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Geschichte

Ein Gedenken mit Pionieren

Von Stadtamhof bis zum Minoritenweg: Am Montag erinnerten mehrere hundert Regensburger an die Opfer des Faschismus.
Von Heike Haala

Wolfgang Zink (Mitte) schlug die Dokumentation der Schüler damals für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten vor und lieferte so den Sieger. Zu den Preisträgern zählten auch die ehemaligen Schüler der Berufsfachschule für Wirtschaft Helmut Niklas und Peter Dobmeier (v. l.). Foto: Haala
Wolfgang Zink (Mitte) schlug die Dokumentation der Schüler damals für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten vor und lieferte so den Sieger. Zu den Preisträgern zählten auch die ehemaligen Schüler der Berufsfachschule für Wirtschaft Helmut Niklas und Peter Dobmeier (v. l.). Foto: Haala

Regensburg.Ob es die neue Erinnerungsplatte am Colosseum in Stadtamhof war, der Startpunkt des Gedenkwegs oder die berührenden Reden von Dr. Hans Simon-Pelanda und seinem ehemaligen Schüler Helmut Niklas – einige Dinge waren neu beim Gedenkweg für die Opfer des Faschismus am Montagabend. Mehrere hundert Menschen beteiligten sich an der Veranstaltung mit sechs Stationen in der gesamten Regensburger Altstadt.

Die neue Platte in Stadtamhof Foto: Haala
Die neue Platte in Stadtamhof Foto: Haala

Seit Anfang des Jahres hängt die neue Tafel am Colosseum in Stadtamhof. „In diesem Haus befand sich vom 19. März bis 23. April 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Während dieses Zeitraums kamen dort mehr als 40 Menschen ums Leben. Daran erinnern ein Gedenkstein und Informationsstelen gegenüber am Brückenkopf“, ist darauf in Deutsch und Englisch zu lesen. Für Simon-Pelanda lieferten seine Schüler aus der Klasse 11 a der Berufsfachschule für Wirtschaft bereits im Jahr 1982 den Anstoß dafür und das heute große Interesse der Regensburger an dem Gedenkweg. Immerhin waren es diese jungen Menschen, die mit ihrer Dokumentation der Erinnerungen von Zeitzeugen die Existenz der ehemaligen Außenstelle des KZs Flossenbürg öffentlich machten, damit den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten abräumten und den Grundstein für die Erinnerungsdebatte in Regensburg legten – gegen viel Widerstand.

Warnungen der Verwandten

Helmut Niklas bei seiner Rede Foto: Haala
Helmut Niklas bei seiner Rede Foto: Haala

Und so war es nicht verwunderlich, dass am Montagabend ein ergriffener Dr. Hans Simon-Pelanda vor den Teilnehmern des Gedenkwegs stand. Die Hinweistafel am Colosseum bezeichnete er auch als Erfolg seiner ehemaligen Schüler. „Eine Eins als Note wäre dafür noch zu wenig“, sagte er. Einer aus dieser ehemaligen 11 a, Helmut Niklas, berichtete anschließend davon, mit welcher Euphorie er damals ans Werk ging und mit welcher Erwartung. „Wir dachten, das sei in 14 Tagen gegessen“, sagte er. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß: Die Schüler durchforsteten ihre eigenen Verwandten- und Freundeskreise nach Zeitzeugen. Die Erinnerungen und die Emotionen, die er damals hatte, seien heute noch sehr präsent, sagte ein anderer ehemaliger Schüler Simon-Pelandas, Peter Dobmeier (ehemals Brendel), im Gespräch mit der Mittelbayerischen. Er erzählte von Warnungen seines Großvaters: Er solle bloß nichts machen, was dem Namen der Familie schaden könnte. Dobmeiers Aufgabe war es damals, die Recherechen seiner Mitschüler zu ordnen und ein Layout für die Dokumentation zu erstellen. Heute wünscht er sich, dass sich mehr jüngere Menschen diesem Abschnitt der Geschichte widmen. „Nicht, dass das im Sand verläuft“, sagt er.

In unserer Bildergalerie sehen Sie, warum ausgerechnet diese sechs Stationen für den Gedenkweg ausgewählt wurden.

Die Stationen des Gedenkwegs

Die Regensburger geben den Pionieren von damals recht: Über ihre Motivation, an dem Gedenkweg teilzunehmen, sagte etwa Teilnehmerin Christina Berberich: Gerade heute, wo rechtsradikales Gedankengut wieder drohe, salonfähig zu werden, sei es wichtig, sich an solchen Veranstaltungen zu beteiligen. Eine weitere Teilnehmerin, Lea Neumann-Arnold, will nicht, dass diese Verbrechen vergessen werden.

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Offenheit gegenüber Fremden

Der Gedenkweg startete in Stadtamhof. Foto: Haala
Der Gedenkweg startete in Stadtamhof. Foto: Haala

Nach dem Startpunkt vor dem Colosseum gab es noch fünf weitere Stationen des Gedenkens in der Altstadt: Vor dem Dom sprachen Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche, am Neupfarrplatz Jürgen Scholz, stellvertretender Vorsitzender der IG Metall, und vor der gerade entstehenden neuen jüdischen Synagoge Rabbiner Josef Chaim Bloch, der den Fokus seiner Rede auf die Offenheit gegenüber Fremden legte. Die letzten beiden Stationen waren der Minoritenweg und der Dachauplatz. An mehreren Stellen mussten sich die Teilnehmer des Gedenkwegs ungelenk durch Baustellenabsperrungen schlängeln, wodurch Lücken in der Menschengruppe entstanden. Das geschah etwa gleich nach dem Start beim Materiallager für den Granit auf der Steinernen Brücke in Stadtamhof oder in der Königsstraße, wo gerade die Fußgängerzone saniert wird.

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Viele Menschen kamen zum Gedenkweg. Foto: Haala
Viele Menschen kamen zum Gedenkweg. Foto: Haala

Nicht nur die Teilnehmer selbst, sondern auch viele andere Regensburger nahmen Notiz von dem Gedenkweg. Manche beobachteten ihn vom Fenster aus, andere vom Café oder Restaurant. Teilweise mussten die Autofahrer warten, bis die Teilnehmer an ihnen vorübergezogen waren. Etwa in der D.-Martin-Luther-Straße oder Am Brixener Hof.

Der Gedenkweg an die Opfer des Faschismus war auch eine Veranstaltung der Infoflyer. Ob es der Hinweis auf einen Vortrag über die Raubzüge an jüdischem Eigentum war, der auf eine Friedensfahrradtour, der auf die Demonstration gegen das geplante bayerische Polizeiaufgabengesetz oder der auf eine Lesung zu Texten zur Bücherverbrennung – wer wollte, konnte einen ganzen Stapel dieser Blätter mit nach Hause nehmen. Viele Mitglieder der teilnehmenden Verbände verteilten ihre Flyer eifrig.

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