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Schlussstrich

Er brachte sogar dem Papst die MZ

47 Jahre lang war Johann Brunner als Austräger für die Zeitung unterwegs. Jetzt hat er die letzte MZ eingeworfen.
Von Curd Wunderlich, MZ

Zuverlässig bis zuletzt: Am Samstagmorgen hat Johann Brunner seine letzte Mittelbayerische bei den Abonnenten eingeworfen. Foto: Curd Wunderlich
Zuverlässig bis zuletzt: Am Samstagmorgen hat Johann Brunner seine letzte Mittelbayerische bei den Abonnenten eingeworfen. Foto: Curd Wunderlich

Regensburg.Von einem Tag auf den anderen und ohne rechtzeitige Ankündigung abtreten? Das wollte Johann Brunner nicht. 47 Jahre lang sorgte der Austräger der Mittelbayerischen dafür, dass Abonnenten zwischen Arnulfsplatz und Unterer Bachgasse in der Altstadt jeden Morgen pünktlich zum Frühstück ihre Zeitung lesen konnten. Schon vor gut einem Jahr fasste er den Entschluss: Am 30. September 2017 soll Zapfenstreich sein. Und an diesen Plan hat er sich nun auch gehalten. An diesem Samstag hat Brunner in der Früh seine letzten Zeitungen in der Unteren Bachgasse eingeworfen.

Als der heute 76-Jährige 1970 – auch im September – zum ersten Mal eine Mittelbayerische austrägt, steht „In the Summertime“ von Mungo Jerry auf Platz Eins der deutschen Charts, das Lied, das bis heute als erfolgreichster Sommerhit überhaupt gilt. Knapp drei Monate zuvor war die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Mexiko Dritter geworden. Rund drei Monate nach Brunners erstem Tag als MZ-Austräger sollte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt am 7. Dezember in Warschau auf die Knie fallen und so um Vergebung bitten für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg.

Es war eine andere Zeit dieses 1970 – auch für Brunner. In seinen ersten Jahren als Austräger musste er noch zweimal am Tag zu seinen Abonnenten: Einmal in aller Herrgottsfrühe, um die Zeitung auszuliefern. Und dann noch einmal untertags. Denn damals musste das Zeitungsgeld noch von jedem Abonnenten an der Wohnungstür eingesammelt werden.

Sicherheitscheck für 30 MZ

47 Jahre lang stand Brunner an sechs Tagen die Woche um halb fünf am Morgen auf, schwang sich auf sein Radl, fuhr von seiner Wohnung beim Alex-Center über die Steinerne Brücke zum Arnulfsplatz, nahm dort seine Zeitungen auf und begann seine Tour. Dass sein Austrägerbezirk genau der war, der er eben war, sollte im September 2006 Brunners großes Glück sein.

Damals besuchte bekanntermaßen Papst Benedikt XVI. Regensburg. Für den gläubigen Katholiken schon an sich eine tolle Sache. Doch der reine Besuch des Heiligen Vaters sollte für den MZ-Austräger noch getoppt werden: Samt Gefolge residierte der deutsche Papst im Priesterseminar am Bismarckplatz, also genau in Brunners Bezirk. Und natürlich wollte der Pontifex darüber informiert sein, wie die Presse über seinen Besuch berichtete – und ließ sich einen großen Packen Mittelbayerischer Zeitungen liefern: „30 Stück waren es“, erinnert sich Brunner genau.

Zum leichteren Transport hatte er die zusammengeschnürt – damit waren aber die Sicherheitskräfte nicht einverstanden. „Die Schnur musste ich aufschneiden und dann haben die in jeder einzelnen Zeitung nachgeschaut, dass nichts drinsteckt“, erzählt Brunner. Mehrere Polizisten begleiteten ihn dann ins Priesterseminar, wo Brunner dem obersten Kirchenvertreter seine Zeitungen vor die Tür legte.

Gute Wünsche

  • Lob

    Harald Roidl, zuständiger Gebietsleiter bei der Pressezustellgesellschaft des Mittelbayerischen Verlags für Brunners Bezirk, lobte den Austräger nach 47 Jahren Dienst: „Er war sehr zuverlässig und fast nie krank.“ Deswegen bedauert Roidl auch Brunners Ausscheiden sehr: „Wir haben versucht, ihn zu überzeugen, noch weiterzumachen.“

  • Zuverlässig

    Brunners Zuverlässigkeit ging soweit, dass er nach einem Radlunfall auf dem Glatteis der Steinernen Brücke am 22. Dezember 2016 noch mit gebrochenem Bein seine Schicht zu Ende arbeitete. Danach radelte er sogar noch nach Hause. „Dann hat mich meine Frau zum Arzt gefahren und da habe ich auch erst den Herrn Roidl informiert.“

  • Rückkehr?

    Für die Zeit nach dem Ausscheiden als Austräger hat Roidl viele Wünsche für Brunner: „Ich hoffe, dass er viel Spaß mit seinem jüngsten Enkel haben wird – der ist ja sein ein und alles. Und vor allem, dass Herr Brunner gesund bleibt, das ist natürlich das Wichtigste.“ Gegen eine Rückkehr des langgedienten Zustellers hätte er aber auch nichts.

Sportteil wird zuerst gelesen

Bei allen Anekdoten, die der 76-Jährige aus seiner jahrzehntelangen Austräger-Zeit erzählen kann, ist die Papst-Geschichte die, die er wohl am häufigsten erzählen muss. „Da bin ich schon stolz drauf“, gibt er zu. „Und das werde ich auch sicher nie vergessen.“

Privat ist für Brunner und seine ein Jahr jüngere Ehefrau Renate der jüngste Enkelsohn Marcel (14) der Dreh- und Angelpunkt. „Der kommt immer mittags zu uns, dann essen wir zusammen, erledigen die Hausaufgaben und sehen ein bisschen fern, bis seine Mutter ihn abholt“, erzählt Brunner und man erkennt ein freudiges Funkeln in seinen Augen. Ab und an gehen Opa und Enkel auch gemeinsam in die Continental Arena zu Jahn-Spielen.

Sport- und vor allem fußballbegeistert ist der 76-Jährige allemal. Früher hat er selbst gekickt, heute verfolgt er die Bundesliga aufmerksam im TV. Und wenn er nach getaner Arbeit gegen sieben Uhr nach Hause zurückkommt und in Ruhe frühstückt, ist es auch der Sportteil, den er in seiner Mittelbayerischen als erstes aufschlägt.

Dass es dem fleißigen und zuverlässigen Austräger im Ruhestand langweilig wird, steht nicht zu befürchten. In der Dompfarrei Niedermünster will er als stellvertretender Mesner weiter aktiv bleiben. Im Vereinsleben engagiert er sich nicht nur als Ehrenmitglied bei den „Bergler Buam“, sondern auch als 1. Vorstand des Kriegervereins Steinweg. Und damit nach dem Ende als Austräger nicht zu viel Ruhe einkehrt, beginnt Brunner nächste Woche mit der Umgestaltung von Essecke und Korridor in seiner Wohnung.

Auf mehr Ruhe freut er sich trotzdem schon: „Mal auszuschlafen und dann tun und lassen zu können, was ich will, das ist schon gut.“ Und wenn es ihm doch mal zu ruhig werde? „Dann rufe ich eben an und lass‘ mir wieder einen Bezirk zum Austragen geben“, meint Brunner lachend.

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