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Medizin

Ein komplettes Krankenhaus wird verlegt

Nach 135 Jahren ist Schluss im „Evangelischen“. Die einzige Klinik in der Stadtmitte geht bei den Barmherzigen Brüdern auf.
Von Norbert Lösch, MZ

  • Umzug: Ende 2016 sind im Evangelischen Krankenhaus die Möbelpacker gefragt. Fotos: Lösch (4), Klinik
  • Kurz vor Weihnachten als letzte Patientin verabschiedet: Judith Wieninger (3. von rechts) mit (von links) Dr. Heike Hofmann, Dr. Franz Xaver Biehler, Prokuristin Dr. Antje Schoppa, Geschäftsführer Christian Kuhl und Prior Seraphim Schorer

Regensburg.„Gibt’s Euch noch?“: Diese Frage hat das Personal des Evangelischen Krankenhauses in den vergangenen drei Jahren wohl mit am häufigsten gehört. Denn schon seit 2013 stand fest, dass Ende 2016 dort die Lichter ausgehen werden. Jetzt ist es tatsächlich so weit: Am Dienstag hat der Umzug ins neue Paul-Gerhardt-Haus bei den Barmherzigen Brüdern begonnen. Ein logistischer Kraftakt, denn schließlich soll dort schon am kommenden Montag der medizinische Betrieb starten.

Jeder packt mit an – auch Marion Buchwald von der Notfall-Ambulanz, Organisationsleiterin Dr. Antje Schoppa und Hausmeister Paul Eppert (von links)
Jeder packt mit an – auch Marion Buchwald von der Notfall-Ambulanz, Organisationsleiterin Dr. Antje Schoppa und Hausmeister Paul Eppert (von links)

Dass die Klinik am Emmeramsplatz mit zuletzt 80 Betten demnächst Geschichte sein wird, müssen viele der oft langjährigen Mitarbeiter erst noch realisieren. „Wir würden lieber weinen, als uns darüber freuen“, sagt zum Beispiel OP-Schwester Christine. „Der Wechsel nach 41 Jahren fällt mir schon schwer“, gesteht sie. Sie und ihre Kollegin Pavla gehen mit an die Prüfeninger Straße, während Birgit, die Dritte im Bunde, an die Hedwigsklinik wechselt.

Kein Wechsel eins zu eins

„Keiner der 280 Mitarbeiter wird auf der Straße sitzen, alle haben einen neuen Arbeitsplatz“, sagt Dr. Antje Schoppa. Die Prokuristin leitet schon seit Ende 2013 den Bereich Medizinische Organisation bei den „Evangelischen“. Von Anfang an war sie außer mit dem Finanz- und Rechnungswesen, dem Controlling oder dem Thema Patientensicherheit auch mit dem bevorstehenden Umzug befasst. Und der bedeutet nicht, dass man sozusagen eins zu eins ein neues Haus bezieht. „Das Paul-Gerhardt-Haus ist ja ein Zentrum für Altersmedizin, die medizinischen Leistungen dort sind also nicht deckungsgleich mit dem, was hier angeboten wurde“, stellt die Organisationsleiterin fest.

Was bleibt, sind Erinnerungen: die OP-Schwestern Pavla, Christine und Birgit (von links)
Was bleibt, sind Erinnerungen: die OP-Schwestern Pavla, Christine und Birgit (von links)

Deswegen ziehen auch nicht alle Mitarbeiter mit um. Das Fachpersonal der Gynäkologie zum Beispiel wechselt weitgehend an die Hedwigsklinik, andere haben sich entschlossen, in privaten Praxen oder bei den bisherigen Belegärzten weiterzuarbeiten. „Der schleichende Wechsel hat natürlich schon vor dem Umzug begonnen“, weiß Dr. Schoppa. Sie ist schon seit 2006 nicht mehr als Ärztin tätig und hat ähnliche Logistik-Aufgaben schon in Wörth, in Kelheim oder am Josefskrankenhaus gestemmt.

Da geht es zum Beispiel auch um die Frage, in welchem Umfang medizinisches Gerät und die allgemeine Ausstattung an neuer Wirkungsstätte sinnvoll wiederverwendet werden können. Vieles, was durchaus noch brauchbar ist, aber hiesigen Standards nicht mehr genügt, wird nicht einfach weggeworfen, sondern gespendet. „Das reicht von veralteter Medizintechnik in den OP-Sälen oder der Röntgenanlage bis zu Restbeständen an OP-Handschuhen oder Verbandsmaterial“, sagt Dr. Schoppa. Kliniken in Ungarn oder der Ukraine hätten durchaus Verwendung dafür und freuten sich schon auf die Spenden aus Regensburg.

Leere Krankenzimmer: Die Betten werden an anderer Stelle genutzt.
Leere Krankenzimmer: Die Betten werden an anderer Stelle genutzt.

Bis zuletzt keine Endzeitstimmung

Endzeitstimmung habe man aber bewusst nicht aufkommen lassen wollen, schildert die Organisationsleiterin die Atmosphäre in der „totgeweihten“ Klinik. „Erst vor drei Jahren wurde hier noch mal kräftig investiert, zum Beispiel in neue Betten oder die Endoskopie. Das nehmen wir natürlich alles mit.“ Auch die Patienten hätten nicht das Gefühl gehabt, in einem „Auslaufmodell“ behandelt zu werden. „Die haben sich bis zuletzt wohlgefühlt. Schauen Sie sich nur mal die Klinikbewertungen im Internet an.“

Lesen Sie außerdem: Ein drittes Rathaus im „Evangelischen“? Der OB bringt einen weiteren Sitz am Emmeramsplatz ins Spiel.

Die letzte Patientin im Evangelischen Krankenhaus ist nicht zwischen Umzugskartons entlassen worden. Judith Wieninger verließ die Klinik kurz vor Weihnachten und wurde im Beisein von Ärzten und Klinikleitung verabschiedet. „Wir haben nur noch Patienten aufgenommen, deren Genesung bis zum 23. Dezember absehbar war“, schildert Dr. Schoppa den „Endspurt“ am Emmeramsplatz. Dort sei der Betrieb praktisch bis zum letzten Tag gelaufen. „Drei Tage vor Heiligabend hatten wir hier noch 15 kleinere Operationen. Kein einziger Patient musste in eine andere Klinik verlegt werden, alle konnten nach Hause entlassen werden.“

Das Evangelische Krankenhaus

  • Seit 135 Jahren am Emmeramsplatz

    Das Evangelische Krankenhaus am Emmeramsplatz war seit 1882 eine Institution der medizinischen Versorgung in der südlichen Regensburger Altstadt. Seine Geschichte reicht aber noch länger zurück. Am 25. Juli 1807 hatte es seine Pforten geöffnet, die nun nach 210 Jahren in der bisher bekannten Form wieder geschlossen werden. Was einst als ein Anbau an das Domkapitelsche Krankenhaus begonnen hatte (1806/07), setzte sich in eigenständiger Entwicklung vor 180 Jahren (1837) am Ägidienplatz und vor 135 Jahren (1882) am Emmeramsplatz fort.

  • Zukunft des Hauses noch unklar

    Die Existenz der durchaus beliebten Klinik stand schon mehrfach infrage, vor allem wegen der hohen Defizite. 2013 beschloss die Evangelische Wohltätigkeitsstiftung, das Haus aufzugeben. Was daraus wird, ist noch unklar. Zunächst soll es übergangsweise von der Diözese während der Sanierung des Obermünsterzentrums genutzt werden.Im neuen Paul-Gerhardt-Haus, einem Gemeinschaftsprojekt der Barmherzigen Brüder und der Evangelischen Wohltätigkeitsstiftung, wird die Geschichte des Krankenhauses nun an der Prüfeninger Straße fortgeführt.

Schon vor dem Umzug, der am Freitag weitgehend abgeschlossen sein soll, habe man allerdings schon Abteilungen wie das Labor, die Sterilisationseinheit oder das Lager sukzessive geschlossen. Dann half eben das künftige Mutterhaus aus, unter dessen Dach das „Evangelische“ weiter existieren wird. Am alten Standort war es nicht mehr zukunftsfähig. Zuletzt waren auch die Patientenzahlen stark zurückgegangen: Wurden 2011 noch rund 4700 Patienten aufgenommen, so waren es 2015 gerade noch 3000.

Einer wird übrigens noch bleiben: Hausmeister Paul Eppert. Er hat nur noch ein Jahr bis zur Rente und bietet bis dahin seine Dienste der Diözese an, die das Haus nutzen wird. „Dieses eine Jahr ist gleich rum“, lässt sich Eppert nicht aus der Ruhe bringen.

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Im November wurde eine neue Folge Kommissarin Lucas gedreht. Kulisse war auch das Evangelische Krankenhaus.

Bilder vom Dreh sehen Sie hier:

"Kommissarin Lucas": Ein Besuch am Set

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