mz_logo

Regensburg
Mittwoch, 22. August 2018 29° 3

Menschen

Dr. Vater entlässt seine Kinder

Seit 1981 hat Prof. Schwarz 55 Doktoranden der Theologie betreut. Jetzt macht er seiner Frau Freude und lernt Walzer tanzen.
Von Helmut Wanner

Prof. Dr. Dr. hc. mult. Hans Schwarz in seinem Arbeitszimmer am Hohen Sand Foto: Wanner
Prof. Dr. Dr. hc. mult. Hans Schwarz in seinem Arbeitszimmer am Hohen Sand Foto: Wanner
Papst Johannes Paul II. im Gespräch mit Professor Hans Schwarz
Papst Johannes Paul II. im Gespräch mit Professor Hans Schwarz

Regensburg. 37 Jahre sind genug. Prof. Hans Schwarz nimmt keine neuen Doktoranden mehr an. Seit Februar lernt er bei der Lappersdorfer Tanzschule Schick die wichtigsten Schritte für Standardtänze. „Einmal im Jahr gehe ich tanzen auf den Ball der Theaterfreunde, und da klagt meine Frau Hildegard immer, dass ich keinen Walzer kann. Das muss sich ändern.“

Bislang kannte man in Regensburg ausschließlich seine akademische Seite, die des sorgenden Doktorvaters. Wer promovieren will, wird bekanntlich von einem Professor an der Hand genommen. Den Ausdruck Doktorvater gibt es nur im Deutschen. Der Begriff suggeriert familiäre Nähe. Nicht wenige der ca. 200 000 Doktoranden in Deutschland müssen erfahren: Der Professor ist zwar jung, freundlich, locker – aber nie da, wenn man ihn braucht.

Mit 80 Jahren tritt er kürzer

Von dieser Art ist der Regensburger Theologe Hans Schwarz nie gewesen. Er dürfte mittlerweile Deutschlands ältester Doktorvater sein. Am 5. Januar 2019 wird der Professor für systematische Theologie 80.

Seit 1981 ist er an der Alma Mater von Regensburg. In dieser Zeit kam Doktorvater Schwarz auf 55 „Kinder“. „47 sind fertig, acht sind noch in der Schleife“, sagt Hans Schwarz. Das besondere an ihnen: Sie kommen aus fünf Kontinenten.

Für diese Doktoranden und Doktorandinnen brauche man „viermal so viel Zeit“, sagt Schwarz – „wenn man sich kümmert.“ Prof. Schwarz bespricht nicht nur Themen und liest die Arbeiten – abschnittsweise, bei der Entstehung, damit nichts schiefläuft. Er kümmert sich. Auch um ganz praktische Dinge, zum Beispiel hat er dem angehenden Theologen Hla Aung aus dem buddhistischen Myanmar im Secondhandladen seine ersten westlichen Hosen besorgt. Damit die Frau eines pfingstlerischen indischen Pastors einmal sehen kann, wo ihr Mann die letzten vier Jahre gelebt hat, bürgt er für die Kosten des Aufenthalts.

Ist das Dummheit? „Sicher hat es viel Zeit gekostet, beantwortet sich Schwarz seine eigene Frage. Aber ich habe die Wissenschaft nicht vernachlässigt.“ Gerade schreibt er an seinem letzten Buch zum Thema Theodizee. Der Titel ist eine rhetorische Frage – gestellt in der Sprache der Wissenschaft, Englisch: „Who rules the world?“ Schwarz ist fit wie der sprichwörtliche Turnschuh. Er steht morgens um 6 Uhr auf, geht in den Keller und liest dann am Stehpult eine halbe Stunde MZ, bevor es an die Fitness-Geräte geht. Seine Frau Hildegard ruft ihn zum Frühstück, manchmal telefonisch. Danach steigt der Theologe wieder hinab in den Keller der Wissenschaft.

Prof. Schwarz mit Kardinal Joseph Ratzinger bei einem Kongress im Vatikan
Prof. Schwarz mit Kardinal Joseph Ratzinger bei einem Kongress im Vatikan

„Für Menschen etwas zu tun, ist für mich das, was sich im Leben am meisten rentiert.“ Diesen Sonntag reisen sie an zur allerletzten Summer School, die am Montag, 15 Uhr, im H 24 des Vielberth-Gebäudes eröffnet wird. Über 30 Doktoranden haben sich angesagt. Das Thema ist „Flucht, Migration und Integration. Eine Anfrage an die christliche Theologie und Diakonie.“
Migration ist „das“ Thema der Kirche. Schwarz betont allerdings, dass Christsein auch die Fürsorge für die eigenen Leute beinhaltet, die Witwen und Waisen im Lande. Beim Abschlussgottesdienst am Sonntag, 22. Juli, 10 Uhr, in St. Matthäus, wird das Vaterunser auf Slowakisch, Koreanisch, Hindi und Englisch gebetet. Das Predigtthema lautet: „Christen sind anders?“

„Schwarz ist eine gute Adresse“

Zum Doktorvater für Doktoranden aus fünf Kontinenten wurde er 1981, als Schwarz den Ruf an die Uni Regensburg angenommen hatte. Er kam als Professor für Systematische Theologie vom Trinity Lutheran Seminar in Columbus. Ohio. Der Empfang bei seinen katholischen Kollegen sei anfangs sehr kühl gewesen. Die evangelische Theologie galt als liberal. „Ohne das Parteibuch der SPD konnte man bei uns keine Kirchenkarriere machen, das ist bekannt“, sagt der Regensburger Theologe. Der Ruf strahlte in alle Erdteile. Wer bei linken deutschen Theologen promovierte, hat in den eher konservativen Heimatkirchen Südostasiens von Kuala Lumpur, Seoul bis Hongkong schlechte Karten. Der Direktor des Missionswerks in Dettelsau stellte dem Professor damals das Zeugnis aus. „Schwarz ist eine gute Adresse.“ So kamen viele der angehenden Führungskräfte der lutherischen Kirchen und Freikirchen, Dekane, Professoren und Oberkirchenräte zu Prof. Hans Schwarz nach Regensburg.

Wie eng der Kontakt ist, zeigt der Zusammenhalt über all die Jahrzehnte. Jedes Jahr schreibt Schwarz einen Weihnachtsbrief. Durch seinen intensiven Kontakt mit ehemaligen Doktoranden weltweit unternahm er viele Vortragsreisen und hielt hunderte von Vorträgen. Mittlerweile hat Schwarz schon die dritte Doktorandengeneration unter die Fittiche genommen. Und sein erster Doktorand steht vor der Pensionierung. Höchste Zeit, meint seine Frau, als Doktorvater den Hut zu nehmen und als Ehemann das Tanzbein zu schwingen. Den Erfolg wird man beim nächsten Theaterball feststellen.

Partner der Päpste

  • Kollegen:

    Prof. Hans Schwarz traf bei einem ökumenischen Kongress in Rom auf den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger. Als Kollegen an der Hochschule hat Schwarz den späteren Papst Benedikt XVI. also nicht mehr erlebt. Ratzinger wurde im selben Jahr zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt, in dem Prof. Schwarz den Ruf an die Universität Regensburg annahm.

  • Ökumene:

    Papst Johannes Paul II im Gespräch mit dem Theologen Hans Schwarz. Der Professor war damals Gast eines ökumenischen Kongresses im Vatikan. Schwarz erinnert sich: „Um die Einheit mit den Ostkirchen wieder herzustellen, war er sogar bereit auf das filioque zu verzichten.“ Diese Formulierung war durch Karl den Großen ins Glaubensbekenntnis gekommen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht