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Druck bereits in der Grundschule

Herausforderung für Schüler, Eltern und Lehrer: Eine Woche lenkt die MZ den Blick auf die ersten Jahre im Bildungssystem.
Von Thomas Kreissl, MZ

„Abenteuer Grundschule“: Unter diesem Motto blickt unser Medienhaus zusammen mit Schülern, Eltern, Lehrern und Experten eine Woche lang auf das Bildungssystem. Foto: dpa
„Abenteuer Grundschule“: Unter diesem Motto blickt unser Medienhaus zusammen mit Schülern, Eltern, Lehrern und Experten eine Woche lang auf das Bildungssystem. Foto: dpa

Regensburg.Mirjam Thurn bringt es auf den Punkt. „Wir sind das Leben“, sagt die Konrektorin der Grundschule St. Wolfgang in Regensburg. Und sie hat Recht. Denn tatsächlich ist die Grundschule die einzige Schule, die die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite und Vielfalt abbildet. Und sie ist die Schule, in der die erste – oft schon grundlegende – Entscheidung für den weiteren Bildungsweg fällt. Deshalb ist Grundschule eine Herausforderung – für Kinder, Eltern und Lehrer gleichermaßen. Im Idealfall werden schon hier viele Fähigkeiten entdeckt und gefördert, die den weiteren Weg der jungen Menschen prägen.

Doch wie nahe an diesem Ideal ist die Grundschule eigentlich? Kann es überhaupt erreicht werden mit Blick auf den enormen Übertrittsdruck, der auf Schülern, Eltern und Lehrern lastet? Oder braucht es Reformen, mehr individuelle Förderung, weniger Notendruck und Selektion, eine längere Grundschulzeit?

In der Themenwoche „Abenteuer Grundschule“ wird sich unser Medienhaus eine Woche lang unter anderem mit diesen Fragen beschäftigen. Von Montag an werden täglich auf einer Doppelseite Schüler, Eltern und Lehrer zu Wort kommen, aber auch Bildungsexperten, Psychologen und Wissenschaftler. Die Reporter unserer Lokalredaktionen gehen in die Schulen, sprechen mit Schulbehörden und blicken auf andere Länder. Unsere Infografiker bereiten ihre Erkenntnisse in anschaulichen Grafiken auf. Und schließlich stehen die Herausforderungen der Grundschule im Fokus einer Podiumsdiskussion im MZ-Verlagsgebäude.

Das meiste Wissen geht verloren

Sehr radikal denkt beispielsweise Margret Rasfeld. Die international anerkannte Bildungsexpertin leitete bis vor kurzem eine Gemeinschaftsschule in Berlin. Das Bildungssystem müsse völlig umgebaut werden, fordert sie und zitiert dazu viele Studien. Eine geht davon aus, dass 95 Prozent des in der Schule gelernten Wissens mehr oder weniger schnell wieder vergessen wird. Was dagegen bleibe, sei Haltung und Einstellung, die den Kindern in der Schule vermittelt werde.

Dabei sieht Rasfeld vielversprechende Ansätze, aber eben auch große Schwächen: „Die Grundschule ist drei Jahre lang toll, bis zum Jahr vor dem Übertritt“, sagt sie im Rahmen der pädagogischen Vortragsreihe „Gebt den Kindern Flügel – Abenteuer Schule“.

Dort meldet sich auch der Autor und Familienberater Jan Uwe Rogge zu Wort. Er packt seine Zuhörer locker und humorvoll, aber sicher nicht weniger aufrüttelnd. „Sport, Musik und Kunst sind die wichtigsten Fächer in der Grundschule“, provoziert er und fordert mehr Raum für Bewegung, Fantasie und Kreativität.

„Mir tut das Herz weh, wenn ich die Folge von Übertrittsfehlentscheidungen sehe.“

Heribert Stautner, Regensburger Schulamtsdirektor

Dabei hat sich gerade an den Grundschulen in den vergangenen Jahren einiges getan. „Eine ungeheure Dynamik“, nimmt etwa der Regensburger Schulamtsdirektor Heribert Stautner wahr. Er bedauert jedoch, dass die Durchlässigkeit des Schulsystems von vielen Eltern nicht wahrgenommen werde und sich der Blick auf Realschule oder Gymnasium verenge. „Mir tut das Herz weh, wenn ich die Folge von Übertrittsfehlentscheidungen sehe“, klagt Stautner.

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch von der Erziehungsberatung der Katholischen Jugendfürsorge sieht sich damit immer wieder konfrontiert. „Den Schülern geht es furchtbar schlecht“, betont er. Insbesondere nach dem Übertritt nimmt bei vielen Kindern die eigentlich positive Einstellung zur Schule schnell ab, hat eine Umfrage unter Regensburger Schülern ergeben. „Die Entscheidung kommt zu früh und ist meist fremdbestimmt“, sagt er zum Übertritt nach der 4. Klasse.

Podiumsdiskussion

  • Die Grundschule

    ist eine Herausforderung. Wie kommen Kinder, Eltern und Lehrer gut durch diese Zeit? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Podiumsdiskussion am Dienstag, 21. Februar, um 20 Uhr im MZ-Verlagshaus.

  • Die Diskussionsveranstaltung

    ist Teil der Themenwoche vom 20. bis 25. Februar, die die Lokalredaktion der Mittelbayerischen Zeitung dem „Abenteuer Grundschule“ widmet. Die Debatte wird per Live-Stream auf www.mittelbayerische.de übertragen.

  • Die Moderation

    übernehmen die stellvertretende Leiterin der MZ-Lokalredaktion, Andrea Fiedler, und Redakteur Thomas Kreissl.

  • Auf dem Podium sitzen vier Experten zum Thema: Christine Frey ist Staatliche Schulpsychologin für Stadt und Landkreis Regensburg, Verena Hinrichs ist Elternbeiratsvorsitzende der Kreuzschule, Mirjam Thurn ist Konrektorin der Wolfgangsschule und Dr. Hermann Scheuerer-Englisch ist Diplom-Psychologe und Leiter der Erziehungsberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg.

  • Die Anmeldung

    zur Podiumsdiskussion ist bis 20. Februar möglich bei der Volkshochschule unter Tel. 507-24 33 oder per Mail unter service.vhs@regensburg.de.

Und sie bringt viel Druck in die letzte Grundschulklasse. „Wenn sich abzeichnet, dass die Noten für den Sprung auf ein Gymnasium nicht reichen, geraten viele Eltern in Panik,“ sagt Präsidentin Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Das bestätigt Heinz Wagner, der Abteilungsleiter Recht im BLLV-Bezirk Niederbayern. Er erzählt vom enormen Noten- und Prüfungsdruck, der Schülern und Lehrern im Jahr vor dem Übertritt abverlangt werde. Um gegenzusteuern, seien eine größere Flexibilität und alternative Modelle beim Übertritt nötig. Wagner kann sich unter anderem vorstellen, dass nur der Elternwille entscheidet.

Mehr Grundvertrauen ist nötig

Damit könnte sich auch Konrektorin Mirjam Thurn anfreunden. Sie traut den Eltern zu, dass sie auf lange Sicht diese Entscheidung verantwortungsvoll treffen können. Möglich wäre das wohl vor allem dann, wenn noch ein Stück weit mehr das eintritt, was Schulpsychologin Christine Frey fordert. „Wir brauchen mehr Gelassenheit und mehr Grundvertrauen in unsere Kinder und die Schule“, erklärt sie und warnt davor, Leistungsdruck mit Leistung gleichzusetzen. Denn wenn sich Leistung auf Fähigkeiten und Kompetenzen stütze, sei sie eine Wertschätzung – und damit positiv.

Das bestätigt Elternbeiratsvorsitzende Verena Hinrichs von der Regensburger Kreuzschule mit Blick auf die vor wenigen Jahren eingeführten Lernentwicklungsgespräche. Anstelle der Zwischenzeugnisse sprechen hier in den ersten drei Jahrgangsstufen die Lehrer mit den Schülern über Stärken und Schwächen. „Dir Kinder finden das gut und schätzen sich dabei sehr realistisch ein“, weiß Hinrichs.

Video: Rieder/MZ

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