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Kultur

Ein Traditionsladen vor dem Aus

Die Regensburger Musikalienhandlung Feuchtinger&Gleichauf schließt. Nur ein Wunder könnte das Laden-Original retten.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Vom „Te Deum“ bis zu den „lustigen Liadln“: Manfred Kern im imposanten Archiv des Verlags Feuchtinger&Gleichauf Foto: Wanner
  • Seit Mittwoch läuft der Räumungsverkauf in der Musikalienhandlung. Foto: Wanner
  • Manfred Kern vor seinem Geschäft in der Niedermünstergasse 2. Foto: Wanner
  • Dieses Bild wurde um 1900 aufgenommen. Es ist in der Schrift von Thomas Emmerig über Feuchtinger&Gleichauf abgebildet und zeigt vorm Laden in der Schwarzen-Bären-Straße 5 (von li): eine Angestellte, Fritz Gleichauf sowie Eugen und Franz Feuchtinger.

Regensburg.Die Ironie des Schicksals will es, dass der 500. Reformationstag das Ende einer Institution des katholischen Regensburg markiert:

„Sie finden keinen Nachfolger? Unglaublich!“

Ein Kunde

Weil Inhaber Manfred Kern selbst nicht mehr recht an eine Weiterführung glaubt, ließ er gestern den Räumungsverkauf für Noten, Accessoires, CDs und Plakate beginnen. „Das gibt Amazon Auftrieb“, sagt Manfred Kern. Mit einem Schuss Sarkasmus geht in Regensburg eine spezielle Ära des stationären Einzelhandels in die Zielgerade. Den drei Angestellten ist zum 31. Oktober gekündigt worden. Alle sind über 30 Jahre in der Firma.

Frankies Tod gab den Ausschlag

Das Geschäft mit dem Violinschlüssel liegt goldrichtig im Dreieck von Ordinariat und Dom. Dass der 68-Jährige hier schon länger ans Aufhören denkt, liegt in der Natur der Sache. Fünf Jahre lang war Baustelle vorm Haus. Die Freunde sind „alle im Ruhestand und dauernd unterwegs“. Aber meist ist es dann doch der unerwartete Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In diesem Falle ist es Frankie, „mein Foxl“. Der Kalender im Büro ist ihm gewidmet. Jeder Monat zeigt ein Bild von Frankie. „Vor eineinhalb Jahren wurde er vergiftet. Da hab ich mir gedacht, ich mag nicht mehr.“

Manfred Kern ist ein charmanter Vertreterder alten Schule. Gepflegt bis zu den Spitzen seines Schnurrbarts. Er riecht dezent nach „Bois de Portugal“. Der alte Tabakduft, den angeblich Napoleon Bonaparte kreiert hat, kontrastiert mit dem papierenen Geruch seines gewaltigen Notenarchivs. Er hat ihn bei seiner Frau entdeckt. Sie besitzt eine Parfümerie in der Schwarzen Bären Straße. Für seine Helga will er nun Werbung machen. Manfred Kern ist ein kreativer Kopf.

Im Computer laufen Bestellungen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum ein. „Schauen Sie her: Alles von heute. 60 Mal Großer Gott wir loben dich von Karl Norbert Schmidt.“ Kern zeigt auf eine persönliche Bemerkung zur Bestellung: „Sie finden keinen Nachfolger. Unglaublich!“ Kirchenmusiker in ganz Deutschland können es nicht fassen.

An der Wand gegenüber tickt die Uhr nach Noten. Der rote Sekundenzeiger läuft in einem Kreis aus Klaviertasten. Wie fühlt sich das an, dass hier bald Schluss ist? „Entsetzlich“, sagt er. „Seit ich den Termin gesetzt habe, wache ich nachts auf.“

Das Leben des gebürtigen Straubingers ist von Kindesbeinen an die Kirchenmusik: Vater Kirchenmusiker und Steuerberater. Mit 13 Jahren geht Kern von den Domspatzen ab, weil seine Schwester Abitur gemacht hat und der Vater will, dass er ihren Platz an der Orgel von St. Michael einnimmt…

Der Kaufmann und studierte Wirtschaftspädagoge steht schon vor seiner Berufsschulklasse, als er mit 30 Jahren von seinem Studienfreund Wilhelm Reicheneder nach Regensburg geholt wird. Katholisches Buch und katholische Kirchenmusik bildeten damals auf dem Papier noch ein mächtiges Konglomerat mit imposanten Namen: „Katholisches Zentralbüro“, „Heuport Haus des Buches und der Musik“, „Musikalienhandlung und Verlag Feuchtinger&Gleichauf“. Letzteren hatte die Diözese erst 1977 erworben, um, wie es damals hieß, „den Weiterbestand des traditionsreichen Geschäftes mit dem Schwerpunkt Kirchenmusik zu sichern.“ Bischof Rudolf Graber leistete die Unterschrift.

Geschäftsführer wurde zum 1. Januar 1978 Manfred Kern. Unter seiner Ägide kam die Kirchenmusikproduktion des Verlags Friedrich Pustet hinzu und, im gleichen Jahr, vom Musikhaus Reisser (heute Wittl) der Verlag Franz Feuchtinger. 1984 wurde Kern Prokurist, er sah sich einem achtköpfigen Aufsichtsrat aus Klerikern gegenüber. Sein Arbeitsplatz war zu Beginn in der Schwarzen Bären Straße 5, im nicht unangenehmen Dunstkreis des Klerikalschneiders und des Generalvikars Fritz Morgenschweis.

Eine einzige Steckdose im Laden

Manfred Kern erinnert sich: „Wir hatten eine einzige Steckdose im Geschäft und eine Registrierkasse mit Kurbel. Montag war Pfarrertag. Da besorgten die Geistlichen die Noten für ihre Chöre. Wir hatten einen Lehrling, einen Gehilfen und Anneliese Metter. Die Frau war mein Lexikon. Unbezahlbar. 50 Jahre war sie bei Feuchtinger&Gleichauf.“

Als Feuchtinger&Gleichauf 1984 an die Niedermünstergasse umzog, weihte Manfred Müller die neuen Räume. Der Bischof betonte die Bedeutung der Institution: „Zum weltweiten Ruf Regensburgs als Kirchenmusikstadt hat neben dem Domchor, der Kirchenmusikschule und dem Allgemeinen Cäcilienverband auch der Musikverlag Feuchtinger&Gleichauf beigetragen.“

Drei Jahre nach dem Umzug kaufte Kern mit 38 Jahren die Firma von der Diözese. Im Prinzip hat sich dadurch nichts verändert: Im Archiv lagern, in rotes Packpapier geschlagen, bis unter die Decke, ungezählte Noten der Kirchenmusik – vom verstorbenen Domorganisten Eberhard Kraus über Palestrina bis zur kleinen Festmesse mit Bläser von Franz Biebl. „Das gibt es nur bei uns. Von jeder Komposition haben wir drei Exemplare.“ Feuchtinger&Gleichauf ist oder war eine Musikalienhandlung mit Anspruch.

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