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Kultur

Ein Theaterabend für Tommy

Die erschütternde Geschichte um ein Bilderbuch aus Theresienstadt: „Pantaleon“ setzt sie am 18. Juni in Regensburg in Szene.
Von Marianne Sperb

 Ein Knirps schaut sehnsüchtig in die Freiheit: das Titelblatt des Bilderbuchs, das der Karikaturist Bedrich Fritta im Lager Theresienstadt für seinen Sohn gezeichnet hat. Repro: Verlag Friedrich Pustet
Ein Knirps schaut sehnsüchtig in die Freiheit: das Titelblatt des Bilderbuchs, das der Karikaturist Bedrich Fritta im Lager Theresienstadt für seinen Sohn gezeichnet hat. Repro: Verlag Friedrich Pustet

Regensburg.Tommy wird drei und in Theresienstadt ist der Tisch für ihn reich gedeckt. Sahnetorte, Bonbons und Obst tanzen ausgelassen über eine Seite in dem Buch, das ihm sein Vater zum Geburtstag zeichnet. Auf einem anderen Blatt richtet Bedrich Fritta für den Sohn einen herrlichen Gänsebraten an, umringt von sechs dampfenden Knödeln. Über dem Teller reckt die Freiheitsstatue von Liberty Island die Fackel in den Himmel, die Sonne lacht.

Im Grauen von Theresienstadt malt der Vater dem Sohn eine heile Welt und verspricht ihm das Blaue vom Himmel. Die Szenen versprühen Optimismus und Lebensfreude. „Dieses Buch ist das erste in der langen Reihe von Büchern, die ich dir noch malen will!“, schreibt der Vater auf das letzte Blatt. Dazu wird es nicht kommen. Als Tommy vier wird, ist Bedrich Fritta schon einige Wochen tot. Der tschechisch-jüdische Karikaturist stirbt am 4. November 1944 in Auschwitz.

Zeitgeschichte

Die vielen Leben von Tommy

Bedrich Fritta malt seinem Sohn in Theresienstadt eine heile Welt. Das Bilderbuch wird gerettet – und macht Karriere.

Der kleine Tommy überlebt Theresienstadt, und auch das Bilderbuch, das der Künstler vor seiner Deportation in in den Tod unter einer Türschwelle in Theresienstadt vergraben hatte, wird gerettet. Das Ost-West-Zentrum der Universität Regensburg stellt das erschütternde Zeugnis für den verzweifelten Wunsch nach Leben jetzt in Kooperation mit dem Figurentheater Pantaleon vor: am Dienstag (18. Juni, 19 Uhr) im Theater an der Uni.

Der Besucher kann eine besonders intensive Begegnung mit dem Buch erleben und David Haas kennenlernen. Tommys ältester Sohn bringt zu dem Abend in Regensburg das Originalwerk mit, das seinem Vater so viel bedeutet hatte. „Das einzige, was mir geblieben ist, was mir gehört, was man nur für mich gemacht hat, ist mein Buch, ein Buch von meinem Vater“, hatte Tommy einmal gesagt. „Dort spüre ich ihn, seine Tränen, seine Hoffnung, seine Angst.“

Thomas Fritta-Haas (rechts) mit seinem Adoptivvater Leo Haas: Ihre Beziehung war problematisch. Repro: Verlag Friedrich Pustet
Thomas Fritta-Haas (rechts) mit seinem Adoptivvater Leo Haas: Ihre Beziehung war problematisch. Repro: Verlag Friedrich Pustet

„Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt“ erlebte eine „Bilderbuch-Karriere“, die einerseits traurig ist, andererseits Hoffnung gibt. „Es ist ein unglaubliches Buch mit einer unglaublichen Geschichte“, sagt Walter Koschmal. Der langjährige Leiter des Europaeums hatte den Band 2015, mit einem ausführlichen Kommentar, im Regensburger Verlag Friedrich Pustet herausgebracht.

2017 kam „Für Tommy“ auch auf die Bühne. Das Figurentheater Pantaleon setzte das Buch unter dem Titel „Wenn du einmal groß bist“ um, begleitet von Akkordeonmusik. Alexander Baginski inszenierte ein intimes Porträt von Vater und Sohn. „Im Zentrum steht die Frage, wie ein unmenschliches Regime mit diesem zutiefst menschlichen Zeugnis umgeht.“

Am Dienstag ist die 70-minütige Inszenierung im Theater an der Uni zu erleben, Karten: Abendkasse und vorab bei der Geschäftsstelle des Europaeums, www.europaeum.de.

Hier geht es zur Kultur.

Tommy und Leo

  • Thomas Fritta-Haas:

    Die Beziehung von Tommy zu seinen Adoptiveltern Erna und Leo Haas war problematisch. Tommy galt als schwer erziehbar, Theresienstadt und der Tod seiner Eltern hatten ihn traumatisiert. Ein Leben lang hatte er Angst vor klirrenden Schlüsseln und vor Hunden.

  • Leo Haas:

    Der Künstler aus dem Zeichnersaal von Theresienstadt wurde später Vorbild für die Figur von Karl Weiß im Buch und im Film „Holocaust“. Autor Gerald Green recherchierte in den 1970ern die „Maler-Affäre“ um die Zeichner, die das Grauen von Theresienstadt dokumentierten.

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