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Literatur

Ein Buch als Protagonist

Die Aktion „Regensburg liest ein Buch“ ist ein Leuchtturmprojekt – weil es die Freude am Lesen in den Fokus rückt.
von Ulrich Dombrowsky

Ulrich Dombrowsky ist Regensburger Buchhändler.
Ulrich Dombrowsky ist Regensburger Buchhändler.

Ein Buchhändler-Traum geht in Erfüllung. Ganz Regensburg liest ein Buch und redet darüber. In einer Zeit, in der angeblich immer weniger gelesen wird, wirkt so ein Vorhaben wie aus der Zeit gefallen. Aber erstens gibt es nach wie vor sehr viele interessierte Leser, die es verstehen, ihre Begeisterung für das Buch weiterzutragen. Außerdem gibt es eine Renaissance der Leseclubs, literarischen Salons und Lesekreise wo die Auseinandersetzung mit Literatur wieder en vogue ist. Wenn das richtige Buch ausgewählt wird, kann es zu angeregten und erhellenden Diskussionen kommen.

Aber welches ist das „richtige“ Buch? Für die Initiatoren des Projektes „Regensburg liest ein Buch“ war und ist es „Glückskind“ von Steven Uhly. Es ist ein Buch, das auf mehreren Oberflächen funktioniert. Denn es geht erst mal nicht um Glück in diesem Roman. Sondern es geht um das Scheitern. Etwas, das viel häufiger vorkommt, weswegen das Glück natürlich im Fokus von uns allen steht.

Und es geht um die Anonymität eines aus der Gesellschaft Gefallenen. Hans, die Hauptperson in „Glückskind“, hat alles verloren, was er hatte und wohnt mit tausenden anderer Menschen in einem großen Wohnblock, wo keiner den anderen kennt. Erst durch den Fund des Babys, das er eines Tages aus dem großen Müllcontainer fischt und es vor dem sicheren Tod rettet, wird Hans wahrgenommen. Ihm, beziehungsweise dem Baby, wird Hilfe angeboten. Und so entsteht so etwas wie Nestwärme in der riesigen „Wohnmaschine“. Und Hans, der sich längst aufgegeben hatte, kommt ins Leben und in die Gesellschaft zurück. Er sieht in dem kleinen Wesen eine Chance, seinem Leben wieder Sinn, Verantwortung und Struktur zu geben. Diese ganz verschiedenen Aspekte schreien nach „Bearbeitung“, Diskussion und Auseinandersetzung auf verschiedenen Ebenen.

Und das ist den Initiatoren gelungen: In über 45 Beiträgen aus allen Schichten der Gesellschaft, mit filmischen, tänzerischen und kulinarischen Schwerpunkten, mit Vorträgen, Lesungen, Musik und Bühnenevents setzt sich drei Monate lang die Stadtgesellschaft mit diesem Buch auseinander. Und, was die Initiatoren mit am meisten freut: Es ist gelungen, auch viele verschiedene Kreative in Regensburg mit ins Boot geholt. Aus fast allen der zwölf kreativen Branchen gibt es eine Mitarbeit an dem Vorhaben. Und das ist es, was das große Projekt auch für andere – nicht nur große – Städte nachahmenswert macht. Alle mitzunehmen, Gruppen miteinander zu vernetzen, auch in einer Stadt Nestwärme entstehen zu lassen.

Regensburg ist nicht die erste Stadt, die das Projekt „Eine Stadt liest ein Buch“ veranstaltet. Frankfurt, Würzburg, Köln, Aschaffenburg, Augsburg und viele andere haben, mehr oder weniger erfolgreich, das Leseförderprojekt aus der Taufe gehoben und veranstalten es regelmäßig. Davon konnten die Regensburger Initiatoren lernen. Aber in dieser Breite und Vielschichtigkeit hat das Regensburger Projekt wahrlich Leuchtturmcharakter.

Denn in anderen Städten sind es oft Institutionen, die hinter dem Projekt stehen – in Regensburg sind es mehr oder weniger Einzelpersonen. Mit Hilfe begeisterungsfähiger Sponsoren, Kooperationspartner und Künstler gelingt eine ansehnliche Unternehmung, die auch für viele kleinere Orte in der Umgebung Vorbildcharakter haben könnte.

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