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Menschen

Ein Hauch von St. Tropez am Donaustrand

Schwerter zu Pflugscharen: Die kriegerischen Kübelwagen kamen im Sommer 1962 als Spaß-Cabriolets wieder und waren die Sensation auf der Donau.
Von Helmut Wanner, MZ

Regensburg.Nach der Probefahrt kam die Polizei. Fritz Prell erinnert sich an seine erste Fahrt mit seinem roten Amphicar, als wär es gestern gewesen. „Ich hatte die ehemalige Furt bei der Lackiererei Roßmann in Winzer als Einfahrtsrampe in die Donau benutzt. Am gegenüberliegenden Ufer an der Schillerwiese erwartete mich schon die Feuerwehr mit mehreren Einsatz-Fahrzeugen und wollte mich unbedingt retten. Und vom Wasser her kam die Wasserschutzpolizei angerückt.“

Spaziergänger hatten die Einsatzkräfte alarmiert. „Da ist grad a Auto in d’Doana gfahrn“, hatte ein besorgter Bürger vom Fernsprecher aus der Gaststätte Schillerwiese mitgeteilt. Das Telefon war fest installiert aus schwarzem Bakalit mit Wählscheibe, in jenem Sommer 1962, als die Welt am Rand eines Atomkriegs stand, als Papst Johannes XXIII. in der Kubakrise Fidel Castro exkommunizierte und die Beatles ihre erste Single aufnahmen: „Love me do“.

Fluchtfahrzeug im Kalten Krieg

Viele Regensburger hatten damals weder Plattenspieler noch Auto. Sie strampelten in diesem Sommer gemütlich mit Rädern Marke „Vaterland“ ohne Gangschaltung entlang der glücklich glucksenden Donau, die noch nicht zum Kanal aufgestaut war. Ihr Ziel waren die Biergärten. Die Fresswelle nach dem Krieg schlug noch Wellen.

17 Jahre nach Kriegsende gab es in Regensburg aber auch schon wieder eine Mittel- und Oberschicht, ein Hauch von Schickeria war zu spüren. Es gab Menschen, die bereit und fähig waren, für ein Spaß-Cabrio doppelt so viel auszugeben, als ein VW-Käfer kostete, nämlich 10 500 D-Mark. Citroen-Händler Fritz Prell war in Bayern der erste Händler des Amphicars. Der heute 76-jährige öffentlich vereidigte Kfz-Sachverständige erinnert sich an einen Arzt aus Aicha vorm Wald, der ein panisches Kaufmotiv hatte. Fritz Prell: „Er legte sich das Auto zu, um sich bei Vilshofen über die Donau retten zu können, wenn der Russe kommt.“ Das Fahrzeug versprach eine sichere Flucht. Die Wasserlinie des Amphibienfahrzeugs lag unter der Rammschutzleiste. Man musste vor dem Wassern allerdings wissen, wo eine Fährenfurt war.

Lustiges Cabriofischer-Stechen

Der Alarm endete glücklich für Fritz Prell. Der damals frisch verheiratete, gerade 25 Jahre alt gewordene Teilhaber in der väterlichen Firma und Amphicar-Vertreter aus der Frankenstraße hatte seinen ersten Werbe-Coup gelandet. Der Chef der WAPO, Polizeirat Kurt Schneider, ließ sich an der Schillerwiese den Schwimmwagen vorführen und war so begeistert, dass ihn der studierte Maschinenbau-Ingenieur zur nächsten Polizeichef-Fachtagung zum Chiemsee fahren musste, um seinen Kollegen den Amphicar als Einsatzwagen vorzuschlagen. Prell: „Hamburg und Mittel-Rhein haben dann tatsächlich solche Dienstfahrzeuge angeschafft.“ Fünf Amphis gingen in die Hansestadt.

Fritz Prell I. hatte den Betrieb 1919 gegründet. Fritz Prell II. war 1937 Sieger im Reichsberufswettkampf für Spengler. Fritz Prell III. war von kleinauf Technikfreak. Als Kind war er bei Seifenkistenrennen auf dem Ziegetsberg gestartet, machte 1953, mit 16 Jahren, den Führerschein und holte 1959, 22-jährig, mit der „Göttin“, der legendären Citroen-DS 19, mit Horst Bergschneider den Klassensieg bei der Tourenwagenmeisterschaft.

Die Show-Kapelle Charly Brown spielte

Fritz Prell ließ sich auch für sein wassertaugliches Spaßmobil etwas einfallen. Er lud Amphicar-Kapitäne zu Sternfahrten auf der Donau. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland. An einem Sommertag entstand so zwischen Weltenburg und Regensburg eine Illusion von St. Tropez. Schönheiten tanzten in ihren Bikinis auf der Kühlerhaube. So was kannte man nur aus der Wochenschau. Die Zweiteiler waren damals noch nicht lang auf dem Markt. Die Schönen bewegten sich zu den Klängen der Regensburger Show-Kapelle Charly Brown. Sie fuhr in kleiner Besetzung in einem wassergängigen Cabrio mit. Das Bayerische Fernsehen berichtete über die Aktion. Fritz Prell hat seinen Banknachbarn aus der Oberrealschule, den BR-Kameramann Fritz Stegerer, später nie wieder so gelöst und fröhlich erlebt, wie bei diesen Aufnahmen im Donaudurchbruch.

Der Chef von Elfi im Begleitflugzeug

Großartiges Wetter hatte Fritz Prell auch beim Cabriofischer-Stechen in Deggendorf. 20 Amphicar-Fahrer brachen dazu auf. Bei der Schwabelweiser Fähre ging die Truppe aufs Wasser, in Pfatter fuhr sie an Land und weiter auf der Landstraße bis zum Wallfahrtsort Bogenberg, wo die letzte Wasseretappe begann. Ein Flugzeug drehte eine spektakuläre Schleife über der Donau. Am Steuer saß der Chef der Elfi-Strumpffabrik, Christian Fischer. Ein Vereinskamerad vom 1. Motorboot und Wasserskiclub schoss Bilder.

20 Amphicars verkauft

So um die 20 Stück habe er abgesetzt, erinnert sich der Regensburger Auto-Pionier. Der ganz große Renner war der zivile Nachfolger des militärischen Kübelwagens nicht. Er wurde nur drei Jahre lang (1960 bis 1963) bei der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik (DWM) (früher: Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG) produziert. Insgesamt sind 3878 Fahrzeuge gefertigt worden, 3046 wurden in die USA exportiert.

Nicht ohne Motorbootführerschein

Der eingebaute Triumph-Herald Motor (1147 ccm Hubraum, 38 PS) brachte auf der Straße 120 km/h. Im Wasser schaltete der Fahrer das Straßengetriebe auf Leerlauf und aktivierte mit einem zweiten Schalthebel die zwei stationären Propeller. Wer „in See“ stach, musste den Motorbootführerschein in der Tasche haben und eine Stange mit Toplicht setzen. Vor allem brauchte er Geduld. Nach jeder Wasserfahrt waren 13 Schmiernippel mit Fett zu versorgen. Dazu musste das Fahrzeug aufgebockt und die Rücksitzbank ausgebaut werden.

Gold-Rosi heiratete im Citroen-XM

Aber die Amphicars zeigten Prell, dass man mit Sensationen Autos verkaufen kann. Über seine Töchter und vor allem sein Goldmädel, Stanzi Prell, Kombi-Weltmeisterin in Ski und Tennis, hatte Prell Kontakt in den Bayerischen und Deutschen Skiverband. Er war im Orga-Ausschuss für Weltcuprennen. So kam es, dass Christian Neureuther 1980 seine Gold-Rosi in einem weißen Citroen XM heiratete. Prell hatte das organisiert. „Es wurde sogar ein erweitertes Schiebedach ausgeschnitten, sodass sich das Paar dem Volk zeigen konnte.“

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