MyMz
Anzeige

Einer Nazi-Dichter, einer Dada-Künstler

Florian Seidl riet, Behinderte zu sterilisieren, sein Bruder Alfred war Psychiatrie-Patient: Dieter Lohr ist auf Spurensuche.
Marianne Sperb

„Irgendwann hat man so viel Material, dass man denkt: Es geht nicht anders, als ein Buch zu schreiben“: Dieter Lohr mit seinem neuen Roman
„Irgendwann hat man so viel Material, dass man denkt: Es geht nicht anders, als ein Buch zu schreiben“: Dieter Lohr mit seinem neuen Roman Foto: Sperb

Regensburg.Florian Seidl: Der Name kann in Regensburg nicht ohne den Zusatz „Nazi-Dichter“ gedacht werden. In den 1990ern zerriss die Stadtgesellschaft der erbitterte Streit über den Autor, der „Das harte Ja“ geschrieben hatte, eine unverhohlene Empfehlung der Zwangssterilisation Behinderter. Die Straße, die Regensburg 1973 nach dem Schriftsteller benannt hatte, war, ausgerechnet, auch die Adresse einer Einrichtung für Behinderte. Über Jahre sträubte sich die Administration unter OB Hans Schaidinger, von der Ehrung des Unehrenhaften zu lassen. Während München den Namen seiner Florian-Seidl-Straße ohne großes Brimborium wechselte, erfolgte in Regensburg die Umbenennung 1998 erst auf Anweisung der Staatsregierung. Johann-Hösl-Straße steht heute auf dem Schild.

Nach einem erbitterten, jahrelangen Streit: Regensburg benannte 1999 die Florian-Seidl- in Johann-Hösl-Straße um, die an einen Geistlichen erinnert. OB Hans Schaidinger und die CSU-Stadtratsfraktion hatten gut zwei Jahre Widerstand geleistet. Rechtsextremisten lobten das Festhalten an dem Straßennamen.
Nach einem erbitterten, jahrelangen Streit: Regensburg benannte 1999 die Florian-Seidl- in Johann-Hösl-Straße um, die an einen Geistlichen erinnert. OB Hans Schaidinger und die CSU-Stadtratsfraktion hatten gut zwei Jahre Widerstand geleistet. Rechtsextremisten lobten das Festhalten an dem Straßennamen. Foto: Stefan_Kiefer/picture-alliance / dpa

Von ganz anderem Schlag war Alfred Seidl. Der Bruder des Blut- und Boden-Dichters widersprach in doppelter Hinsicht dem NS-Ideal vom „erbgesunden Deutschen“. Alfred Seidl malte surrealistische Bilder und schrieb dadaistische Texte – Kunst, die den Nazis als „entartet“ galt. Und er war psychisch krank, litt unter Traumata aus dem 1. Weltkrieg. Mehrfach, ab 1927 dauerhaft, wurde er – Befund: allgemeine Erregbarkeit und Gemeingefährlichkeit – in die Anstalt Karthaus eingeliefert, jene Einrichtung, in der später Hunderte Patienten als „lebensunwertes Leben“ misshandelt, zwangssterilisiert, zur Tötung abtransportiert wurden.

Seidl erfand die „Weltursprache“

Dass Alfred Seidls Leben jetzt aufgeschlüsselt und damit auch eine neue Facette zu Bruder Florian sichtbar wird, ist Dieter Lohr zu danken. Der Chef des Regensburger Lohrbär-Verlags, preisgekrönter Schriftsteller, Hörspiel-Autor und Dozent, hat sich auf Spurensuche begeben, tief in die Quellenlage gekniet und die Geschichte von Alfred Seidl und der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll ausgeleuchtet. Sein Roman zitiert fiktive und authentische Tagebucheinträge und Briefe von Künstlern, Ärzten, Theologen, Politikern und Schriftstellern. Virtuos verwebt er Biografie und NS-Zeitgeschichte mit einem Krimi, der in eine zwielichtige Welt von Kunst und Cash führt:

Geschichte

NS-Helden an der Straßenecke

Bis heute sind Straßen nach Menschen benannt, die von den Nazis geehrt wurden. Ein Regensburger möchte das ändern.

Ein Geschäftsmann, der in Kunst investieren will, sucht sich eine Agentin, hypt mit ihr das Werk von Alfred Seidl, weil dessen Biografie so wunderbar marktgängig scheint, und driftet über dem Hochjazzen des Käuferinteresses in verbotene Geschäfte ab. Ende offen.

„Da wird nicht alles auserzählt, da wird nicht jeder Faden bis zum letzten Stück aufgerollt“, sagt Dieter Lohr. Der Leser darf Vermutungen anstellen. Und während der Investor und die Agentin der 2020er immer kühner und krimineller vorgehen, ziehen am Horizont der 1920er immer dunklere Wolken auf und das Blöken nach der Vernichtung „unwerten Lebens“ wird lauter.

„Er widersetzte sich jeglichem vernünftigen Gespräch, indem er sich lediglich einer von ihm selbst entwickelten Welturpsrache befleißigte.“

Oberarzt Adolf Vierzigmann 1921 in einem Brief an Hans Prinzhorn

Wer war dieser Alfred Seidl? „Ich habe ihn mir größtenteils erfunden“, sagt der Autor. Dieter Lohr war ohne Zugang zu Krankenakten von Karthaus, von denen ja auch gar nicht bekannt ist, was sie hergegeben hätten, und auch bei der Sammlung Prinzhorn, einer der raren Quellen, blieb die Datenlage mager. Immerhin: Bei Prinzhorn in Heidelberg, der Spezialsammlung, die Werke aus psychiatrischen Anstalten hütet und zeigt, sind drei Gemälde von Alfred Seidl belegt. Eines von ihnen gibt dem Roman auch seinen Namen: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Im arabischen Kaftan durch die Stadt

Das gesicherte Wissen über Alfred Seidl ist dünn. Im Roman passt es auf drei Seiten. Ein Brief, den Karthaus-Oberarzt Adolf Vierzigmann 1921 an Hans Prinzhorn schrieb, rapportiert die Biografie des Künstlers kurz und knapp: 1892 als Sohn eines Regierungsschulrats in Regensburg geboren, mit drei Geschwistern in gesicherter bürgerlicher Familie aufgewachsen, bis 1912 Gymnasiast, dann Student der Rechtswissenschaften in München, ab 1914 Infantrist. Ein Lungenleiden beendete die Soldatenzeit und dann auch das wieder aufgenommene Studium. Alfred Seidl entwickelte sich autodidaktisch zum Maler und Schriftsteller.

Geschichte

Straßennamen werfen Fragen auf

Straßenschilder stellen Verbindungen zur Vergangenheit her – und auf die lohnt sich in Regensburg ein Blick durchaus.

Als der Künstler durch immer extravagantere Kleidung auffällt, sich im arabischen Kaftan oder in Büßerhemd und Sandalen zeigt, und im Sommer 1921 schließlich öffentlich ausflippt, wird er in Karthaus eingewiesen. Er hatte in der Stadt Passanten beschimpft und bedroht, sich „jeglichem vernünftigen Gespräch“ widersetzt und darauf bestanden, in einer von ihm selbst entwickelten „Weltursprache“ zu kommunizieren. In Karthaus ist er freundlich, „spielt gern den feinen Herrn“ und korrespondiert viel, mit Briefpartnern in Berlin, Zürich und Paris. 1941 wurde Alfred Seidl aus der Anstalt geholt, ob von seinem Bruder oder jemandem aus der Familie, ist nicht klar.

„Die Sichel“ publizierte Arbeiten von Alfred Seidl

Sehr überzeugt von sich, ein Mensch voller Kreativität: So zeichnet Dieter Lohr seinen Protagonisten. „Im Roman entwickelt er größenwahnsinnige Fantasien und denkt, er müsste die Welt retten“, erzählt der 55-Jährige. Er stützt sich zum Beispiel auf Leonhard Stark, eine historische Figur, die zum Kreis der sogenannten Inflationsheiligen zählte, aus Niederbayern stammte und zwei Jahre in Stadtamhof lebte. „Alfred Seidl hatte höchstwahrscheinlich Kontakt zu ihm“, ergaben die Recherchen. Um 1922 herum war Leonhard Stark ebenfalls Patient in Karthaus.

In der Heilanstalt fand Alfred Seidls Talent keine Beachtung. „Es gab dort zwar Dr. Vierzigmann, der Bilder von Patienten sammelte und Künstler auch in seine Wohnung holte, um seine Familie porträtieren zu lassen“, schildert Dieter Lohr. „Aber Alfred Seidl war nicht darunter.“ Die Bilder entsprachen wohl nicht der gängigen Ästhetik. Dafür kamen einige von Seidls Gedichten und Holzschnitten in der „Sichel“ unter, der berühmten Kunst-Zeitschrift des Expressionismus, 1919 bis 1921 von Josef Achmann und Georg Britting herausgegeben. „Seidls Arbeiten passten zwar hinten und vorne nicht zum Profil der Sichel, aber irgendwie schaffte er es, publiziert zu werden.“

Kunstvolle Präsentation im Netz

Der Anstoß, sich mit dem Bruder des Nazi-Dichters zu befassen, kam vor rund zehn Jahren. Dieter Lohr schrieb an einem Text zur Ausstellung über die 1920er Jahre, die der Kunst- und Gewerbeverein unter Klaus Caspers veranstaltete. Der Autor stieß auf eine Fülle von Zeugnissen über Künstler – und darauf, dass der heimattümelnde Nazi-Dichter Florian Seidl einen Bruder hatte, der als Avantgardist und Psychiatrie-Patient einen Gegenpol besetzte. Lohr: „Irgendwann hat man dann so viel Material zusammen, dass man denkt: Es geht nicht anders, als ein Buch zu schreiben.“

Buchpräsentation im Netz

  • Florian Seidl:

    Florian Seidl (1893-1972) stellte sich in seinen Veröffentlichungen ab 1933 ausdrücklich in den Dienst der NS-Ideologie. Im Roman „Das harte Ja“ propagierte der Schriftsteller Zwangssterilisation und den Euthanasie-Gedanken. Nach jahrelangem Streit benannte Regensburg 1999, auf Anweisung der Staatsregierung, die Florian-Seidl- in Johann-Hösl-Straße um.

  • Alfred Seidl:

    Der Künstler (1892-1953) entwickelte sich autodidaktisch. Er schrieb dadaistische Gedichte, malte surrealistische Bilder und korrespondierte viel mit Künstlern in Berlin, Zürich und Paris. Er wurde mehrfach als Psychiatrie-Patient in Karthaus eingewiesen, ab 1927 dauerhaft. 1941 wurde er von der Familie aus der Anstalt geholt.

  • Dieter Lohr

    Der Schriftsteller, Hörspiel-Autor, Dozent und Chef des Lohrbär-Verlags erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Sein erstes Buch, die Reiseerzählung „Der Chinesische Sommer“, erschien 1999, es folgten drei Erzählbände und ein Roman.

  • Der Roman:

    „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert“ von Dieter Lohr erscheint im Balaena-Verlag Landshut: 364 Seiten, 32 Euro. Das Buch kommt am 15. Juni in den Handel, zum Verkaufsstart geht eine 30-minütige Präsentation online, gestaltet mit Eva Sixt, Dirk Arlt und Hubertus Hinse: auf www.dieterlohr.de

  • Flucht nach wenigen traurigen Monaten

Der Roman erscheint am Montag: schön aufgemachte 364 Seiten, inklusive ausführlichem Anhang, der die zahlreichen Bezüge und Zitate verortet. Geplant war die Vorstellung eigentlich im Festsaal der ehemaligen Anstalt Karthaus. Corona warf die Pläne über den Haufen. Digital wenigstens soll die Publikation in besonderem Rahmen vorgestellt werden: in einem 30-minütigen Stück, einer Mischung aus Trailer, Lesung und Buch-Porträt. Eva Sixt, Dirk Arlt und Hubertus Hinse wirkten mit. Der Beitrag ist ab Montag zu sehen auf der Homepage www.dieterlohr.de.

Nachrichten aus Regensburg lesen Sie hier.

Hier geht es zur Kultur.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht