MyMz
Anzeige

Texte

Eine Autorin provoziert zum Schreiben

Die Regensburger Schriftstellerin Sabine Eva Rädisch setzt bei anderen Menschen Kreativität frei, indem sie sie irritiert.
Von Angelika Lukesch, MZ

Die Schriftstellerin Sabine Eva Rädisch lehrt kreatives Schreiben. Fotos: Lukesch
Die Schriftstellerin Sabine Eva Rädisch lehrt kreatives Schreiben. Fotos: Lukesch

Regensburg.Viele Menschen glauben, dass sie selbst gar nicht „schreiben können“. In Deutsch hatten sie immer eine schlechte Note, Aufsätze waren ihnen ein Gräuel. Und doch sehnen sich einige danach, schriftlich ausdrücken zu können, was sie bewegt.

Das können sie lernen, das ist die Auffassung der Schriftstellerin Sabine Eva Rädisch. Sie lehrt deshalb auch kreatives Schreiben. Ihren Kurs beginnt sie, indem sie zwei Begriffe vorgibt: „Hammer – Liebe“. Die Aufgabe lautet, einfach niederzuschreiben, was den Teilnehmern dazu einfällt. Es können Wörter sein, Sätze, Assoziationen. Sie können Bilder beschreiben, Geschichten erfinden oder auch einfach nur niederschreiben: `Das ist ein Riesen-Schmarren!´“. In jedem Fall werden sie etwas schreiben, denn mit den beiden Begriffen Hammer und Liebe, die in einem Atemzug genannt werden, will die Regensburger Schriftstellerin ihre Kursteilnehmer aus der Fassung bringen.

Diese Irritation, dieses Kitzeln am Geist, diese kleine Provokation setzt in jedem Menschen irgendein Räderwerk in Gang und sei es nur dieses, was denn das eine wohl mit dem anderen zu tun habe. Und schon hat Rädisch das erreicht, was sie wollte: Sie hat in ihren Kursteilnehmern Gedanken in Gang gesetzt, die zu Geschichten werden können, zu Meinungsäußerungen, zu Ideen. Mit diesen beiden Wörtern hat sie das erreicht, was das Kernelement des kreativen Schreibens ist: Ideen entwickeln und der Reflex, dies niederschreiben zu wollen.

Hier finden Sie einen Artikel über ein Buch, das Sabine Eva Rädisch geschrieben hat.

Es geht nicht um Kritik

Das Künstlerhaus an der St. Leonhardsgasse beherbergt eine Schreibwerkstatt.Foto: Lukesch
Das Künstlerhaus an der St. Leonhardsgasse beherbergt eine Schreibwerkstatt.Foto: Lukesch

Viele Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts-, Bildungs- und Schreibniveaus besuchen die Kurse von Sabine Eva Rädisch. Dabei darf das „kreatives Schreiben“ nicht verwechselt werden mit dem Erlernen der Schreibhandwerks oder gar damit, zu lernen, wie man ein Buch, einen Roman, eine Biografie schreibt. Rädisch geht es nicht ums Handwerk, sondern darum, Kreativität zu ermöglichen. „Ich möchte die Menschen zum Schreiben inspirieren. Sie sollen ihre eigene Kreativität erleben“, sagt die Schriftstellerin in Interview in ihrer Schreibwerkstatt im Künstlerhaus an der St. Leonhardsgasse. In ihren Kursen geht es nicht um Kritik oder Analyse dessen, was niedergeschrieben wurde. „Es geht nicht darum, etwas richtig oder falsch zu machen. Es geht um das Schreiben um des Schreibens willen!“

Manchmal beginnt sie ihre Kurse mit dem „automatischen Schreiben“. Dabei fordert Rädisch die Kursteilnehmer auf, fünf bis zehn Minuten lang einfach etwas niederzuschreiben. „Pflicht ist nur, dass der Stift nicht abgesetzt und immer weitergeschrieben wird“, erklärt die Schreibpädagogin. Die Kursteilnehmer schreiben nur für sich selbst, nichts wird vorgelesen, nichts wird bewertet. Es müssen keine vollständigen Sätze gebildet werden, es kann auch immer nur dasselbe Wort geschrieben werden, dieselben Buchstaben, dieselben Silben oder auch eine ganze Geschichte.

Es ist völlig egal was geschrieben wird, Hauptsache der Stift steht nicht still. „Das schaffen die meisten Leute, auch die, die glauben, dass sie nicht schreiben können“, sagt Schreib-Lehrerin Rädisch. Es gehe bei diesen Menschen darum, die verinnerlichte Schreibhemmung abzubauen, erklärt sie. Ihre Meinung ist: „Schreiben kann jeder. Manche müssen jedoch lernen, die Selbstzensur zu umgehen. Manchmal sind Menschen hier, die haben zwar Angst, aber sie wollen es ausprobieren. Schreiben ist eine Möglichkeit zum Selbstausdruck. Jeder sollte das haben. Und jeder, der etwas zu erzählen hat, kann schreiben“, stellt Rädisch klar.

Wer auf der Suche nach neuen Texten ist, kann auch im Stadtamhofer Bücherschrank nachsehen.

Gegensätze sorgen für Spannung

Hinter jedem dieser Schlüssel könnte eine Geschichte stecken. Foto: Lukesch
Hinter jedem dieser Schlüssel könnte eine Geschichte stecken. Foto: Lukesch

Mit Wortkombinationen wie „Hammer – Liebe“ baut Rädisch eine Spannung auf. „Ich will die Leute bewusst irritieren und nenne Sachen, die nicht zusammenpassen. Hier springt die Kreativität immer an. Man kann zum Beispiel auch als Aufgabe stellen: Wann hast du zum letzten Mal einen gestreiften Nachmittag erlebt?“ erklärt Rädisch ihre Tricks, wie sie die Kreativität der Menschen anregt und ihnen wertfrei, vorurteilsfrei und völlig ohne Druck die Möglichkeit gibt, das Schreiben als Selbstausdrucksform auszuprobieren. Manchmal nimmt die Schriftstellerin zu ihren Kursen Gegenstände mit, wie zum Beispiel eine Handvoll unterschiedlicher Schlüssel. Jeder Schlüssel sieht anders aus, jeder birgt neue Assoziationen, über die die Teilnehmer schreiben könnten. Sehr anregend sei auch das Spiel „Was wäre, wenn du Kanzler wärst – oder wenn du ein Drache wärst, der die Zeiten überdauert“.

Manchmal gibt es eine Vorleserunde, aber nur für diejenigen, die das wollen. Es sei höchst überraschend, sagt die Schriftstellerin, welche unterschiedlichen Gedankenwelten sich hier auftäten. „Es ist wie bei einer Singstimme. Jeder Mensch hat eine eigene Singstimme, die einen überrascht, wenn man denjenigen vorher nur sprechen hörte. Genauso ist es mit den Geschichten, die die Menschen niederschreiben. Da erlebt man oft sehr große Überraschungen.“

Weitere Nachrichten aus Regensburg finden Sie hier.

Aktuelle Nachrichten von mittelbayerische.de jetzt auch über WhatsApp. Hier anmelden: https://www.mittelbayerische.de/whatsapp.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht