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Technik

Eine alte Tram in neuem Glanz

Die Besucher des Ostengassenfests in Regensburg konnten den sanierten historischen Tram-Beiwagen bestaunen – auch von innen.
Von Daniel Steffen

Der restaurierte Beiwagen des letzten original erhaltenen Regensburger Straßenbahnzuges war in der Nähe des Ostentors zu sehen. Foto: Steffen
Der restaurierte Beiwagen des letzten original erhaltenen Regensburger Straßenbahnzuges war in der Nähe des Ostentors zu sehen. Foto: Steffen

Regenburg.„Bitte einsteigen! Abfahrt Richtung Schlachthof“, ruft Jan Maschek, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Historische Straßenbahn. Einem der umstehenden Passanten am Ostentor ist etwas mulmig, was Maschek bemerkt. „Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagt er – und klärt auf, dass man ja nur die Haltestelle „Schlachthof“ ansteuern wolle.

Etwa ein Dutzend Besucher steigen in die Tram ein und nehmen auf den nostalgischen Sitzen Platz. Sie bestaunen den frisch restaurierten Beiwagen des letzten original erhaltenen Regensburger Straßenbahnzuges in aller Ausführlichkeit. Für einen Moment wird die Vergangenheit lebendig – und trotzdem wirkt alles wie neu. „Echt gute Arbeit“, loben viele Besucher.

Kosten: 95 000 Euro

Der restaurierte Beiwagen des letzten original erhaltenden Regensburger Straßenbahnzugs war auf dem Ostengassenfest das Objekt der Begierde schlechthin. Foto: Steffen
Der restaurierte Beiwagen des letzten original erhaltenden Regensburger Straßenbahnzugs war auf dem Ostengassenfest das Objekt der Begierde schlechthin. Foto: Steffen

Natürlich setzt sich die Tram nicht in Bewegung, schließlich wird sie den Ostengassenfest-Besuchern nur präsentiert. Sie steht provisorisch auf einem Kranwagen und ist der Hingucker auf dem Ostengassenfest schlechthin. Im Gegensatz zu 2016, als die Tram schon einmal am Ostentor bestaunt wurde, erstrahlt das Fahrzeug in neuem Glanz. 95 000 Euro hat die Restaurierung des Beiwagens gekostet. Diese Kosten trugen je zur Hälfte die IG Historische Straßenbahn und die Stadt.

„Viel mehr geht nicht“, sagt Jan Maschek und sieht die Möglichkeiten der IG hinsichtlich der angepeilten Triebwagen-Sanierung ausgeschöpft. „Daher appellieren wir an die Stadt, die Sanierung des Triebwagens in die Hand zu nehmen.“ Die IG sei jedoch weiter bemüht, Spenden zu generieren.

Dass immerhin der Beiwagen fertig saniert ist, ist aus Sicht der Initiatoren sensationell genug. „Jeder hat sofort gesehen: Wir meinen es mit der Sanierung ernst.“ Angefangen vom Straßenbahn-Kalenderverkauf bis hin zur Sitzplatz-Patenschaft rief der Verein eine Reihe von Aktionen ins Leben, um Gelder für die Sanierung zu generieren. Zur Freude der IG sind nun alle Patenschaften für die Tram-Fensterplätze vergeben. Vor dem Ostengassenfest waren noch vier frei. 300 Euro kostet solch ein symbolischer Fensterplatz, 100 Euro ein Stehplatz in der Tram.

79 ist die Wagennummer des Straßenbahn-Beiwagens, der im Jahr 1955 von der Waggonfabrik Josef Rathgeber aus München nach Regensburg geliefert wurde. Oberhalb der Wagennummer ist das Stadtwappen von Regensburg eingezeichnet. Foto: Steffen
79 ist die Wagennummer des Straßenbahn-Beiwagens, der im Jahr 1955 von der Waggonfabrik Josef Rathgeber aus München nach Regensburg geliefert wurde. Oberhalb der Wagennummer ist das Stadtwappen von Regensburg eingezeichnet. Foto: Steffen

1964 war die Tram zum letzten Mal durch Regensburg gefahren, bereits 1955 wurde die Linie 3 (Schlachthof - Domplatz) stillgelegt. Günther Schieferl war damals Straßenbahnfahrer. Er erinnert sich: „Damals hat sich der Verkehr an der Kreuzung Nibelungenbrücke/Weißenburgstraße immer gestaut. Das hat man eben auf die Tram geschoben“, sagt er verärgert. „Nach der Stilllegung haben sich die Wegzeiten im Öffentlichen Nahverkehr verlängert. Die Tram ist ja alle sechs Minuten gefahren“, sagt der 74-Jährige.

Mit der Technik der historischen Tram ist der gelernte Straßenbahnmechaniker bestens vertraut. „Einen Druckknopf gab es damals noch nicht. Der Schaffner hat die Türen manuell geöffnet“, sagt er. Und da immer ein Schaffner in der Tram war, sei Schwarzfahren kein Thema gewesen. 20 Pfennig kostete die Fahrkarte, Kinder zahlten die Hälfte. „Für die Leute war das viel Geld“, sagt Schieferl.

Im Tram-Beiwagen befinden sich 22 Sitze, die allesamt aus Mahagoniholz gebaut worden sind. Für jeden dieser Plätze ist bereits eine symbolische Patenschaft abgeschlossen worden. Foto: Steffen
Im Tram-Beiwagen befinden sich 22 Sitze, die allesamt aus Mahagoniholz gebaut worden sind. Für jeden dieser Plätze ist bereits eine symbolische Patenschaft abgeschlossen worden. Foto: Steffen

Von der Tram, wie man sie auf dem Gassenfest sah, wurden Schieferl zufolge 57 Exemplare gebaut. Acht davon, vier Maschinenwagen und vier Beiwagen, kamen nach Regensburg. Hersteller war die Waggonbaufabrik Josef Rathgeber in München. Von den heutigen Straßenbahnzügen unterschieden sich die Fahrzeuge vor allem in ihrer Spurweite: War damals eine Weite von 1000 Millimeter üblich, ist heute eine Spurweite von 1435 Millimeter Standard. Das bedeutet: Sollte die restaurierte Tram mal für Sonderfahrten auf die Schiene kommen, müsste ihr Unterbau angepasst werden.

Ein Video vom Ostengassenfest sehen Sie hier:

Regensburg feiert Ostengassenfest

Tram soll ins neue Museum

Klaus Theml von der IG Historische Straßenbahn präsentierte am Tram-Beiwagen den Regensburger Straßenbahnkalender für das kommende Jahr. Foto: Steffen
Klaus Theml von der IG Historische Straßenbahn präsentierte am Tram-Beiwagen den Regensburger Straßenbahnkalender für das kommende Jahr. Foto: Steffen

Geht es nach Stadtwerk-Chef Manfred Koller, so bekommt die restaurierte Tram einen Platz im Museum für Bayerische Landesgeschichte am Donaumarkt. Dort sei sie als bayerisches Kulturgut gut aufgehoben, betonte er bei der Präsentation des Beiwagens am Freitag. Er verwies auf den Münchner Hersteller und die Restaurierung in Regensburg, die durch die ortsansässige Firma Haber & Brandner durchgeführt wurde. Bezüglich des Standorts sei man mit den Museumsverantwortlichen bereits im Gespräch. Der feierlichen Einweihung wohnten auch Bürgermeister Jürgen Huber und Dr. Georg Haber aus der Geschäftsführer von Haber & Brandner bei.

Ebenfalls gebührte dem heute 90-Jährigen Harri Glaeser die Ehre, das symbolische Band durchzuschneiden: Er war einer der letzten Tramfahrer in Regensburg, als 1964 der Betrieb der Straßenbahn eingestellt wurde. Ihren vorübergehenden Platz haben der sanierte Beiwagen und der Treibwagen in der Dieselstraße – dort, wo die Arbeiten durchgeführt worden sind. Einig sind sich alle Beteiligten darin, dass die Tram wohl „nie wieder“ einen Standort „an der frischen Luft“ bekommt, um nicht erneut zu verwittern.

Hier sehen Sie weitere Fotos vom Ostengassenfest:

Ostengassenfestin Regensburg

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