MyMz
Anzeige

Mobilität

Eine Straßenbahn mit Namen Sehnsucht

30 000 Euro allein an Arbeitskosten stecken im Traum-Modell der ersten Tram Regensburgs. Die Stadt bekam es geschenkt.
Von Helmut Wanner

In Original-Uniformen flankierten die Übergabe des Trambahn-Modells im Historischen Museum (von links): Der letzte Trambahnfahrer Harri Gläser, Museumsleiterin Dr. Doris Gerstl, der Modellbauer Albert Hiller, Günther Schieferl, Thomas Friedrich und Martin Kempter Fotos: Peter Ferstl, Stadt Regensburg
In Original-Uniformen flankierten die Übergabe des Trambahn-Modells im Historischen Museum (von links): Der letzte Trambahnfahrer Harri Gläser, Museumsleiterin Dr. Doris Gerstl, der Modellbauer Albert Hiller, Günther Schieferl, Thomas Friedrich und Martin Kempter Fotos: Peter Ferstl, Stadt Regensburg
Mit viel Liebe zum Detail hat Albert Hiller auch den Innenraum der ersten Trambahn gestaltet.
Mit viel Liebe zum Detail hat Albert Hiller auch den Innenraum der ersten Trambahn gestaltet.

Regensburg.Albert Hiller hat der Stadt und ihren Bürgern ein Präsent gemacht: das Modell der ersten Straßenbahn, die 1903 durch die Stadt fuhr. Museumsleiterin Dr. Doris Gerstl bedankte sich im Museum am Dachauplatz im Namen der Stadt. „Heute sehnen sich viele wieder nach der Straßenbahn: Der Blick in die Vergangenheit ist zugleich eine Zukunftsperspektive.“ Denn während die Tw 14, die älteste Tram der Stadt, im Maßstab 1:10 im Museum einfährt, wirft die moderne Regensburger Stadtbahn ihre Schatten voraus (die MZ berichtete).

Bis zum Herbst zu sehen

Harri Gläser fährt durch Alt-Regensburg.
Harri Gläser fährt durch Alt-Regensburg.

Für das historische Modell ist hier die Endstation. Die Neuerwerbung steht neben dem Regensburg-Relief im Eingangsbereich. Bis zum Ende der Sommerferien kann man sie dort bewundern. Für die Regensburger Straßenbahnfreunde ist es „ein Meilenstein in der Regensburger Trambahngeschichte“, so Martin Kempter. Der Mit-Autor des Buches „Straßenbahn in Regensburg“ glaubt allerdings an die neue Stadtbahn erst, wenn er sie gesehen hat. Zu Ehren Hillers hatte er die Mütze eines Straßenbahnfahrers mit dem geflügelten Rad auf dem Kopf.

Eine Seitenansicht der ersten Regensburger Straßenbahn
Eine Seitenansicht der ersten Regensburger Straßenbahn

Albert Hiller hatte zu diesem Ehrentag die ungekrönte Elite der Regensburger Straßenbahnfreunde eingeladen. Mit 90 Jahren hatte es sich der letzte Trambahnfahrer der Stadt, Harri Gläser, erlaubt, seine graue Uniform nochmal anzuziehen. Der Straßenbahn-Enthusiast Günther Schieferl hatte sich in die Original-Uniform aus der Gründerzeit der Straßenbahn geworfen. Der Spross einer Regensburger Trambahnfahrerfamilie ließ sie sich maßanfertigen. Thomas Friedrich, der als Jurastudent in den Semesterferien als Trambahnschaffner tätig war, passte noch gut in die Sommeruniform des Jahres 1964, des Todesjahres der Straßenbahn in Regensburg.

Im Schaffnerstüberl des Mutterhauses der Brauerei Kneitinger am Arnulfsplatz hatte Hiller einen Tisch reserviert, um das Ereignis mit den Freunden zu feiern. Albert Hiller bestellte ein Dunkles und leuchtete vor inwendigem Glück. In diesem Klein-Museum scheint die Regensburger Straßenbahn-Vergangenheit lebendig. In seinem Rücken, an der Stirnseite des Raumes, hing sie wieder, seine Tw 14, in einer Schwarzweiß-Aufnahme vor 1905. Sie passiert da gerade die Mohrenapotheke am Alten Kornmarkt. Und in der Vitrine stehen die Straßenbahn-Modelle, die Günther Schieferl gefertigt hat. Schieferl ist ein Seelenverwandter. Er hat seit über 50 Jahren alles Erreichbare zum Thema „Straßenbahn in Regensburg“ zusammengetragen: Fotographien, Uniformen mit Zubehör wie Schaffnertasche und Geldwechsler, Schilder, Teile der Wägen wie Glocken und Fahrschalter. „Viele sagen, die Straßenbahnzeit war die schönste Zeit in meinem Leben“, meldet sich Thomas Friedrich zu Wort. Aus Liebe zu ihr wurde Friedrich zum Gesetzesbrecher. Als die Tram am 1. August 1964 die letzte Fahrt machte, nahm sich Thomas Friedrich die Jacke als Souvenir mit nach Hause. Damals hatte der Student der Rechte auch alle Schilder abgeschraubt: „Nicht auf den Boden spucken“ oder „Nicht vom fahrenden Wagen springen“. „Früher war das eine Straftat, heute ist es eine Heldentat“, meint Albert Hiller anerkennend. Regensburger Trambahnfahrer stiegen auf den Bus um, fanden eine Stelle im Fundbüro. Einige wurden zum Ablesen der Gaszähler geschickt. War das Recht und Gerechtigkeit?

Ein Traum von einer Tram

Einige Regensburger hörten nicht auf zu träumen. Zwei Jahre hat der pensionierte Post-Ingenieur an seinem Traum von einer Tram gearbeitet. Wenn man eine Arbeitsstunde mit 20 Euro ansetzt, stecken 30 000 Euro Arbeit in dem Modell der Tw 14. Er hat sie der Stadt geschenkt. Natürlich hätte alles auch anders kommen können. „Wenn ich ins Albrecht-Altdorfer-Gymnasium gegangen wäre und nicht in die Oberrealschule in der Goethestraße, hätte ich mich nicht in die Linie 1 der Straßenbahn verliebt. Dann wären wir heute nicht hier.“ Aber Hiller fuhr täglich Straßenbahn, kennt die gefährliche Kurve am Bischofshof. Am liebsten stand er vorne beim Fahrer. Er hat sich jeden Handgriff eingeprägt.

Er weiß alles über die Tram: „Die Regensburger Straßenbahn nahm im Frühjahr 1903 ihren Betrieb auf. Die dazu benötigten 16 Triebwagen wurden bereits 1902 vom MAN-Werk in Nürnberg gebaut.“ Die Plattformen seien anfangs offen gewesen. Erst im Herbst 1905 bekamen sie eine Frontverglasung, die von der Depotwerkstatt in Regensburg im Eigenbau gefertigt wurde. Von Sommer 2015 bis Herbst 2017 hat er aus dieser ersten MAN-Serie für Regensburg die Tw 13 und 14 im Maßstab 1:10 nachgebaut. Das Modell von Tw14 zeigt den Wagen im fabrikneuen Zustand. Im Moment des stillen Glücks ist es ihm ein Anliegen, dem pensionierten Museumsleiter Dr. Peter Germann-Bauer „für die engagierte Förderung des Straßenbahnmodell-Projekts zu danken“. Albert Hiller vergisst die Seinen nicht.

Der älteste Trambahnfahrer

  • Historie:

    Harri Gläser steuert die Straßenbahn durchs alte Regensburg. Von 1949 bis 1964 war er Straßenbahnfahrer. Mit seinem Schaffner Heinz Mückel waren sie ein anerkanntes Team bei den Regensburger Verkehrsbetrieben.

  • Jubiläum:

    Als die Straßenbahn 1964 stillgelegt wurde, wurde Gläser Busfahrer. 1967 legte er die Fahrmeisterprüfung ab. Der 90-jährige feierte im Juni dieses Jahres seinen 65. Hochzeitstag.

Weitere Nachrichten und Berichte lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht