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Dienstag, 21. August 2018 29° 3

Mobilität

Ein Stadtbahn-Beitrag aus China

Ein Zwitter aus E-Bus und Tram sorgt für Aufsehen. Ist das eine Option für Regensburg? Die Bewertungen fallen skeptisch aus.
Von Norbert Lösch, MZ

  • Die ART-Bahn des chinesischen Herstellers CRRC sorgt schon im Probebetrieb für weltweites Aufsehen. Foto: CRRC
  • Interessiert, aber auch skeptisch: Bürgermeister Jürgen Huber Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Sie sieht aus wie eine Tram, fährt aber wie ein Bus auf Rädern, wird elektrisch betrieben und ist auf autonomes Fahren ausgelegt: Mit der nach eigenen Angaben weltweit ersten „schienenlosen Straßenbahn“ sorgt der chinesische Hersteller CRRC für mediales Aufsehen und Interesse in Städten, die auf der Suche nach einem ÖPNV-System der Zukunft sind – so wie Regensburg.

Der ART genannte Bus-Tram-Zwitter weist tatsächlich einige Besonderheiten auf. Mithilfe von Sensoren auf der Fahrbahn hält er Kurs auf einer festgelegten Route – und zwar auch ohne Fahrer. In der Grundkonfiguration besteht jeder der Züge aus drei Wagen, in denen rund 300 Passagiere Platz finden. Der batteriebetriebene ART fährt auf gummibereiften Kunststoff-Rädern und soll bis zu 70 Stundenkilometer schnell sein. Die Reichweite wird mit 40 Kilometern bei voller Ladung angegeben, die Ladezeit mit rund zehn Minuten.

Derzeit noch im Probebetrieb

Schon seit vier Jahren auf einer Teststrecke unterwegs und weiterentwickelt, soll der ART nächstes Jahr in der chinesischen Stadt Zhuzhou auf einer sechseinhalb Kilometer langen Linie auf Jungfernfahrt gehen. Der Hersteller wirbt damit, mit seiner Entwicklung auch kleineren Kommunen leistungsstarke Massenverkehrsmittel zum günstigen Preis anbieten zu können. Die „Tram auf leisen Sohlen“ – so hat das Fachmagazin „Internationales Verkehrswesen“ den ART bezeichnet – soll nicht mehr als ein herkömmliches Bus-System kosten.

Hier sehen Sie eine Video-Animation über die chinesische Bus-Tram:

„Ein Denkanstoß ist das allemal“, sagt Bürgermeister Jürgen Huber, erklärter Stadtbahn-Befürworter. Der Grünen-Politiker beobachtet neue Entwicklungen „ganz genau“, wobei die „Gummireifen-Straßenbahn“ aus China letztlich nur eine Weiterentwicklung der bekannten Bus-Rapid-Transit-Systeme sei. Diese hätten durchaus Vorteile wie eine zügige Machbarkeit wegen des nicht nötigen Gleisbaus, aber auch Nachteile hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit.

Für Regensburg lauten für Huber die Prämissen: „Ein emissionsfreier Antrieb und ein maximaler Umsteige-Anreiz.“ Gerade in Sachen Akzeptanz sei die Quote bei schienengebundenen Bahnen erwiesenermaßen höher: „Die genießen einfach hohes Vertrauen.“ Dagegen sei die Vision des autonomen Fahrens für ihn „nicht das große Thema. Das ist eher eines für die Industrie, die dafür neue Produkte entwickelt. Unser Hauptthema wird immer die Finanzierbarkeit sein, die Frage, wie viel Unterstützung aus dem komplexen Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz zu erwarten ist.“

Für Walter Weber wirft der Bus-Tram-Zwitter eher Fragen auf, als dass er eine passende Antwort zur Zukunft des ÖPNV in Regensburg sein könnte. „Es ist ein interessantes Experiment; allerdings ein System noch in den Kinderschuhen. Es stellt sich die Frage nach Leistungsfähigkeit und Lebensdauer der Batterien, der Tauglichkeit auf Bergstrecken sowie den fahrplanrelevanten Nachladezeiten auf der Strecke“, sagt der Sprecher des „Bündnisses für einen hochwertigen ÖPNV im Raum Regensburg“.

„Eines kann man aber heute schon sagen: Bus bleibt Bus – mit all seinen Schwächen. Hohen Ansprüchen an Akzeptanz, Komfort und Lebensdauer kann ein solches System nicht gerecht werden.“ Weber bleibt dabei: Das Ziel, möglichst viele Autofahrer zum Umsteigen auf den ÖPNV zu bewegen, um Straßen und Umwelt gleichermaßen zu entlasten, kann nur mit einer Stadtbahn auf Schienen erreicht werden.

RVB reagieren „abwartend“

Die Regensburger Verkehrsbetriebe reagieren „nicht skeptisch, sondern vielmehr abwartend“. Stadtwerke-Sprecher Martin Gottschalk: „Eine pauschale Bewertung fällt hier schwer, da es sich bislang um ein reines Testobjekt handelt, das noch nicht im Praxisbetrieb erprobt ist. Insofern wäre eine realistische Einschätzung, inwieweit ein solches Modell für Regensburg vorstellbar wäre, erst dann möglich, wenn die ,Gummireifen-Straßenbahn‘ auch wirklich in einer europäischen Stadt im Einsatz ist. Erst dann kann auch wirklich eingeschätzt werden, welche Kosten durch den Bau entstehen und wie zuverlässig die Bahn im ,echten‘ Verkehr ist.“

Auch im Netz ist die Stadtbahn für Regensburg immer wieder ein Thema. Ein User kommentiert die neue Errungenschaft aus China auf Facebook so: „Wenn man es schafft, Straßenspuren zu schaffen, auf welche nur diese Tram fahren darf, dann wäre es toll.“ Und ein anderer verweist auf Medienberichte aus Gotha, wo die Straßenbahn durch ein Bus-System ersetzt werden sollte – wie in Regensburg Mitte der 60er-Jahre. Bei einer privat gestarteten Online-Petition sprachen sich in Gotha mehr als 12000 Unterzeichner für den Fortbestand der Thüringer Wald- und Straßenbahn aus. Ergebnis: Die Bahn bleibt. Für den Regensburger ein klares Signal: „Wer eine Straßenbahn hat, will sie nicht mehr hergeben!“

Beim Regensburg-Trend 2017 der Mittelbayerischen waren die Befürworter einer Stadtbahn für Regensburg übrigens in der Minderheit (42 Prozent). Allerdings hatten 58 Prozent den Wunsch nach mehr E-Mobilität, 41 Prozent votierten für eigene Bus-Trassen und 17 Prozent für größere Busse. Diesen Ansprüchen jedenfalls würde die Bus-Tram aus China genügen.

Architekt stellt Stadtbahn-Projekte vor

  • Motor der Stadtentwicklung?

    Dass eine moderne Stadtbahn auch Motor der Stadtentwicklung sein kann, beleuchtet der Architekturkreis Regensburg am Dienstag, 20. Juni, um 18.30 Uhr bei einem Vortragsabend im Degginger. Eric Frisch, Vorstandsmitglied der Dömges Architekten AG, geht dabei besonders auf Beispiele aus dem Nachbarland Frankreich ein: die Stadtbahnen in Besançon und Montpellier. Besançon, eine schöne alte Stadt am Fluss und schon deswegen mit Regensburg vergleichbar, ist laut Frisch stolz darauf, das kostengünstigste moderne Tram-Netz in Frankreich verwirklicht zu haben.

  • Das Stadtbahn-Land Frankreich

    Montpellier sei deswegen ein gutes Beispiel, weil sich dort die Einwohnerzahl in den letzten 40 Jahren verdreifacht hat. Kompromisslos sei in der 280 000 Einwohner zählenden Stadt an der Mittelmeerküste gleichzeitig das System des öffentlichen Nahverkehrs ausgebaut worden – mit aktuell vier Stadtbahn-Linien und zwei weiteren im Bau- bzw. Planungsstadium. Seine Heimat Frankreich ist für Frisch beim Thema ÖPNV ohnehin ein ergiebiges Land. „Dort wurden seit Anfang der 80er-Jahre in 40 Städten mitwachsende neue Tram-Systeme und Netze entwickelt.“

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