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Streit

Erbschaft lässt eine Familie verzweifeln

Mehrere Oberpfälzer kommen nicht an ihr Erbe. Sie werfen einem Anwalt vor, den Prozess zu blockieren.
Von Marion v. Boeselager, MZ

Ein Testament macht nicht immer Freude. Eine Oberpfälzer Familie hat nur Ärger mit ihrer Erbschaft.
Ein Testament macht nicht immer Freude. Eine Oberpfälzer Familie hat nur Ärger mit ihrer Erbschaft. Foto: dpa

Regensburg.Als die vermögende Besitzerin eines exklusiven Münchner Modesalons starb, wurde für eine bundesweit bis in den Raum Regensburg verzweigte Familie bei aller Trauer auch ein Traum wahr: Eine Erbschaft aus heiterem Himmel! Die kinderlose alte Dame und Fabrikantenwitwe hatte unter anderem rund 900 000 Euro Barvermögen und eine Villa im Süden von München hinterlassen. Doch auf den Glücksmoment folgte bald Ernüchterung und ein jahrelanger Alptraum. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Erben werfen einem mit der Erbsache befassten Münchner Anwalt, der nun auch ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten ist, höchst fragwürdige Methoden vor. Dessen Anwalt nennt indes Streitigkeiten unter den Erben als Grund für die Verzögerungen.

Am 7. April 2011 klingelte bei Peter O. das Telefon. „Sie haben geerbt!“ verhieß der Anrufer aus der Landeshauptstadt. „Ich fiel aus allen Wolken, hab‘ s gar nicht glauben können“, erzählte O. der MZ. Ein Münchner Jurist lud den 64-jährigen Rentner in ein Regensburger Premiumhotel ein. Am gleichen Tag erfuhr auch seine Tante Margarethe L. (89) per Telefon: „Sie erben!“

Der Anrufer drängte die alte Dame: „Sie müssen sofort ins Sorathotel! Es ist gerade ein Herr da. Der braucht Sie sofort zur Unterschrift!“ Zittrig, nervös und fast unter Schock bestellte sich die Seniorin ein Taxi. Im Hotel wurden beide Erben sofort ohne vollkommene Aufklärung zur Unterschrift von Vollmachten gedrängt.

„Alles war Lug und Trug“

„Je eher die Unterschrift vorliegt, desto eher kann das Erbe an Sie ausgezahlt werden“, sei ihnen vermittelt worden, so Peter O. „In vier Wochen haben Sie ihr Geld! 50 000 Euro! hat er gesagt“, weiß die 89-Jährige noch. „Doch alles war Lug und Trug. Er hat uns überrumpelt.“ Nachdem sie wie ihr Neffe die Unterschriften geleistet hatte, packte der smarte Geschäftsmann die fast 90-jährige Frau in seinen großen BMW, fuhr mit ihr unangemeldet zu ihrem Bruder Julius O. (87). Auch der ließ sich übertölpeln und signierte.

Was die Familie da unterschrieben hatte, erfuhr sie erst viel später durch eine Juristin aus Nordbayern, Rechtsanwältin Sybilla Benker: Neben hohen Honorar- und Gebührenvereinbarungen mit dem Münchner Anwalt (Name der Redaktion bekannt) und einer mit ihm kooperierenden Erbenermittlungsfirma waren dies unter anderem weitestreichende Vollmachten unter Befreiung des § 181 BGB.

Letztere Vereinbarung ermöglichte dem Anwalt grundsätzlich verbotene „Insichgeschäfte“: Er könnte somit etwa das Vermögen des Vertretenen an sich selbst verschenken oder sich selbst durch das Geschäft begünstigen, indem er hochwertige Immobilien billigst an sich oder Geschäftspartner verkauft.

Bereits 1997 berichtete „Der Spiegel“ unter dem Titel „Betrogene Erben“ unter Namensnennung der heute noch aktiven Akteure über das Treiben dieser Gruppe von Anwälten, Immobilienmaklern und Erbenermittlern. Laut Spiegel ermittelte damals die Staatsanwaltschaft Leipzig wegen Untreue gegen die Gruppe, die nach der Wende im Osten mit dubiosen Sanierungs- und Wertgutachten Millionen an Immobilien aus Erbfällen in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben soll. Nun scheint die Gruppe ihre Finger auch nach bayerischen Erbfällen auszustrecken.

Für die Oberpfälzer Familie begann ein zermürbendes Warten. Statt des Geldsegens erhielt sie nur zahllose, relativ nichtssagende „Sachstandsberichte“. Ich hab ein paar Mal dort angerufen“, so Margarethe L.. „Aber es wurde sofort aufgelegt.“ Nichts geschah.

„Nach eineinhalb Jahren wurde es uns zu bunt“, berichtete Peter O. „ Wir suchten Kontakt zu den anderen Erben.“ Bei einem Treffen mit den Verwandten 2012 erfuhren sie, dass sechs Erben die Vollmachten und Honorarverträge, da zuvor juristisch beraten, nicht signiert hatten. Danach, so Peter O., habe der Jurist durch intensives Taktieren versucht, auch die übrigen Erben und deren Anwältin zu gewinnen.

Durch Honorare, Gebühren und Spesen, etwa für Reisen der Bevollmächtigten, schmolz das Erbe dahin. Peter O. und seine Familie schickten einen Beschwerdebrief wegen Untätigkeit an den Münchner Anwalt und wechselten ebenfalls zu der Juristin, die nun 15 der Erben betreute.

Kurz darauf erhielt die fast 90-jährige Margarethe L. unangemeldet Besuch. Um 19.45 Uhr stand bei ihr ein Anwalt auf der Matte, versuchte ihr die Kündigung auszureden und ihre neue Anwältin schlecht zu machen. „Ich sagte: Schaun’s, dass Sie rauskommen!“, so die resolute Seniorin. Auch bei ihrem Bruder kam der Besucher nicht zum Ziel.

Inzwischen hatte die Familie nämlich erfahren, dass der Präsident des Oberlandesgerichtes München seit 2003 alle bayerischen Nachlassgerichte in drei internen Schreiben vor dem Münchner Anwalt warnte: Bei dessen Bestellung zum Nachlasspfleger beziehungsweise Betreuer sei es „zu pflichtwidrigem Verhalten gekommen“. Ende 2007 informierte der Präsident erneut, dass trotz anhängiger, einschlägiger Strafverfahren der Jurist erneut straffällig geworden sei. „Um Schäden von Betroffenen und in haftungsrechtlicher Hinsicht vom Freistaat Bayern abzuwenden“, seien die entsprechenden Abteilungen nochmals zu informieren, hieß es in der Mitteilung.

Befremdlich: Trotz der Warnungen erhielt der Münchner Anwalt die Nachlassakten problemlos beim zuständigen Nachlassgericht Aichach ausgehändigt. Der bestellte Nachlasspfleger hatte dem nicht zugestimmt. Gerichtssprecher Dr. Lars Baumann teilte der MZ hierzu mit: „Im Frühjahr 2011 hat sich der Münchner Anwalt an die zuständige Rechtspflegerin gewandt, weil er von dem Nachlassverfahren erfahren hat. Ihm wurden die Daten der Verstorbenen mitgeteilt.“ Anhand dieser sei es ihm gelungen, mit einer potentiellen Miterbin Kontakt aufzunehmen. Diese habe dem Anwalt Vollmacht zur Akteneinsicht erteilt. Zu den Warnungen des OLG-Präsidenten erklärte der Sprecher: „Der Anwalt wurde nicht vom Amtsgericht Aichach beauftragt, sondern von einer Erbin.“

Die Oberpfälzer Erben werfen dem Anwalt gezielte Verzögerungstricks vor, wie etwa eine aus der Luft gegriffene, wenn auch erfolglose Klage. Auch den Verkauf der Villa blockiere er. Indes wurde die Familie bereits zur Zahlung von Erbschaftssteuer aufgefordert. Auch für eventuelle Schäden im Zusammenhang mit der Immobilie könnte sie haften.

Verdacht auf Betrug und Untreue

Viele der Erben sind alt, schwach oder krank. Der langwierige Prozess zehrt an ihren Nerven. Aber ob sie die Ausschüttung ihres Erbteils noch erleben werden, scheint fraglich. Einer der Erben starb bereits. Die Oberpfälzer Familie fühlt sich von den Verantwortlichen in der bayerischen Politik und Justiz im Stich gelassen. Sie selbst wurde aktiv. Peter O.: „ Unsere zahlreichen Beschwerden bei der Rechtsanwaltskammer München führten dazu, dass sowohl berufsrechtliche als auch strafrechtliche Maßnahmen gegen den beteiligten Rechtsanwalt eingeleitet wurden.“ Seine hochbetagte Tante stößt derweil einen langen Seufzer aus: „Hätten wir doch nie von diesem Münchner Anwalt gehört. Dann hätten wir jetzt ein glückliches Leben!“ Die MZ konnte den Münchner Rechtsanwalt, der seine Kanzlei in der Nähe der Wiesn betreibt, nicht persönlich zu den Vorwürfen befragen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihn telefonisch zu erreichen, meldete sich auf die Bitte um Rückruf hin ein anderer Rechtsanwalt aus München, Dr. Michael Teske. Er erklärte, er vertrete seinen Kollegen in dem berufsrechtlichen Verfahren im Zusammenhang mit der Erbsache.

Mit den Verschleppungsvorwürfen konfrontiert, meinte der Anrufer, die Verzögerungen lägen daran, „dass sich die Erben nicht einig werden, wie der Nachlass abgewickelt werden soll.“ Auch ein Todesfall unter den Erben führe zu Verzögerungen, daneben „strittige Honoraransprüche.“ Sein Mandant habe den Eindruck, die Oberpfälzer Erben wollten „Druck auf die von ihm vertretenen Erben ausüben“, sagte er.

Die Oberpfälzer Familie berichtete, sie sei wegen eines Verfahrens gegen den Münchner Anwalt schon „von der Polizei vernommen“ worden. Die Staatsanwaltschaft München I bestätigte der MZ auf Nachfrage, dass sie gegen den Juristen wegen des Verdachts des Betrugs beziehungsweise der Untreue ermittle.

Gesetzliche Erbfolge

  • Die gesetzliche Erbfolge

    greift, wenn der Erblasser kein Testament aufgesetzt und keinen Erbvertrag gemacht hat.

  • Die Verwandten

    erben nach Gesetz entsprechend ihrem Verwandtschaftsgrad. 1. Ordnung: Kinder und Enkel, 2. Ordnung: Eltern und Geschwister, 3. Ordnung: Großeltern, Onkel und Tanten.

  • Solange auch nur ein Verwandter

    der ersten Ordnung zu finden ist, kommen Verwandte der 2. Ordnung nicht als Erben infrage. Entsprechendes gilt für weiter entfernte Verwandte.

  • Lebt ein Kind

    oder ein Elternteil noch, sind deren Nachkommen von der Erbschaft ausgeschlossen.

  • Ist ein an sich Erbberechtigter

    weggefallen, treten seine Kinder an seine Stelle (Eintrittsrecht).

  • Nach gesetzlichem Erbrecht

    des Ehegatten oder Lebenspartners erbt der überlebende Partner neben den Kindern immer ein Viertel des Nachlasses – auch wenn nur ein Kind vorhanden ist.

  • Sind außer ihm nur Verwandte

    der zweiten Ordnung aufzufinden, erbt der überlebende Ehegatte die Hälfte.

  • Meist ist eine Ehe

    eine Zugewinngemeinschaft. Dann erhöht sich der Erbteil des Ehegatten um ein Viertel, so dass er die Hälfte erbt, die nicht Kindern zufällt.

  • (Quelle: www.finanztip.de)

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