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Projekt

Ein Mülltonnen-Baby bringt das Glück

In Bars und Kinos, in den Schulen und in der Zeitung: Das Buch „Glückskind“ wird in Regensburg zum kulturellen Großereignis.

Hans Scholz (Herbert Knaup) hat ein Baby in einer Mülltonne gefunden und es in einem spontanen Impuls mit sich genommen. Die Verfilmung von „Glückskind“ soll bei der Aktion „Regensburg liest ein Buch“ gezeigt werden.
Hans Scholz (Herbert Knaup) hat ein Baby in einer Mülltonne gefunden und es in einem spontanen Impuls mit sich genommen. Die Verfilmung von „Glückskind“ soll bei der Aktion „Regensburg liest ein Buch“ gezeigt werden. Foto: SWR/Stephanie Schweigert

Regensburg.Das Schicksal von Hans D. soll in Regensburg Tagesgespräch werden. Der Rentner ist Hartz-IV-Empfänger – ein „Untoter“, der in einer verwahrlosten Wohnung lebt. Mülltüten sammeln sich, sein Bart wuchert, er stinkt. Hans D. ist das „Gegenteil von Robinson Crusoe“: Er ist „gestrandet in der Zivilisation“. Als der „behauste Obdachlose“ sich dazu durchringt, den Müll doch wegzubringen, findet er in der Abfalltonne einen Säugling. Ohne zu überlegen, beginnt er das kleine Mädchen zu versorgen. Er erwacht auf einmal aus seiner Lethargie, putzt die Wohnung, wäscht die Wäsche, rasiert sich – und fühlt sich wieder immer mehr als echter Mensch und echter Großvater.

Der Startschuss fällt am 28. April

Mit dieser Geschichte startet eine kleine Gruppe aus Buchhändlern, Autoren und Literaturliebhabern ab April eine für Regensburg bisher einmalige Kampagne. „Regensburg liest ein Buch“ heißt die Aktion, deren Ziel es ist, das Interesse an Literatur und Büchern zu fördern. Aber nicht nur: „Letztendlich geht es darum, ins Gespräch über Themen zu kommen, die uns alle betreffen“, sagt Mitinitiatorin Carola Kupfer. Gemeinsam mit Susanne Borst, Christine Lehner, Ulrich Dombrowsky, Elisabeth Mair-Gummermann, Karin Martin und Johanna Röhrl will sie das Buch „Glückskind“ von Steven Uhly für alle Regensburger erlebbar machen. Dazu wird es von April bis August zahlreiche Veranstaltungen rund um die Geschichte von Hans D. in der Stadt geben.

Regensburg liest ein Buch

Der Startschuss für die Aktion fällt am 28. April im Verlagsgebäude der Mittelbayerischen Zeitung. Unter anderem werden dann der Autor und der Verleger von „Glückskind“ das Projekt vorstellen. An den folgenden Tagen druckt die MZ in fünf Ausgaben die ersten Seiten von „Glückskind“ ab. Den Rest der Geschichte gibt es am 3. Mai bei einer Mammut-Lesung in der Stadtbücherei am Haidplatz zu hören. Dann geht es genau an der Stelle weiter, an der der Text in der MZ geendet hat. Bis in den späten Abend lesen Promis und Schriftsteller im 20-Minuten-Rhythmus Uhlys Buch bis zum letzten Wort vor. „Leute, die sich das Taschenbuch nicht kaufen wollen, haben also theoretisch die Möglichkeit, es auch anderweitig zu hören“, sagt Kupfer.

Ein weiteres Highlight der Aktion wird ein Vortrag des Philosophen Wilhelm Schmid zum Thema „Glück“ am 2. Mai im Auditorium des Thon-Dittmer-Palais sein. Natürlich wird es aber auch zahlreiche Lesungen mit Steven Uhly geben – in Schulen und Buchhandlungen, aber auch an außergewöhnlichen Orten wie zum Beispiel im Sozialamt, zwischen Mülltonnen oder in einem Kiosk, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Ein Schreibwettbewerb im DEZ, eine Vorführung der Verfilmung von Glückskind mit Herbert Knaup, ein Poetry-Slam mit Thomas Spitzer: „Wir haben unglaublich viele Rückmeldungen und Ideen – diese gilt es nun zu bündeln und zu organisieren“, sagt Kupfer. Am 25. Februar findet dazu ein Briefing für mögliche Kooperationspartner, Sponsoren, Veranstaltungsplaner und Interessierte in der Stadtbücherei am Haidplatz statt.

„Regensburg liest ein Buch“ sorgt also schon vor dem eigentlichen Startschuss für viel Aufsehen und die Initiatoren gehen auch schon jetzt von einer Fortsetzung aus. Trotzdem ist die Aktion natürlich auch ein Experiment. „Wir bieten eine Plattform, den Rahmen für das Projekt, dann lassen wird den Beteiligten freien Raum und sind auf die Eigendynamik gespannt“, sagt Kupfer.

Ein Buch wird Gesprächsthema

  • Der Plan:

    Nach der Kick-off-Veranstaltung Ende April soll das Buch Glückskind nicht nur an den verschiedensten Orten, wie Mülldeponien und Polizeistationen, gelesen werden. Geplant sind auch Filmvorführungen oder Tanzveranstaltungen. Wer eine Idee hat, kann sie jederzeit miteinbringen.

  • Das Buch:

    Der Roman Glückskind von Steven Uhly hat 280 Seiten und kostet 9,99 Euro im Buchhandel.

  • Die Geschichte:

    Hans D. findet im Müll ein Kind. Es beginnt ein Entscheidungsprozess: Das Kind behalten oder es verbergen? Am Ende sind die Dinge neu geordnet. Das Kind überlebt und Hans D. erkennt die Liebe als Schlüssel für ein gutes Leben.

  • Die Initiatoren:

    Die Idee zu „ Regensburg liest ein Buch“ hatten Mitglieder der Buchbranche im kreativForum. Sie suchen für die Aktion noch Sponsoren.

Eine Vorgehensweise, die wohl ganz im Sinne des Buch-Autors liegt. Denn Steven Uhly spielt nicht nach Noten. Wie ein Musiker beim Improvisieren, lasse er beim Schreiben dem Unbewussten freien Lauf, erzählte er während einer Lesung bei Dombrowsky vor drei Jahren. Seine Bücher werden so zu „internen Forschungsprojekten“. Er plant sie nicht, recherchiert nur Schritt für Schritt und schreibt „in eine Richtung, die sich stimmig anhört“. Zwar kennt er seine Hauptfiguren, wie diese sich beim Schreiben entwickeln, bleibe jedoch für ihn selbst eine Überraschung.

Ernstes Thema, bekömmlich serviert

Mit dieser intuitiven Vorgehensweise gelingt Uhly bei „Glückskind“ ein Spagat: Auf den ersten Blick schwere Kost, ist das Buch doch von herzerwärmenden Momenten durchsetzt. Wenn Hans D. versucht, spontan Ausreden für seinen plötzlichen Familienzuwachs zu erfinden, lockert eine Portion Situationskomik die Geschichte auf. „Glückskind“ macht nachdenklich, aber nicht traurig, beschreibt ein ernstes Thema leicht bekömmlich. Ein Kind wird gefunden, seine Hilflosigkeit taut ein verhärtetes Herz auf: Uhly schafft keine systemische Antwort auf die dramatische Ausgangslage oder die sozialkritischen Themen unserer Zeit, sondern er zeigt mit seinem „Glückskind“ schlichtes, zutiefst mitmenschliches Verhalten auf.

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