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Kirche

Ein Besuch für die Geschichtsbücher

Im Jahr 2006 kam Benedikt XVI. nach Regensburg. Wir erzählen was war und fragen, was von der Euphorie geblieben ist.
Von Isolde Stöcker-Gietl und Christine Schröpf, MZ

  • Anna Lena Polz aus Abensberg war drei Monate alt, als Papst Benedikt sie segnete. Sie würde ihn gerne einmal wiedersehen. Foto: Gabi Schönberger
  • Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 bei der Papstmesse auf dem Islinger Feld. Die Botschaft damals: „Wer glaubt, ist nie allein.“ Foto: dpa

Regensburg.Die Begegnung mit Papst Benedikt im September 2006 dauert nur ein paar Minuten. Er streicht der drei Monate alten Anna Lena über den Kopf, segnet das Kind. Mutter Elfriede Polz versagt noch immer kurz die Stimme, wenn sie von diesem Moment erzählt. Das Foto ging um die Welt. Im Wohnzimmer der Familie in Abensberg hat es einen Ehrenplatz. „Das war dein Glückstag“, sagt Elfriede Polz bis heute zu ihrer Tochter. Anna Lena ist inzwischen zehn Jahre. Die Geschichte ist in der Familie so präsent, dass das Mädchen glaubt, sich an die wenigen Augenblicke von damals zu erinnern. Gerne würde sie den Papst einmal wiedersehen. „Er versteht, wenn einer traurig ist und tröstet die Menschen“, sagt sie.

Benedikt hat bei seiner Bayern-Visite viele Menschen berührt. Drei Tage lang machte er in Regensburg Station – eine Stadt, zu der er eine besondere Verbindung hat: Hier lebt sein Bruder, der frühere Domkapellmeister Georg Ratzinger. Hier lehrte er von 1969 bis 1977 als Theologie-Professor an der Universität. Hier sind seine Eltern und seine Schwester Maria begraben. Hier schrieb er schließlich 2006 bei seiner wohl letzten Rückkehr in die frühere Heimatstadt auch noch selbst Geschichte: Mit seiner „Regensburger Rede“ zum Islam an der Universität sorgte er international für Aufruhr. Spurensuche, zehn Jahre danach: Was war? Was bleibt? Wirkt der Papstbesuch bis heute nach – oder ist die Euphorie über das Glaubensereignis bei vielen längst verblasst?

Kurze private Momente im „Häusl“

2006 herrschte in Regensburg jedenfalls Ausnahmestand. Erstmals seit fast 1000 Jahren besuchte ein Papst die Domstadt. Als Benedikt am 11. September gegen 20 Uhr in der Dämmerung mit dem Hubschrauber auf dem Gelände der Nibelungenkaserne landete, säumten Tausende Menschen die Straßen. In der Stadt begannen alle Glocken zu läuten –15 Minuten lang. Der Empfang, so schien es, war noch euphorischer als zuvor in München und Altötting. Viele Schaulustige hatten stundenlang in der prallen Sonne ausgeharrt. Generalvikar Michael Fuchs sagte: „Wir hatten es fast nicht mehr ausgehalten ihn zu empfangen und zu hören, was er sagt.“

Der große Gottesdienst auf dem Islinger Feld, eine Ökumenische Vesper im Dom, die Vorlesung an seiner früheren Hochschule und Gespräche im kleinen Kreis waren geplant, aber es war auch Platz für private Momente reserviert: mit Bruder Georg in dessen Wohnung in der Luzengasse, am Familiengrab und im ehemaligen Wohnsitz des Papstes, dem „Häusl“ in Pentling.

Benedikt XVI., damals 79 Jahre alt, hatte bei seinem Heimatbesuch ein stattliches Programm zu absolvieren. In Regensburg hatte man sich viele Monate vorbereitet. Kalkuliert wurde mit bis zu 350 000 Menschen, die zum Gottesdienst auf dem Islinger Feld strömen sollten. Eine enorme Herausforderung was Sicherheit und Logistik betraf. Auf einer Länge von zehn Kilometern wurde die Autobahn A 3 gesperrt, um Platz für Busse zu schaffen. Ein Sonderfahrplan der Bahn wurde aufgelegt. Die Gläubigen wurden aufgefordert zu Fuß oder mit dem Rad zum Feld zu kommen, um einen Verkehrskollaps zu verhindern.

So blieb es – anders als erwartet – außergewöhnlich ruhig in der Stadt, auch weil am Ende weitaus weniger Menschen den Gottesdienst mitfeierten, als zunächst angenommen. Das Bistum sprach später von 250 000 Gläubigen, die Polizei nannte 200 000 Teilnehmer. Genau ließ es sich nicht mehr sagen. Aber auf den Bildern, die das Bayerische Fernsehen live sendete, war deutlich zu erkennen, dass einige der 36 Parzellen für die Pilger leer geblieben waren.

„Möge die Freude zurückfallen“

Viele Menschen hatten dennoch bereits in der Nacht auf dem Gelände ausgeharrt. Ab Mitternacht wurde gebetet und gesungen. In einem Leserbrief schrieb eine Teilnehmerin der Mittelbayerischen Zeitung: „Ich werde nie den Augenblick vergessen, als wir schon von weitem Gesänge hörten, als wir gegen 3 Uhr die Papstwiese betraten. Es war einfach grandios.“

Die Altarinsel, die sich fünf Meter hoch über dem Feld erhob, war mit rund 1000 weißen Lilien geschmückt. Das 16 Meter hohe Papst-Kreuz, das nach der Feier von seinem ursprünglichen Platz weichen musste und nun 35 Meter entfernt auf dem Grund des fürstlichen Hauses steht, erinnert bis heute an den besonderen Tag. Am Altar wurden für den Gottesdienst bedeutende Kunstschätze des Bistums ausgestellt, darunter die Gebeine des Bistumspatrons Wolfgang. Das Altartuch hatten die Mallersdorfer Schwestern angefertigt. 50 Bürger aus dem Bistum erhielten aus der Hand des Papstes die heilige Kommunion. In seiner Predigt bedankte sich Benedikt XVI. für die Mühen und die Arbeit, die diesem Glaubensfest vorangegangen waren. „Möge der Herr Euch all das lohnen und möge die Freude auf jeden einzelnen 100-fach zurückfallen.“

Sehen Sie hier Bilder vom Papstbesuch 2006 in Regensburg:

Im Regensburger Priesterseminar, wo der Papst mit seinem Gefolge drei Nächte verbrachte, erinnert ein Brunnen an das Großereignis. Tagelang war der Bau an der Schottenkirche von Sicherheitskräften abgeriegelt. Herbert Schmalhofer, der Betreiber des „Bischofshof am Dom“ und ehemalige Küchenchef im Haus Thurn und Taxis, sorgte für das leibliche Wohl des Heiligen Vaters. Ein Kochtopf wäre Agnes Heindl, Haushälterin von Domkapellmeister Georg Ratzinger, fast zum Verhängnis geworden. Sie durfte am privaten Tag das Mittagessen für den heiligen Vater und einen kleinen Kreis von Gesprächspartnern zubereiten. In jenem Kochtopf wollte sie den Suppenansatz in die Luzengasse bringen, als sie von Sicherheitskräften gestoppt wurde. Nur mit polizeilichem Geleit ließ man sie in die Küche.

Der Papst hatte vor dem Essen die neue Benedikt-Orgel in der Alten Kapelle eingeweiht. Von dort machte er sich zu Fuß auf den Weg und ermöglichte so vielen Menschen hautnahe Begegnungen. „Unfassbar, einfach unbeschreiblich“, sagte damals Werner Rademacher aus Nittendorf dem MZ-Reporter, als der Papst ihm die Hand geschüttelt hatte.

Zu dieser Zeit harrten schon in Pentling hunderte Menschen am Wohnhaus des Heiligen Vaters aus. Auch sie erhofften sich einen Blick, einen Händedruck, vielleicht sogar ein Foto. Die Feuerwehr der Stadtrandgemeinde hatte noch einen anderen Wunsch: dass der Papst den Anbau ans Feuerwehrhaus segnen würde. Doch es blieb bei einem Gruß aus dem fahrenden Auto. Als der Papst sich verabschiedete, hatten viele Tränen in den Augen. Ihnen war bewusst, dass es wohl seine letzte Reise in die Heimat war.

Sehen Sie hier Eindrücke, die die TVA-Reporter 2006 beim Papstbesuch mit der Kamera festgehalten haben:

Übergroße Hoffnungen

Von der Bayern-Visite des Papstes sollten dauerhafte Glaubensimpulse ausgehen, wie es der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller und heutige Präfekt der römischen Glaubenskongregation formulierte. Sie sollte eine Neuevangelisierung im Bistum anstoßen. Hoffnungen, die sich so nicht erfüllt haben – allerdings ohnehin kaum erfüllbar waren. Auch danach kehrten Gläubige ihrer Kirche den Rücken. „Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass durch so ein Ereignis grundlegende Entwicklungen in der Kirche aufgehoben werden“, sagt der frühere Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Alois Glück.

Die Bedeutung der Bayern-Visite Benedikts schmälere dies nicht. „Es bleibt ein großes geschichtliches Ereignis für die katholische Kirche in Bayern und in Deutschland.“ Das Papstamt sei für die Menschen konkreter und fassbar geworden – ebenso der Mensch Joseph Ratzinger. „Einer der großen, hochintellektuellen Theologen, der gleichzeitig geprägt ist durch die Kindheitserfahrungen der traditionellen Volkskirche.“

Die Bedeutung Benedikts, inklusive der Spuren, die sein Bayernbesuch hinterlassen hat, werden seit 2008 im eigens gegründeten Regensburger Papst-Benedikt-Institut dokumentiert. Gründungsdirektor war der heutige Regensburger Bischof, Rudolf Voderholzer. Für ihn steht außer Frage, dass Joseph Ratzinger viel bewegt hat und eine kritische Debatte über das Verhältnis von Glauben und Vernunft angestoßen hat. Der klarste Beweis ist für ihn die Regensburger Rede zum Islam, in der Ratzinger auf ein Zitat aus dem 14. Jahrhundert Bezug nahm. Er verwies aus einem Dialog zwischen Kaiser Manuel II. Palaeologos und einem gelehrten Perser: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst Du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“

Bischof: „Ein prophetischer Appell“

Benedikt hat diese Woche eingeräumt, die politische Bedeutung seiner Regensburger Rede unterschätzt zu haben. Voderholzer erscheint der Vortrag jedoch gerade aus der Zehn-Jahres-Distanz, „wie ein prophetischer Appell an unsere Zeit“. Dass Räuber, Mörder und Kriegstreiber ihre Verbrechen mit Verweis auf Allahs Willen religiös rechtfertigen wollten, empfinde er als „ungeheuere Gotteslästerung“, sagt der Bischof. Die Worte Benedikts, die Proteste in der islamischen Welt ausgelöst hatten, waren aus Voderholzers Sicht tatsächlich als Einladung zum Dialog zwischen den Kulturen zu verstehen. Die Vernunft verlange, das Verhältnis des Glaubens zu Gewalt und Freiheit zu bestimmen. Die sei der „Zukunftsschlüssel in einer Welt, die zunehmend einer Kleinstadt gleicht, in der Menschen aller Überzeugungen und Prägungen eine faktische und benachbarte Menschheitsfamilie bilden“.

Einer, der bei Benedikt XVI. bis heute ins Schwärmen gerät, ist Peter Kittel, ein Hauptorganisator des Papstbesuches 2006 in Regensburg. „Für mich ist er nach wie vor mein Papst“, sagt er. Kittel hatte zuletzt vergeblich dafür gekämpft, dass Regensburg Benedikt zum zehnten Jahrestag ein Denkmal setzt. Nun plant das Bistum vor der Schottenkirche einen Erinnerungsort.

Es war eine Zeit, in der noch nicht jedes Großereignis automatisch mit der Furcht vor einem Terroranschlag verknüpft wurde. Dennoch, so erinnert sich Polizeidirektor Robert Hausmann, damals Leiter des polizeilichen Planungsstabes für den Papstbesuch in Regensburg, seien im Vorfeld auch solche Szenarien durchdacht worden. „Unsere Überlegungen waren breit angelegt – angefangen bei widrigen Witterungsbedingungen bis hin zu Sicherungsmaßnahmen im Falle einer Massenpanik.“ Außer einem Störer beim Papstgottesdienst gab es in Regensburg aber keine nennenswerten Vorfälle. „Das ist der Verdienst der Kollegen und darauf sind wir auch ein bisschen stolz.“

Aber ob ein Papstbesuch auch in Zeiten des Terrors noch in einer solchen Form möglich wäre? Im Polizeipräsidium Oberpfalz ist man davon überzeugt. „Die Bayerische Polizei ist in der Lage für die Sicherheit einer solchen Großveranstaltung, auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Sicherheitslage, Sorge zu tragen. Die zum Einsatz anlässlich des Papstbesuches getroffenen Sicherheitsmaßnahmen müssten zwar im Lichte der gegenwärtigen Sicherheitslage auf Aktualität geprüft werden. Die grundsätzliche Ausrichtung hätte aber nach wie vor Bestand.

Prominente Oberpfälzer verraten ihre ganz persönlichen Erinnerungen und Begegnungen mit Papst Benedikt XVI. bei dessen Besuch in Regensburg.

Unsere Geschichten vom Papstbesuch 2006 können Sie hier noch einmal nachlesen.

Kommentar

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Stationen in Regensburg

  • Die Messe und die Rede

    Papst Benedikt traf am Montagabend, 11. September 2006, in Regensburg ein und übernachtete im Regensburger Priesterseminar. Am Dienstag feierte er eine Messe auf dem Islinger Feld und besuchte die Universität, wo er mit einer islamkritischen Vorlesung für weltweite Reaktionen sorgte. Am Abend feierte er eine ökumenische Vesper im Regensburger Dom.

  • Ein privater Tag

    Der Mittwoch war der private Tag im Regensburger Programm. Benedikt weihte vormittags die neue Orgel ind er Altenkapelle und besuchte dann seinen Bruder Georg. Die beiden Brüder aßen in der Luzengasse gemeinsam zu Mittag und statteten dann dem Familiengrab und Benedikts Haus in Pentling einen Besuch ab.

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