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Bahn

Entgleiste Waggons fegen Lkw von Straße

Ein Zug durchbricht in Regensburg einen Prellbock. Die Stahllawine reißt einen Lastwagen mit – samt darin schlafendem Fahrer.
Von Micha Matthes und Martin Kellermeier

Die Waggons wurden auf die Robert-Bosch-Straße geschoben. Foto: Armin Weigel/dpa
Die Waggons wurden auf die Robert-Bosch-Straße geschoben. Foto: Armin Weigel/dpa

Regensburg.Der Zug fegt den Lastwagen von der Robert-Bosch-Straße in eine kleine Wiese direkt neben der A3. Unter ohrenbetäubendem Lärm zermalmen die Waggons aus tonnenschwerem Stahl am Dienstag in den frühen Morgenstunden erst den massiven Prellbock am Ende des Rangiergleises, schießen dann knirschend über mehrere Gabionen hinweg und mähen ein massives Rolltor und die Umzäunung an der Südostseite des Regensburger Ostbahnhofs um. Schließlich kratzen die Radsätze der Stahlriesen über die Robert-Bosch-Straße, wo sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Lastwagen krachen und die Zugmaschine von der Straße schleudern.

Nicht auszudenken, was bei diesen Gewalten und der Nähe zur Autobahn hätte passieren können. Daher grenzt es an ein kleines Wunder: Der Lastwagenfahrer, der gerade in der Kabine geschlafen hatte, kommt nach den Angaben der Bundespolizei weitestgehend unverletzt mit einem Schock davon. „Ich habe im Lkw geschlafen, dann gab es einen lauten Knall und der Lkw drehte sich. Bumm!“, sagt der Fahrer Mirko Jovanovic später. „Ich habe sehr viel Glück gehabt und bin sehr froh, dass ich noch am Leben bin. Da hätte Schlimmeres passieren können.“

Grund unklar, Schaden hoch

Lkw-Fahrer von Zugunfall überrascht

„Kein Personenschaden“, betont der Notfallmanager von der Deutschen Bahn mehrmals, als er am Dienstagvormittag zusammen mit Mitarbeitern der Bundespolizei und der Stadt Regensburg vor Ort letzte Messungen für Gutachten vornimmt. Der Sachschaden ist gewaltig und liegt – nach Angaben der Bundespolizei – im sechsstelligen Bereich. Zu diesem Zeitpunkt ist die Robert-Bosch-Straße bereits wieder freigeräumt. Das Lkw-Wrack wurde aus der Wiese abtransportiert. Dort zeugen nur noch tiefe Spuren in der Erde und breitflächig zerdrücktes Gras von dem Unglück.

Der Lkw-Fahrer, der in dem Führerhaus schlief, wurde von dem Aufprall überrascht:

Der Straßenbelag ist zerfurcht und zerkratzt, er wurde laut Bundespolizei „stark in Mitleidenschaft gezogen“. Zwei Waggons, die sich beim Aufprall übereinander geschoben hatten, stehen sauber aufeinandergestapelt am Rand des Geländes des Ostbahnhofs. Daneben und am Straßenrand gegenüber liegen Haufen aus den zerquetschten Stahlteilen. Zum Teil mussten massive Trümmer vor Ort erst noch mit Schneidbrennern zerlegt werden, bevor sie auf die Seite geschafft werden konnten. Der letzte der beiden Autokräne, mit deren Hilfe die Waggons von der Straße gehoben wurden, fährt gegen 10 Uhr wieder ab.

Mehr Bilder von der Unfallstelle sehen Sie hier:

Zugunglück am Regensburger Ostbahnhof

An dem Umschlagbahnhof werden täglich rund 500 Container verladen. Der Lokführer wollte gegen 4.30 Uhr einen sogenannten Rangier-Schubverband aus insgesamt 27 Container-Waggons mit einer Gesamtlänge von etwa 720 Metern auf einem Abstellgleis parken. Elf Waggons davon waren ohne Beladung. Und zwei dieser leeren Waggons wurden über den Prellbock hinausgeschoben und beschädigt. Eine zu hohe Geschwindigkeit bzw. ein zu spätes Bremsen haben wohl zu dem Unglück geführt. Zum jetzigen Zeitpunkt könnten „weder technische Ursachen noch menschliches Versagen oder eine Kombination aus beidem ausgeschlossen werden“, sagt Josef Pongratz, Sprecher bei der Bundespolizei Waldmünchen.

Die Beamten haben Ermittlungen gegen das Bahnpersonal eingeleitet. Die Geschwindigkeit der Lok müsse ausgelesen, technische Details ausgewertet, Personen befragt werden, zählt Pongratz auf. Dies werde einige Tage in Anspruch nehmen. Bei den Rangierarbeiten waren drei Bahnmitarbeiter beteiligt. Alkohol spielte bei der Unfallursache wohl keine Rolle. Eine freiwillige Atemalkoholkontrolle des verantwortlichen Lokführers ergab laut Polizei 0,00 mg/L Atemalkoholkonzentration.

Waggons entgleisten neben A3

Die Waggons beschädigten auch einen geparkten Lkw, in dem der Fahrer schlief. Foto: Landespolizei/Bundespolizei
Die Waggons beschädigten auch einen geparkten Lkw, in dem der Fahrer schlief. Foto: Landespolizei/Bundespolizei

Die Robert-Bosch-Straße – und damit auch die Zufahrt zu einem nahegelegenen Unternehmen – musste bis ungefähr 9.30 Uhr für die Bergung gesperrt werden. Der Zugverkehr vom Rangierbahnhof zum Hauptgleis musste im betroffenen Bereich eingestellt werden. Auf den Bahnreiseverkehr hatte der Unfall laut Bundespolizei keine Auswirkungen. Für die Autobahn, die nur 20 bis 30 Meter von der Unfallstelle entfernt verläuft, habe keinerlei Gefahr bestanden, sagt Pongratz.

Am Dienstagvormittag nehmen Mitarbeiter der Bundespolizei und der Stadt Regensburg vor Ort letzte Messungen für Gutachten vor. Foto: mt
Am Dienstagvormittag nehmen Mitarbeiter der Bundespolizei und der Stadt Regensburg vor Ort letzte Messungen für Gutachten vor. Foto: mt

Die Bundespolizei ermittle die Ursache. Ohne dieses Ergebnis könne man sich nicht zu den Sicherheitsvorkehrungen äußern, sagt ein Bahnsprecher am Dienstag und bittet um Verständnis. „Auch zu den Schäden und zur Schadenshöhe können wir derzeit keine Angaben machen, da diese erst noch aufgenommen werden.“

Im Juni 2017 hatte sich ein ähnlicher Zugunfall bei einem Container-Umladeplatz im Auweg ereignet: Zwei Waggons wurden damals von den Schienen geschoben. Der entstandene Sachschaden lag bei mehr als 100 000 Euro.

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