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Menschen

Ein Araber sorgt sich um Deutschland

„Wir schaffen das“: Saad Al Mahmoud, der bestintegrierte Iraker der Stadt, ist sich da nicht so sicher.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Saad Al Mahmoud auf der Steinernen: Als Dolmetscher sieht er sich als Brückenbauer zu Arabien. Foto: Wanner
  • Saad Al Mahmoud vor Belgrad
  • Der Scheich und seine Monika

Regensburg. Saad Al Mahmoud ist ein Unikat. Der Araber war der einzige Moslem, der sich am 12. September 2006 bei der Papstmesse auf dem Islinger Feld als Helfer zur Verfügung stellte. Vom Vorabend, 20 Uhr, bis zum anderen Tag um 13 Uhr organisierte er einen Infostand in unmittelbarer Nähe zur Altarinsel. „Nachbarn aus Lappersdorf haben mich gesehen und gesagt, Saad, was tust’n du da. Du bist doch Moslem?“

Er habe es voller Freude getan, bekennt der 1943 in Bagdad als Sohn eines Scheichs geborene Diplomingenieur im Ruhestand. Er wurde einmal als der am besten integrierte Iraker in Stadt und Land bezeichnet. Das wurde ihm an seinem 70. Geburtstag auch von der Regensburger CSU-Stadtratsfraktion bestätigt.

Seine Kinder sind Katholiken

Seine drei Kinder hat er „katholisch taufen“ lassen, „weil das die Mehrheitsreligion in Bayern ist“. Wäre Saad Al Mahmoud in Stuttgart gelandet, wären die Kinder evangelisch. Und in Bagdad selbstverständlich Muslime.

Sein Sohn Sascha ist der Gastronom mit der stärksten Medienpräsenz in Regensburg. Bei den Namen lässt er sich immer was einfallen: „Jag deine Eltern nicht vom Hof“ heißt der Nachfolger der „Banane“ in der Goldenen Bärenstraße. Er betreibt die Clubs „Schimmerlos“ und „Suite15“. Im November macht im ehemaligen Bratwursteck am Petersweg eine „Warm up“-Bar auf. Er nennt sie nach einer Figur aus Grimms Märchen.

Das „Spital-Café“ am Brückenfuß ist eines von fünf Bars und Diskotheken seines Sohnes Sascha. Dort treffen wir uns aus einem besonderen Anlass. Gerade hat Saad Al Mahmoud mit seiner Familie „das Fest der zweiten Heimat“ gefeiert, mit bayerischem Essen. Seine Frau Monika hatte gekocht. Das wäre an sich noch nichts Besonderes. Das macht er jährlich. Aber diesmal feierte er „50 Jahre zweite Heimatstadt Regensburg“. Sie ist für ihn die schönste Stadt der Welt, nach Bagdad.

Wir löffeln Gulaschsuppe aus dem Weck-Glas. Der Aktiv-Rentner spricht ein grammatikalisch einwandfreies Deutsch, aber so leise, als würde er auf dem Basar von Bagdad in einem diskreten Winkel echtes Gold auf samtenen Schubfächern präsentieren. Das, was er kann, ist tatsächlich Gold wert. Mit seinen interkulturellen Kompetenzen ist er zum Brückenbauer geworden. Als Sprachmittler, wie er sein Dolmetschen versteht, ist Saad Al Mahmoud jeden Tag die erste Kontaktperson zu den in Scharen ankommenden Migranten aus dem arabischen Raum. Doch die vielen Männer, die er aus dem Warteraum beim Bundesamt in Deggendorf einzeln hereinholt, machen ihn nicht froh.

„Nachts drehe ich mich oft im Schlafe um, weil ich Sorgen habe.“ Sorgen um Deutschland. 17 Stunden am Stück stand er am Montag im Bundesamt für Migration in Deggendorf. „Wahnsinn“, sagt er, „du denkst, du bist in Syrien.“ Am Mittwoch dasselbe Prozedere. Abends dann ein Vortrag in Deggendorf über „den Arabischen Frühling“ und die Folgen, die er hat kommen sehen. „Diese Länder sind nicht bereit für die Demokratie“, sagt Al Mahmoud. Die Lehre des Sohnes eines irakischen Stammesfürsten bringt es auf die einprägsame Formel: „Deutschdenken funktioniert nur für Deutschdenkende. Aber Deutschdenken für Andersdenkende? Das kann nicht funktionieren.“

Kratzen am Idol „Anschela“

„Unterkunft, Unterkunft“, höre er dauernd. Aber damit sei es nicht getan im Land von „Anschela“. So wird die Kanzlerin in Arabien wie ein Popidol verehrt. Ihre Selfie-Botschaft vom Sommer habe dort das Bild des reichen Deutschland wachgerufen, wo es, wie Saad Al Mahmoud sagt, „für alle Geld gibt und ein Haus mit Garten“. Das Häuschen mit Garten hat er auch, aber erst nach Jahrzehnten Arbeit als Diplomingenieur bei Siemens.

Al Mahmoud hatte 1962 als bester Absolvent seines Jahrgangs ein Stipendium in Deutschland erhalten. Er gehörte zur Spitze. Aber Leute wie er sind eine Ausnahmeerscheinung. „Den Begriff des Facharbeiters gibt es in der ganzen arabischen Welt nicht.“ Nach seinen Erfahrungen kämen viele Analphabeten. „Ich erkläre ihnen die Demokratie, die verstehen sie nicht. Ein 17-Jähriger sagte gestern zu mir, Kinder muss man schlagen, sonst beginnen sie, Alkohol zu trinken.“ Saad Al Mahmoud stellt sich an seinem 50. Regensburg-Jubiläum die Massen vor mit dieser Einstellung. „Mir ist nicht wohl.“ Was soll geschehen? „Wir brauchen Kultur- und Sprachmittler mit Arabischkenntnissen.“ Die sind aber nicht da. Und unser Saad Al Mahmoud lässt sich nicht klonen.

Bagdad – Regensburg und retour

  • Lebenswende:

    1969 musste Al Mahmoud ausreisen: Am 15. Juli trat er mit seinem kleinen Renault R 4, einem Anhänger und seiner Schwester die Reise zurück nach Bagdad an. Sie dauerte 44 Tage. Die irakischen Behörden erkannten ihm sein westdeutsches Ingenieursdiplom ab. Al Mahmoud: „Ich fühlte mich wie ein Taugenichts.“ Seine große Liebe war Tausende Kilometer entfernt. „Da dachte ich schon daran, mich umzubringen.“

  • Kampf:

    Saad Al Mahmoud flüchtete mit einem Pass der deutschen Bundeswehr ohne Umwege nach Regensburg, zu seiner Frau Monika, die er in einer Arztpraxis kennengelernt hatte. „Es lohnt sich, für seinen Partner zu kämpfen, für seine Familie und seine Kinder.“ Als Ingenieur bei Siemens hat er Standorte in Bulgarien und in den USA aufgebaut, bis er mit 55 Jahren und nach drei Bandscheibenvorfällen in Frührente ging.

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