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Themenwoche

Drogen – der Alltag in Regensburg

Abseits von spektakulären Rauschgiftprozessen kämpfen Helfer, Polizei und Justiz mit den Folgen der Sucht.
Von Anna Jopp und Jan-Lennart Loeffler

Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge – sowohl bundesweit, als auch in Regensburg, Über die Hälfte aller Drogendelikte in der Domstadt hängen mit Cannabis zusammen. Auf dem zweiten Platz folgt mit großem Abstand Heroin. Foto: Karmann/dpa
Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge – sowohl bundesweit, als auch in Regensburg, Über die Hälfte aller Drogendelikte in der Domstadt hängen mit Cannabis zusammen. Auf dem zweiten Platz folgt mit großem Abstand Heroin. Foto: Karmann/dpa

Regensburg.Kiloweise Marihuana, Kokain und Heroin: Das Regensburger Landgericht verhandelt derzeit den Fall einer Dealerbande rund um den „Drogen-Paten“ Fiqret D., die von der Gaststätte „Sun Inn“ im Regensburger Stadtosten aus jahrelang im großen Stil mit illegalen Substanzen gehandelt haben soll. Erst Mitte Januar verurteilte das Gericht einen Flüchtling, der insgesamt mindestens 50 Kilogramm Marihuana und Haschisch in seinem Zimmer in einer Unterkunft in Hainsacker versteckt hatte, zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten.

Zwei Jahre und sieben Monate Haft lautete 2018 das Urteil gegen einen 18-jährigen Drogenkurier, der als Fahrer für zwei Rauschgiftdealer mindestens 35 Kilogramm Marihuana und 200 Ecstasy-Tabletten von und nach Regensburg transportierte. Mit der Polizei lieferten sich Dealer und Fahrer vor der Verhaftung noch eine Verfolgungsjagd durch die Stadt.

Es sind diese spektakulären Fälle, denen eine mediale Berichterstattung sicher ist und die in mancherlei Hinsicht an das Drehbuch eines Hollywood-Filmes erinnern. Kriminalität steckt hinter allen noch so kleinen Mengen illegaler Drogen, die den Weg zum Konsumenten finden, ob es nun Heroin, Crystal Meth oder Cannabis sind. Und diese Mengen werden in immer größerem Ausmaß von der Polizei sichergestellt. Spektakuläre Drogenfälle mögen in Regensburg die Ausnahme sein , Konsum und Handel mit illegalen Drogen sind es nicht.

Hohe Zahl an Drogentoten

Fünf Drogentote gab es nach Informationen der Mittelbayerischen bereits in den ersten Wochen dieses Jahres. Insgesamt 13 Drogentote waren es laut Polizei in Stadt und Landkreis Regensburg im Jahr 2017 (für das vergangene Jahr legt die Polizei noch keine Zahlen vor), in der gesamten Oberpfalz waren es 34 Tote. Das sind zwar weniger Fälle als im Vorjahr, umgerechnet auf die Einwohnerzahl lässt die Zahl jedoch aufhorchen: Während in Regensburg im Jahr 2017 umgerechnet 8,1 Drogenabhängige pro 100 000 Einwohner an ihrem Konsum verstarben, waren es in München mit durchschnittlich drei und in Nürnberg mit 3,7 Drogentoten pro 100 000 Einwohner jeweils deutlich weniger.

Crystal sorgte vor einigen Jahren für Aufregung in der Oberpfalz. Nun sind die aufgegriffenen Mengen wieder leicht rückläufig. Foto: von Erichsen/dpa
Crystal sorgte vor einigen Jahren für Aufregung in der Oberpfalz. Nun sind die aufgegriffenen Mengen wieder leicht rückläufig. Foto: von Erichsen/dpa

Wie viele Menschen in Regensburg illegale Drogen konsumieren, lässt sich schwer feststellen. „Wir rechnen mit um die 1000 Menschen, die intravenös Heroin konsumieren“, sagt Christian Kreuzer, Leiter der Suchtambulanz der Caritas in Regensburg. Etwa die Hälfte dieser Menschen befinde sich in „Substitution“, also in regelmäßiger ärztlicher Behandlung mit Ersatzmedikamenten. Bei den von der Polizei erfassten Drogendelikten lag Heroin im Jahr 2017 auf dem zweiten Platz: Laut der offiziellen Statistik des Polizeipräsidiums Oberpfalz hatten mit 108 von 866 Fällen insgesamt 12,6 Prozent aller Rauschgiftdelikte in Regensburg mit diesem Stoff zu tun. Methamphetamine (auch bekannt als Crystal Meth) machten rund sechs Prozent der Drogendelikte aus. Vor wenigen Jahren galt die Oberpfalz noch als Hochburg der synthetischen Droge, die stark abhängig macht.

Deliktverteilung nach Drogenarten in Regensburg

In 483 Fällen, also mehr als der Hälfte, ging es hingegen um Cannabis, das damit die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Regensburg bleibt. In den vergangenen Jahren machten Cannabisprodukte den weitaus größten Teil der sichergestellten Rauschgiftmengen aus. Die Domstadt liegt so im bundesweiten Trend. Auch deutschlandweit liegt die klassische Einstiegsdroge, die vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt ist, bei den illegalen Substanzen weit vorne.

„Das Unrechtsbewusstsein wird immer geringer.“

Jugendrichterin Cornelia Braun

Zwei aktuelle Fälle sind alltägliche Beispiele: Cannabis brachte vor wenigen Tagen auch einen 20-jährigen Kfz-Mechaniker aus Regensburg vor Gericht. Er war mit knapp sieben Gramm Marihuana im Fahrzeug eines Freundes erwischt worden. Der junge Mann hatte seinen Joint nicht nur selbst geraucht, sondern auch mit dem Fahrer und einem weiteren Beifahrer geteilt – bis sie in eine Polizeikontrolle gerieten. Zwei Tage zuvor musste sich ein 18-Jähriger für den Besitz von rund 40 Gramm Marihuana verantworten. Weit entfernt von Drogenringen und Verfolgungsjagden sind es Fälle wie dieser, die zwar keine Schlagzeilen machen, aber Polizei und Justiz in Regensburg häufig beschäftigen.

Cornelia Braun ist Jugendrichterin am Regensburger Amtsgericht. Sie verhandelt regelmäßig diese alltäglichen Fälle. „Das Unrechtsbewusstsein wird immer geringer,“ sagt Braun. „Es wird fast schon als normale Freizeitgestaltung angesehen.“ Immerhin zeigten sich die beiden Angeklagten in diesen Fällen bereits bei den Polizeikontrollen kooperativ und später vor Gericht einsichtig. Sie kamen ohne Freiheitsstrafe davon. Der 20-jährige Kfz-Mechaniker muss nun 1000 Euro an den Drogenhilfeverein Drugstop zahlen, der 18-Jährige 30 Arbeitsstunden ableisten und zur Suchtberatung. „Da steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund“, erklärt Richterin Braun. Oftmals werde Jugendlichen auch der Hinweis, dass es später mit dem Führerschein Probleme geben kann, die Augen öffnen.

Einstiegsalter zwischen 13 und 15 Jahren

Die meisten, die mit 18 oder 19 vor Gericht landen, konsumieren schon länger. Das Einstiegsalter ist niedrig. Bereits zwischen 13 und 15 Jahren findet die erste Erfahrung statt. Eine große Rolle spielt das soziale Umfeld. „Diejenigen, die aus prekären Verhältnissen kommen, die rutschen leichter rein“, sagt Braun. Sie betont, wie wichtig in ihren Augen eine früh einsetzende Präventivarbeit ist. Über den Erfolg von Abschreckung und Prävention macht sie sich keine Illusionen: „Man sieht viele wieder“, sagt Braun über die Jugendlichen. Aber Drogen sind in Regensburg kein reines Phänomen der Jugend. Laut Polizeistatistik waren im Jahr 2017 70 Prozent der Tatverdächtigen im Bereich Rauschgiftkriminalität älter als 21 Jahre. Nur rund 14 Prozent waren Jugendliche unter 18 Jahren, knapp 16 Prozent Heranwachsende im Alter zwischen 18 und 21 Jahren.

Beamte der Bereitschaftspolizei untersuchen Passanten an der Alberstraße auf Drogen. Foto: Jopp
Beamte der Bereitschaftspolizei untersuchen Passanten an der Alberstraße auf Drogen. Foto: Jopp

Hat die Stadt also ein Drogenproblem? Teils teils, sagt Dietmar Winterberg, Pressesprecher am Polizeipräsidium Oberpfalz. „Regensburg ist kein ‚Brennpunkt‘ in dem Sinne, dass man hier Angst haben müsste, auf die Straße zu gehen. Als größte Stadt in der Oberpfalz zieht es aber Verkäufer und Kunden gleichermaßen an.“ Besonders im Bereich um den Bahnhof und die Albertstraße greife man des Öfteren Drogenkonsumenten und Dealer auf. Im Jahr 2018 sei die Anzahl der registrierten Rauschgiftdelikte in Regensburg erneut gestiegen. Das liege aber nicht unbedingt daran, dass die Drogensituation in Regensburg sich immer weiter verschlimmere, sondern vielmehr daran, dass die Polizei im Rahmen der Aktion „Stark für Regensburg“ seit dem Sommer 2018 vermehrt Kontrollen durchführe und schlicht mehr Drogen aufgreife, die dann in die Statistik eingingen. Aber: „Die Bahnhofsszene ist nur der sichtbare Teil“, sagt Suchthilfe-Experte Kreuzer über die Regensburger Drogenszene. Vieles findet im Verborgenen statt. Insbesondere der Missbrauch von Alkohol und Medikamenten.

Lesen Sie auch: Die Themenwoche der Mittelbayerischen zu Drogen und Sucht in Regensburg

In Regensburg gibt es ein starkes Hilfenetz, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Abhängigen und ihren Angehörigen zu helfen. Weit über die Stadtgrenzen hinaus steht dieses Netzwerk für Betroffene zur Betreuung, Behandlung und Nachsorge offen. So behandelt das Zentrum für Suchtmedizin der Uniklinik am Bezirksklinikum Regensburg ambulant und stationär jährlich mehr als 2 500 Patienten wegen Suchtproblemen aller Art, die meisten davon wegen Alkoholproblemen, mit Abstand gefolgt von Problemen mit illegalen Drogen und Medikamentenabhängigkeit. Die Beratungsstelle des Drogenhilfevereins Drugstop berät und unterstützt aktuelle und ehemalige Konsumenten und Angehörige. In einer bayernweiten Crystal-Meth-Hotline können sich Betroffene telefonisch Hilfe holen.

Dichtes Netz von Hilfsangeboten

Auf den Regensburger Straßen arbeiten währenddessen Streetworker mit denjenigen, die sich selten an solche Hilfestellen wenden, etwa, weil sie zu tief in der Sucht stecken, nicht aufhören wollen oder können, oft auch wohnungslos sind. Auch im Kontaktladen von Drugstop in der Landshuter Straße ist man für diese Suchtkranken da. Sie bekommen dort ein warmes Mittagessen, können duschen, und auch einmal pro Woche saubere Spritzen erhalten.

„Die Bahnhofsszene ist nur der sichtbare Teil.“

Christian Kreuzer, Leiter der Fachambulanz für Suchtprobleme Regensburg

„Beratung und Behandlung sind wichtige Bausteine, aber Substitution und Spritzentausch sind genauso wichtig, damit man auch Menschen, die nicht bereit sind für einen Ausstieg, nicht alleine lässt“, sagt Hans-Peter Dorsch von der Aids-Beratungsstelle Oberpfalz, die allein im vergangenen Jahr 86 000 saubere Kanülen an Regensburgs Drogenabhängige verteilte. Diese Maßnahmen helfen nicht nur medizinisch – bei Vermeidung von Krankheiten –, sondern sind auch gesellschaftlich wichtig, etwa zur Verhinderung von Beschaffungskriminalität.

Nach Entzug und Therapie bietet beispielsweise das Programm „Start“ der Regensburger Caritas in einer Wohngemeinschaft Hilfe bei Job- und Wohnungssuche. So kann die Wiedereingliederung in den Alltag besser gelingen. Mit der „Brücke ins Arbeitsleben“ ermöglicht der Werkhof der Diakonie ehemaligen Drogenabhängigen einen Einstieg ins Berufsleben.

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