch einige neue Fälle von sexuellem Missbrauch bekanntgeworden, sagte das Regensburger Kirchenoberhaupt. Damit hat sich die Zahl der Opfer auf 422 erhöht. Bis auf einen Beschuldigten seien alle Verantwortlichen bereits gestorben. „Gegen den einen noch lebenden Täter werden die Möglichkeiten einer strafrechtlichen Verfolgung geprüft“, sagte Schinko.

Ratzinger Rolle wird aufgearbeitet

Auch die Rolle des früheren Domkapellmeisters Georg Ratzinger und weiterer ehemaliger Domspatzen-Verantwortlicher soll im Rahmen des nun beschlossenen Aufklärungskonzeptes in einer historischen Studie beleuchtet werden. Auf Nachfrage sagte Voderholzer, dass es ihn „persönlich außerordentlich interessiere“ wie Ratzingers Einfluss auf die beiden Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen sowie das Internat in Regensburg war und wie die Kommunikationswege verliefen. Ratzinger hatte im Januar, nach Bekanntwerden der hohen Opferzahlen erklärt, dass er von sexuellen Missbräuchen „überhaupt nichts gehört“ habe. Prügel seien damals dagegen üblich gewesen.

Die Missbrauchsfälle waren in der Amtszeit des früheren Regensburger Bischofs und jetzigen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, bekannt geworden. Müller warf den Medien damals eine Kampagne vor. Opfer kritisierten den Umgang des Bistums mit dem Leid der Betroffenen. Opfer-Vertreter Alexander Probst sagte, dass sechs kampfreiche Jahre zu Ende seien. „Jetzt haben wir ein Ergebnis von dem wir jahrelang geträumt haben.“ An einem Ziel wird aber noch gearbeitet: Ein Gespräch mit Kardinal Müller.

Zu den neuen Entwicklungen bei der Aufklärung von Misshandlungen und Missbrauch bei den Domspatzen will sich Müller nicht öffentlich äußern. Die Angelegenheit betreffe ihn nicht mehr, teilte die Glaubenskongregation dem Bayerischen Rundfunk am Donnerstag mit. Kardinal Müller habe als Bischof von Regensburg im Jahr 2010 mit einem Hirtenbrief die Aufklärung in die Wege geleitet und bei seiner Berufung nach Rom im Jahre 2012 sämtliche Unterlagen für seinen Nachfolger hinterlassen, heißt es weiter. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen.

Ein MZ-Spezial zum Missbrauchsskandal sehen Sie hier.

MZ-Spezial zum Missbrauchsskandal bei den Domspatz

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