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Themenwoche

Erst das Gespräch, dann der Notendruck

Viele Grundschulen verzichten anfangs auf ein Zwischenzeugnis. Doch wenn der Übertritt ansteht, muss Leistung her.
Von Thomas Kreissl, MZ

Pauken für gute Noten: Spätestens in der vierten Klasse der Grundschule führt daran kein Weg mehr vorbei – schließlich soll der Notenschnitt für den Übertritt alle Möglichkeiten offenlassen.
Pauken für gute Noten: Spätestens in der vierten Klasse der Grundschule führt daran kein Weg mehr vorbei – schließlich soll der Notenschnitt für den Übertritt alle Möglichkeiten offenlassen. Foto: dpa

Regensburg.Es ist so eine Sache mit den Noten. Richtig beliebt waren sie noch nie. Zwar zeigt sie jeder gerne her, wenn sie gut ausfallen. Doch sind sie schlecht, ist das Drama vorprogrammiert. Dann können sie fatale Folgen haben, einen Druck aufbauen, an dem Kinder scheitern können. Davor warnen Psychologen, aber auch Pädagogen – und fordern, über Alternativen nachzudenken. Die gibt es bereits – gerade in der Grundschule. Spätestens in der 4. Klasse holt der Notendruck Schüler, Eltern und Lehrer aber wieder ein. Und das massiv.

Heribert Stautner hakt beim Thema Noten sofort ein. Das Thema ist dem Regensburger Schulamtsdirektor zu eng gezogen. Denn es geht nicht nur um Noten, sagt er. „Brauche ich eine Leistungsfeststellung in der Schule?“, muss die Frage lauten, ist der Chef der 79 Grund- und Mittelschulen in Stadt und Landkreis überzeugt. Und er beantwortet diese Frage auch gleich selbst – mit einem eindeutigen Ja. „Schule muss sich über die Qualität der Leistungen Gedanken machen“, erklärt der Schulamtsdirektor. Noten seien dafür aber nur eine Möglichkeit. Allerdings auch eine, an der die staatlichen Schulen nicht vorbeikommen. „Noten sind vom Gesetzgeber vorgeschrieben“, sagt Stautner.

„Welche Note ist das jetzt?“

Und sie gehören offenbar immer noch zur Schule dazu. Denn nicht wenige Grundschüler fordern sie von Lehrern ein, die eigentlich über bereits erworbene oder noch fehlende Kompetenzen mit ihnen sprechen wollen. „Und welche Note ist das jetzt“, wird dann so mancher Pädagoge gefragt – übrigens auch von Eltern, denen es nicht immer leicht fällt, ausformulierte Beurteilungen richtig einzuordnen. Da erscheint die sehr gute alte 1, die gute 2 oder die befriedigende 3, aber auch die ausreichende 4, die mangelhafte 5 und im Extremfall auch die ungenügende 6 viel klarer.

Das sind sie aber nicht. Ganz im Gegenteil. Das sieht auch der Regensburger Schulamtsdirektor so. „Noten sind nur Form der Bewertung für eine gemessene Leistung“, sagt er. Entscheidend sei, wie Lehrer, Schüler und Eltern damit umgehen, wie transparent sie sei. Da hat Stautner sicher Recht. Doch Tatsache ist, dass die Note da steht und zu einem bestimmten Zeitpunkt Schüler mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen miteinander vergleicht. Sie orientiert sich nicht am Lernfortschritt der einzelnen Schüler, sondern am Leistungsstand von allen. Das mag gerecht erscheinen, ist es aber nicht.

Immer mehr Pädagogen kritisieren das, allen voran Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). „Ist es in Ordnung, einem Grundschulkind, das in einem Diktat über 20 Fehler gemacht hat und nun nach viel Übung nur noch zehn Fehler macht, trotzdem eine schlechte Note zu geben. Motivierend ist das nicht“, erklärte sie in einer Pressemitteilung zur Ausgabe der Zwischenzeugnisse.

Denn gerade in der Grundschule ist die Bandbreite enorm. Das hat der Regensburger Schulamtsdirektor zum Auftakt unserer Themenwoche selbst festgestellt:„Kinder jedes nur vorstellbaren Entwicklungs-, Interessens-, Begabungsniveaus, aus unterschiedlichen sozialen Schichten, mit unterschiedlichem sozio-kulturellen und sprachlichen Hintergrund treffen aufeinander“. Daraus folgt, dass alle Kinder entsprechend ihrer Möglichkeiten gefördert werden sollten. Das betont auch Stautner und weist auf die Anstrengungen hin, um diesem Ideal näher zu kommen. „Die Grundschulen haben sich auf einen faszinierenden Weg gemacht“, schwärmt er von einem neuen Instrument, das seit dem Schuljahr 2014/2015 immer mehr Schulen einsetzen.

Sein Name ist sperrig: Es geht um sogenannte Lernentwicklungsgespräche, die vielerorts an die Stelle der Zwischenzeugnisse getreten sind – zumindest in den ersten drei Jahrgangsstufen. In der Stadt Regensburg haben das bereits alle Grundschulen umgesetzt, im Landkreis fehlen nur noch wenige. Das jeweilige Lehrerkollegium entscheidet in Absprache mit dem Elternbeirat, ob solche Gespräche stattfinden sollen.

Dabei setzen sich Schüler und Lehrer außerhalb des Unterrichts zusammen. Gemeinsam sprechen sie über Stärken, Schwächen und Entwicklungspotenziale des Schülers. Wichtig ist, dass sich die Kinder dabei auch selbst einschätzen. Die Eltern sind als Beobachter mit dabei, dürfen sich aber nicht einmischen. Das Gespräch hält die Lehrkraft auf einem Dokumentationsbogen fest, der von den Erziehungsberechtigten und dem Kind unterschrieben wird, und den Zwischenzeugnis ersetzt. Wenn Eltern darauf bestehen, stellt die Schule aber auch das herkömmliche Zwischenzeugnis aus.

Wir haben Schüler gefragt, wie sie sich den Unterricht wünschen:

Unterricht, wie ihn sich Grundschüler wünschen

„Das nimmt viel Dampf raus“

Das ist aber nur selten der Fall. Denn die Lernentwicklungsgespräche kommen an – bei Schülern, Lehrern und Eltern gleichermaßen. „Das nimmt viel Dampf raus aus dem Verhältnis Eltern-Lehrer“, hat beispielsweise Verena Hinrichs beobachtet, die Elternbeiratsvorsitzende an der Regensburger Kreuzschule. Die Eltern sehen, wie sich ihr Kind im Gespräch verhält, wie es sich selbst einschätzt und wo es steht. Das Ergebnis findet Hinrichs aussagekräftiger als ein herkömmliches Zwischenzeugnis und ist damit einer Meinung mit Mirjam Thurn, der Konrektorin der Grundschule St. Wolfgang in Regensburg. „Das sagt viel mehr als jedes Blatt Papier, auf dem in einer Art Amtsdeutsch die Leistung eines Kindes bewertet wird“, betont Thurn. Dass das Gespräch oft mehr Aufwand und Zeit erfordert, nehmen die meisten Lehrer in Kauf, weiß ihr niederbayerischer Kollege und BLLV-Funktionär Heinz Wagner. Denn so könne Schule deutlich mehr dem Kind gerecht werden als mit einer Note.

Der Bruch kommt allerdings im letzten Jahr der Grundschule. Bis dahin sieht Wagner die Grundschule auf einem guten Weg und den Lehrplan gut umgesetzt, der die Kompetenzen, den Leistungsstand und das Tempo der Schüler in den Mittelpunkt stellt. „Doch die 4. Klasse passt nicht mehr mit dem Lehrplan zusammen“, kritisiert Wagner, der im BLLV-Bezirk Niederbayern die Rechtsabteilung leitet. Denn wenn der Übertritt ansteht, müssen Noten her – und zwar jede Menge. In 38 Unterrichtswochen müssen die Schüler insgesamt 22 schriftliche Leistungen allein in den drei Übertrittsfächern Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachkunde liefern. Dazu kommen schriftliche und möglicherweise praktische Noten sowie die anderen Fächer. Der Notendruck ist in diesem letzten Schuljahr vor dem Übertritt enorm. Wagner hat dafür auch eine Erklärung. Sind es doch in erster Linie die Noten, die einen „justiziablen“ Nachweis für die Übertrittsoptionen eines Schülers liefern sollen. Das heißt, sie müssen im Extremfall auch vor Gericht Bestand haben.

Noten sollen auch selektieren

Das bestreitet Heribert Stautner nicht. Seinen Worten zufolge haben Noten natürlich auch die Funktion, zu selektieren und somit klarzumachen, für welchen Weg im dreigliedrigen Schulsystems der Schüler am besten geeignet ist. „Bayern differenziert in verschiedene Bildungsgänge. Das ist von der Politik so gewollt“, erklärt der Schulamtsdirektor, der in diesem Zusammenhang aber auch auf die hohe Durchlässigkeit des Schulsystems verweist. Das werde von den Eltern aber nicht immer so gesehen, bedauert der Schulamtsdirektor. Deshalb sei in der vierten Klasse mehr Druck festzustellen.

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Ein Druck, der nach Ansicht von Heinz Wagner teilweise nicht mehr nachvollziehbare Züge annimmt. „Mittlerweile beginnt das Drama doch schon mit der 3“, kritisiert er. Sie wird seinen Beobachtungen zufolge oft als schlechte Note gesehen. Und was die anrichten können, weiß der Psychologe Dr. Hermann Scheuerer-Englisch von der Erziehungsberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge, der eine Umfrage unter 152 Regensburger Kindern aus der 4. Klasse Grundschule sowie der 5. und 6. Klasse Gymnasium ausgewertet hat. Geht es um schlechte Noten tauchen hier gerade gegenüber den Eltern immer wieder Versagensängste auf. Bis hin zu der Aussage: „Ich bin der schlechteste Mensch der Welt!“

Auch der BLLV-Präsidentin ist der Stellenwert der Noten viel zu hoch. „Wir könnten ganz gut darauf verzichten und Prozesse beschreiben, nicht Ergebnisse“, sagt Simone Fleischmann. „Aber wenn es weiter bei der Verteilung auf drei verschiedene Schulsysteme bleibt, dann wird es auch künftig bei Noten bleiben.“

Immerhin gibt es alternative Möglichkeiten, um individuelle Leistungen zu bekommen. Heinz Wagner verweist auf ein Beispiel aus Schwaben. Hier schreiben Kinder einer Klasse innerhalb eines bestimmten Zeitspanne aber zu unterschiedlichen Zeiten ihre Prüfung zu einem Thema. So kann der Lehrer Rücksicht auf das individuelle Lerntempo, den Wissensstand und die Fähigkeiten der Schüler nehmen. „Einen Versuch wäre das wert“, sagt Wagner.

Eine Woche lang richten wir den Blick auf die ersten Jahre im Bildungssystem. Hier geht es zu unserem Spezial.

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