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„Eine Englische“ verlässt Mädchenschule

Sie ist „eine Englische“ durch und durch: Die Regensburger Mädchenschule verabschiedet Vize-Schulleiterin Dr. Lydia Schieth.
Von Helmut Wanner

Unter Büchern fühlt sie sich wohl: Dr. Lydia Schieth in der Schulbibliothek, die sie aufgebaut hat. Foto: Wanner
Unter Büchern fühlt sie sich wohl: Dr. Lydia Schieth in der Schulbibliothek, die sie aufgebaut hat. Foto: Wanner

Regensburg.Die Mädchen der Marienschulen waren ihre Familie. Jetzt verlässt sie sie. Die stellv. Schulleiterin Dr. Lydia Schieth wird am Freitag verabschiedet. Mit einer Polonaise durchs Schulhaus. Weiber-Freitag.
Danach beginnen die Faschingsferien. In dieser Zeit zieht die Schule wieder zurück. Das organisiert die Studiendirektorin, bevor sie am 28. Februar die Tür ins Schloss fallen lässt. Die Tochter eines Münchner Bauunternehmers hatte am Ende ihrer Karriere schulintern auch noch die Bauleitung inne. „Ich gehe am Tag, an dem meine vor zwei Jahren verstorbene Mutter ihren 90. Geburtstag gehabt hätte“, freut sich Lydia Schieth über die kleine Kapriole des Schicksals.

Generationen von Schülerinnen nannten sie „die Schieth“. Einen Spitznamen hatte sie nicht. Man hatte Respekt. Höchstens einen Namenszusatz wagte man: „Frau Napoleon-Schieth“. Denn sie ist klein und energisch wie der berühmte Korse. Die deutsche Frauen-Literatur des 18. Jahrhunderts ist ihr Steckenpferd. Der Titel ihres Erstlingsromans aus der Goethe-Zeit, den sie in 15 Großen Ferien schrieb, könnte in ihrem Lehrerzeugnis stehen: „Aufgeklärt und selbstbewusst.“ Zu solchen Wesen wollte sie ihre Schülerinnen erziehen.

Der Alpenjodler zum Alpenbuch

In jeder „Abizeitung“ war die Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte Thema. Karikaturen ließen sie auf einem Berg von Büchern thronen. Darauf fühlte sie sich wohl. Sie wurde immer gut getroffen: „Wir haben exzellente Schwimmerinnen und herausragende künstlerische Talente“.

„Ich hatte nur nette Klassen“

Dr. Lydia Schieth

Die Schieth hat sich immer „voll reingehauen“. Mit einer Klasse überquerte sie im Juli 2004 die Alpen. Den Alpenjodler zum Alpenbuch komponierte ihr Musiklehrer-Kollegen Thomas Humbs. Zum 100. Geburtstag der Englischen organisierte sie 2003 einen Sonderzug nach München. Für jede einzelne Klasse arbeitete sie ein eigenes Programm aus.

Von vielen Ehemaligen kann sie noch heute die Namen hersagen. Das tut sie, als wären es ihre Cousinen. Die Mädchen scheinen ihr echt ans Herz gewachsen zu sein – wie Töchter.

Dr. Lydia Schieth ist eine Englische durch und durch. Die Marienschulen waren ihre erste und einzige Schule in ihrer Lehrerinnen-Laufbahn. Und an der Mary Ward Schule in München hatte sie 1972 Abitur gemacht. Fünf Jahre lang verfolgte sie die wissenschaftliche Laufbahn bei Doktorvater Prof. Wulf Segebrecht in Bamberg. Es war ihr Plan B, ihr Ausflug in die männliche Domäne des Wissenschaftsbetriebs.

„Durch Anmut allein“

Als Frau unter Mädchen fand Lydia Schieth im September 1993 ihren Platz im Leben. Die Lehrerin wurde Freundin der Berufungen ihrer Anvertrauten. Das Geschlechter-Thema spielte sie an den Marienschulen konsequent. 2005 griff die Schieth das Jubiläum des Nationaldichters auf. „Durch Anmut allein herrsche das Weib – Schiller und die Frauen“. Der literarisch-musikalisch-theatralische Abend dazu gewann den Aumüller-Schulpreis. Sie regte ihren Grundkurs Literatur zu einem Theaterprojekt an über „Regensburger Skandalfrauen“, 2011 gelang es ihren Mädchen im Rahmen des Seminars Geschichte, so unterschiedliche Frauengestalten wie Livia Drusilla, Marylin Monroe und Rosa Luxemburg unter einen Hut zu bringen.

Eine Hommage an Fürstin Helene

  • Helene

    (Néné, 1834 bis 1890) war die älteste Tochter von Herzog Max in Bayern und Prinzessin Ludovika von Bayern.

  • 1853 reiste

    sie zum Geburtstag Kaiser Franz Josephs mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Elisabeth nach Ischl, wo sie auch dessen Braut und damit Kaiserin von Österreich werden sollte. Doch Franz Joseph entschied sich für ihre jüngere Schwester Elisabeth.

  • Helene galt

    als besonders fromm sowie als unpünktlich, so verpasste sie mehrmals Züge. Nach der missglückten Heirat steigerte sich ihre depressive Stimmung ständig.

  • Herzogin Ludovika

    begann sich nach einem Bräutigam umzusehen, da die Gefahr bestand, dass die schöne Tochter in ein Kloster gehen könnte.

  • Helene hatte

    sich beinahe damit abgefunden, ledig zu bleiben. Mit 22 Jahren galt sie damals bereits als „alte Jungfer“, doch lernte sie durch Vermittlung ihrer Mutter den reichen Erbprinzen Maximilian Anton von Thurn und Taxis kennen. Herzog Max in Bayern, Helenes Vater, lud die Familie Thurn und Taxis nach Possenhofen auf die Jagd ein. Erbprinz Maximilian war sofort von Helene beeindruckt. Die Trauung fand 1858 in Possenhofen statt. Helene führte die einzige glückliche Ehe der bayerischen Geschwister.

Sogar die fromme Helene, die fürstliche Nachbarin aus Regensburg, riss sie 2003 aus dem Schattendasein. Im Rahmen des Geschichtswettbewerbs „Straßennamen erzählen Geschichten“ ließ die Schieth von der Confiserie Seidl Törtchen mit dem Konterfei der Taxis-Prinzessin und Schwester von Sisi backen. Es hat sie schwer enttäuscht, dass Gloria das Engagement ignoriert hat.

Schieth startet jetzt ihr zweites Leben mit zwei Buchprojekten: Das eine heißt „die Frauenfestung“. Schwestern erben eine Patrizierburg. Das andere heißt „Mathilde wundert sich - eine Schulhausputzhilfe packt aus“. Die Leserinnen brauchen sich nicht fürchten. Schieth: „Ich hatte nur nette Klassen“.

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  • JG
    Jutta Göller
    07.02.2018 06:26

    Herzlichen Glückwunsch zum Unruhestand! Und viel Erfolg mit den Buchprojekten wünscht Jutta Göller

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