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Justiz

Enkeltrick: Seniorin abgezockt

Ein „Neffe“ bat eine Regensburgerin am Telefon um 54 000 Euro. Sie gab ihr Geld einem Kurier. Der stand nun vor Gericht.
Von Marion von Boeselager

Der Angeklagte (rechts) mit seinem Verteidiger Johannes Büttner. Foto: Boeselager
Der Angeklagte (rechts) mit seinem Verteidiger Johannes Büttner. Foto: Boeselager

Regensburg.Eine 74-jährige Regensburgerin wurde im November vor dreieinhalb Jahren das Opfer eines sogenannten Enkeltricks: Ein Mann meldete sich telefonisch bei ihr, gab sich als ihr Neffe aus und fragte die „Tante“, ob sie ihm 54 000 Euro zur Verfügung stellen könne. Er habe die Gelegenheit, sich in Regensburg eine Wohnung zu kaufen. Die gutherzige alte Dame glaubte tatsächlich, mit ihrem jungen Verwandten zu telefonieren, und sagte dem vermeintlichen Neffen zu, ihm 30 000 Euro zu überlassen, so die Staatsanwaltschaft. „Jemand kommt das Geld abholen“, meinte der „Neffe“ noch und forderte die Seniorin auf, zu einem genannten Zeitpunkt mit den gewünschten Scheinen vor ihrem Haus im Stadtsüden zu stehen.

Tatsächlich erschien pünktlich ein schwarzhaariger Mann, der die Regensburgerin freundlich begrüßte und ihr die Hand reichte. Ihm übergab die alte Dame gutgläubig ein dickes Kuvert mit dem Geld in 200-Euro-Scheinen. Der freundliche Bote stieg in ein Taxi und entschwand.

Betrüger legte Geständnis ab

Es ist dem Zufall zu verdanken, dass der Mann wenig später der Polizei bei Weiden ins Netz ging – dann aber wieder vorübergehend auf freien Fuß kam. Am Montag stand der 35-jährige Pole wegen Betrugs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in Regensburg vor dem Amtsgericht. Er legte über seinen Anwalt Johannes Büttner ein umfassendes Geständnis ab und schilderte seine Tat dann mit eigenen Worten via Dolmetscherin.

Der 35-jährige Familienvater war Ende 2014 krankheitsbedingt ohne Arbeit. Das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Als ihn da ein Bekannter ansprach und um einen recht dubiosen Kurierdienst bat, sagte er ja, ohne groß nachzufragen. Sein Lohn: „3000 bis 4000 Euro“, berichtete der Angeklagte. Dafür sollte er nach Regensburg fahren, sich dort in einem Hotel anmieten und auf weitere telefonische Anweisungen warten.

Tatsächlich erhielt der Angeklagte kurz nach seiner Ankunft an der Donau eine SMS von seinem Auftraggeber mit einer Adresse im Stadtsüden. „Ich kannte mich ja hier nicht aus. Also hab ich mir ein Taxi genommen“, so der 35-Jährige. Von dort aus dirigierte ihn der Hintermann aus Polen zumHaus der 74-Jährigen, die tatsächlich schon davor stand. Nachdem die Frau übers Handy noch kurz mit ihrem vermeintlichen Neffen gesprochen hatte, gab sie dem Boten das Geld.

Der nahm sich erneut ein Taxi, zahlte dem Fahrer 500 Euro und gab als Ziel Berlin an. „Von dort aus sollte ich per Zug nach Polen fahren“, fuhr der Angeklagte fort – zu seinem Auftraggeber. Der ist nach Auskunft von Richterin Dr. Cornelia Blankenhorn „Chef einer professionellen Enkel-Trickbetrüger-Bande“. Er sollte das Geld kassieren.

Bei Festnahme Geld „gefressen“

Doch auf der Autobahn bei Weiden geriet das Regensburger Taxi ins Visier von Schleierfahndern. „Wir überholten das Regensburger Taxi und entschlossen uns zur Kontrolle“, berichtete der Polizeibeamte vor Gericht. Besonders verdächtig: Angesichts der Streife warf der Fahrgast etwas in hohem Bogen aus dem Fenster. Die Beamten entdeckten das viele Geld in der Unterhose und einer weiteren Tasche des Passagiers und tippten auf Geldwäsche. Sie erklärten dem Angeklagten die vorläufige Festnahme. Doch der wehrte sich, schlug um sich und flüchtete. Als die Beamten ihn einholten, versuchte er noch Beweismittel zu vernichten: „Er hat zwei 500-Euro-Scheine gefressen“, so der Zeuge. In der Nähe fanden die Fahnder auch das Wurfgeschoss: das zertrümmerte Handy des Angeklagten.

Der Verdächtige wurde jedoch nach kurzer Bestandsaufnahme in Weiden wieder auf freien Fuß gesetzt. „Es lag ja keine größere Straftat vor.“ Erst Tags darauf erfuhren die Beamten, „dass in Regensburg ein Enkeltrick stattgefunden hat – mit genau dem gleichen Betrag.“ Da war der Täter aber schon weg.

„Er hat bewusst die Hilfsbereitschaft alter Menschen ausgenutzt.“

Die Staatsanwältin

Erst jetzt konnte ihm in Regensburg der Prozess gemacht werden: Der Angeklagte war in Polen erneut straffällig geworden. Er wurde unter anderem wegen Kreditbetrugs zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und trat seine Strafe im Dezember 2016 an. Die polnischen Behörden lieferten den Mann aus der Strafhaft heraus an die deutsche Justiz aus.

Die Verteidigung plädierte auf eine sechsmonatige Freiheitsstrafe nur wegen Beihilfe zum Betrug und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte: Der Angeklagte sei nur „der klassische Laufbursche“ gewesen.

Richterin Dr. Blankenhorn folgte jedoch weitgehend den Ausführungen der Staatsanwältin und verurteilte den 35-Jährigen zu einem Jahr und acht Monaten Haft ohne Bewährung wegen Betrugs und Widerstands. Der Angeklagte habe schließlich selbst eingeräumt, dass er angesichts der Gesamtumstände ahnte, eine Straftat zu begehen. Dafür spräche weiter, dass er das Handy aus dem Taxifenster warf und das Geld „an sehr seltsamen Stellen“ versteckte, sowie der hohe Lohn für seinen „doch wesentlichen Tatbeitrag.“ Die Staatsanwältin hatte ein Jahr und elf Monate gefordert und dem Angeklagten vorgeworfen, „bewusst die Hilfsbereitschaft alter Menschen und ihre emotionale Verbundenheit zu Verwandten“ ausgenutzt zu haben. Nach seiner Haftstrafe in Deutschland muss er in Polen seine unterbrochene Gefängnisstrafe weiter absitzen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Enkeltrick

  • Betrug:

    Als Enkeltrick oder Neffentrick wird ein betrügerisches Vorgehen verstanden, bei dem sich Trickbetrüger meist gegenüber älteren oder hilflosen Personen, als deren nahe Verwandte ausgeben, um unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an deren Bargeld oder Wertgegenstände zu gelangen.

  • Vorgehen:

    Die betrügerischen Anrufer nennen den eigenen Namen nicht und wählen die Du-Anrede. Mit einer freundlich intonierten Eingangsfrage „Rate mal, wer hier spricht?“ können sofort potenzielle Beziehungen ausgelotet werden. Sie bitten das potenzielle Opfer um einen Geldbetrag für ihre behauptete Notlage. Die Wahl der Opfer verläuft meist über Telefonbücher.

Die Mittelbayerische Zeitung ist regelmäßig bei Prozessen am Regensburger Land- oder Amtsgericht vor Ort.Hier finden Sie alle Artikel und Berichte über die Gerichtsverhandlungen und die Urteile.

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