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Ein Hotelpalast voller Geschichten

Das Karmeliten war einst „das modernste und schönste am Platze“. Hier logierten Marlene Dietrich und der Affe Jumbo.
Von Marianne Sperb, MZ

Wolfgang Herzog von der Immobilien Zentrum GmbH, einem der neuen Eigentümer des Karmeliten-Karrees, vor einer „Lindeschen Eismaschine“ von 1898 im Keller des Hotelpalasts. In ein paar Monaten rücken die Bagger an; das Karmeliten wird abgerissen und neu aufgebaut. Fotos: altrofoto.de

Regensburg. Das Karmelitenhotel gehört zum Stadtbild wie der Bahnhof oder das Theater. Wenn alles nach Plan läuft, rücken hier im Frühjahr aber die Bagger an. Mit dem Abriss des Hotelpalasts am Dachauplatz endet auch eine rund 150-jährige Familiengeschichte. Elisabeth Jung führte das Traditionshaus bis 2007, als letzte aus dem Bergmüller-Clan. Für die MZ blätterte sie in den Erinnerungen an ein Haus voller stolzer, kurioser und auch berührender Geschichten.

Ludwig Bergmüller (1871-1930), der legendäre Großvater von Elisabeth Jung, richtete 1905 eine Hausfeuerwehr ein. „Damals“, sagt seine Enkelin, „war die Brandgefahr allgegenwärtig. Überall wurde ja mit Kanonenöfen geheizt.“ Der reisefreudige Unternehmer hatte unter anderem in Paris und New York nach dem besten technischen Gerät gesucht. Bei „Merryweather and Sons“ in London kaufte er schließlich eine hochmoderne Dampfspritze, wie sie damals in Bayern keinesgleichen hatte. Die Brauburschen, die sonst im Haus das Bier herstellten, bekamen Uniformen und eine Dienstanweisung, die penibel listete, wer Nachtwache und im Brandfall welche Aufgabe hatte. Beim Ruf „Feurio!“ rückte die Bergmüller-Wehr aus – und löschte so schnell und erfolgreich, dass es der Stadt-Feuerwehr 1909 zu bunt wurde. Regensburg legte der privaten Konkurrenz das Handwerk.

Das Karmeliten war Vorreiter. Das Haus mit 150 Betten, zu dem Brauerei, Jagd, Fischerei, Landwirtschaft und rund 100 Köpfe Personal gehörten, verfügte 1911 nicht nur längst über eine Dampfheizung, die bis heute unter leisem Klackern den ganzen Komplex warm hält, sondern auch über Lift, Kino, Zimmertelefon, elektrisches Licht, Spülmaschinen und Dampfwäscherei. Im Keller zeugt noch das imposante Schwungrad der „Lindeschen Eismaschine“ von 1898, das die Eisblöcke für die Bierkühlung lieferte, vom modernen Denken der Bergmüllers. Die großzügigen Etagenbäder mit fließend warmem Wasser nutzten früher nicht nur Hotelgäste, sondern auch die Nachbarschaft: „Sanitäre Anlagen im Haus waren ja noch eine Seltenheit. Die Leute gingen, bis in die 1960er Jahre, zum Baden in öffentliche Einrichtungen, zum Beispiel ins Karmeliten“, erzählt Elisabeth Jung. In ein paar Zimmern wie Nummer 218 und 319 stehen noch immer original Jugendstil-Waschtische.

Später übernahm die Tochter den Betrieb. Zu Kriegsende musste das Paar sein Hotel vorübergehend verlassen. Die Amerikaner zogen im Karmeliten ein und brachten, im Frühjahr 1945, einen Weltstar mit. Marlene Dietrich, die zur Hebung der Truppenmoral durch Deutschland tourte und auch vor GIs in Regensburg auftrat, logierte für ein paar Nächte im Hotel.

Der ungewöhnlichste Gast im Karmeliten war Jumbo, der Affe. Ludwig Bergmüller hatte den Orang-Utan 1900 von der Krokodiljagd aus Sumatra mitgebracht. Jumbo wurde mit der Flasche aufgezogen, bewohnte im ersten Stock eine Zimmerflucht und war eine echte Attraktion. Als er in die Flegeljahre kam, gaben die Bergmüllers ihren Affen an den Berliner Zoo. Dort wurde er als „Bimbo, der Kinderfreund“ zum Publikumsliebling. 1945 starb er bei einem Luftangriff auf Berlin.

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