MyMz
Anzeige

Experten vergeben Zwei für Wahlplakate

Was ist positiv an der Werbung der Regensburger OB-Kandidaten Christian Schlegl und Joachim Wolbergs? Was geht nicht? Marketingleute befragten Bürger.
Von Marion Koller, MZ

Regensburg.In vier Wochen wählen die Regensburger einen neuen Oberbürgermeister. Hunderte von Plakaten der beiden wichtigsten Kandidaten Joachim Wolbergs (SPD) und Christian Schlegl (CSU) säumen die Einfallstraßen der Stadt. Diese massive Wahlwerbung scheint viele Bürger aber eher kalt zu lassen als zu informieren. Denn eine Straßen-Umfrage von 15 Marketing-Studierenden der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) ergab, dass sich 57 der 235 befragten Regensburger überhaupt nicht an die Kandidaten erinnerten. Und zwei Personen gaben sogar an, sie werde den – scheidenden – OB Schaidinger wieder wählen.

Ein Teil der Befragten reagiert völlig desinteressiert

71 Menschen waren die Themen von Christian Schlegls Plakaten entfallen, und 86 kannten die von Joachim Wolbergs nicht. Professor Dr. Edgar Feichtner, der die Studie leitete, kommentiert das mit den Worten: „Das ist schon eine hohe Quote, zumal wir die Leute auf der Straße befragt haben.“ Also in der Nähe der Plakate. Doch als Marktforscher wisse er, dass jeden Tag 3000 Werbeimpulse auf uns einströmen. Nur fünf Prozent bleiben hängen. Der Rest wird ausgefiltert. „Das ganze werbliche Zuballern straft der menschliche Körper mit Missachtung“, erklärt Dr. Feichtner. Zum Vergleich: Von einem Wahlplakat gehen etwa fünf bis zehn Werbeimpulse aus.

Studierende bemängeln, dass sich

die Kandidaten kaum abgrenzen

Die Untersuchung verlief zweigleisig: Neben der Befragung gaben die BWL-Studenten mit ihrem Professor Dr. Edgar Feichtner auch ein eigenes Urteil ab. Die Wahlkampagnen beider Hauptkandidaten benoteten sie mit einer Zwei minus. Sie bemängelten vor allem die Austauschbarkeit der Themen bei Wolbergs und Schlegl. Beide OB-Kandidaten wollen mit dem Versprechen punkten, Wohnungen zu schaffen. Einzelne Motive wirken laut Urteil der Fachleute nicht authentisch. In diesem Zusammenhang nannte der Studierende Johannes Maier, der die Ergebnisse am Mittwoch im MZ-Medienhaus vortrug, das Schlegl-Foto, auf dem eine ältere Dame den CSU-Kandidaten in die Backe kneift (siehe Artikel unten). Ein Dorn im Auge der Fachleute ist auch die fehlende oder unauffällige Response-Möglichkeit auf den Plakaten. Entweder sind die Webseiten klein oder gar nicht vermerkt, auch QR-Codes fehlen. Außerdem hätten die Bewerber zu sehr auf Masse gesetzt.

Befragte Passanten benoten

beide Wahlsprüche mit einer Drei

Für seinen Slogan „Er kniet sich rein“ erhielt Joachim Wolbergs bei der Bürgerbefragung die Gesamtnote Drei, genau wie sein schärfster Konkurrent Christian Schlegl. Dessen Wahlspruch lautet bekanntlich „Der kann’s“.

An Joachim Wolbergs können

sich die meisten erinnern

Die erste Frage an die Regensburger lautete: An welche Kandidaten und ihre Plakate können sie sich erinnern? Hier erreichten die Spitzenleute von CSU und SPD den höchsten Wert. Joachim Wolbergs hatten immerhin 157 im Kopf, an Christian Schlegl erinnerten sich 144. Weit abgeschlagen auf hinteren Plätzen landeten die übrigen Bewerber um den OB-Sessel.

Schlegls Slogan merkten sich

mehr als seine Metrobus-Initiative

Frage zwei drehte sich um die Plakatthemen. Das wichtigste Wahlthema der beiden aussichtsreichsten Kandidaten, die Schaffung von Wohnungen, war bei Schlegl 60 Passanten und bei Wolbergs 41 in Erinnerung geblieben. Bei Schlegl folgt dann gleich der Slogan „Der kann‘s“ (41 Nennungen), noch vor dem Metrobus-Vorschlag (33). Joachim Wolbergs Tanzplakat mit dem Versprechen „Mehr für Jung und Alt“ hatten noch 40 im Gedächtnis, das „Mehr Zukunft“ 27. Das zeigt, dass im Fall des SPD-Kandidaten die emotionalen Fotos haften blieben: das lächelnde Porträt, der Tanz, die Kindergesichter. Bei Schlegl, der mit Bildern bislang sparsam umging, eher der Slogan. Wolbergs Wahlmotto „Er kniet sich rein“ kannten nur neun Befragte.

Manchen Wählern ist der Blick

des SPD-Kandidaten zu verträumt

Je zwei Plakate der Kandidaten mussten die Passanten genau unter die Lupe nehmen. Die häufigsten Nennungen haben die Studierenden zusammengefasst. Beim SPD-Bewerber waren es die Plakate „Wolbergs macht‘s: Mehr Wohnungen“ mit seinem Porträt und „Wolbergs macht‘s: Mehr für Jung und Alt“ mit der Tanzszene. Genau wie die Studentengruppe später urteilte, fanden auch viele Befragten das Porträtplakat sympathisch, freundlich und „gut getroffen“. Allerdings störte manche der verträumte Blick. Den Spruch „Wolbergs macht’s. Mehr Wohnungen“ lehnten etliche Regensburger als aussagelos ab. Die Tanzszene erschien einem Teil der Befragten als „gestelltes Foto“.

Bei der CSU-Werbung mit der Oma fühlen sich Junge ausgegrenzt

Bei Christian Schlegl handelte es sich um das „Der kann’s“-Plakat mit ihm und OB Schaidinger sowie die Wahlwerbung mit der Oma, die ihn in die Wange kneift („Bezahlbare Wohnungen“). Vielen gefielen die guten Fotos, der Dom im CSU-Logo und die Seriosität. Dass beide, Schlegl und Schaidinger, mit dem Daumen auf den anderen zeigen, bezeichnete eine Reihe von Befragten als missverständlich. Überhaupt störte es einige, dass der scheidende OB auf dem Plakat zu sehen ist. Die Wangen kneifende Oma (Hannelore Goppel von der Senioren-Union) auf der zweiten Werbefläche lehnte ein Teil als „zu gestellt“ ab. Auf andere wirkte das Motiv durchaus freundlich und ansprechend. Die härteste Kritik lautete: Jüngere Bürger fühlten sich ausgegrenzt. sie argumentierten, dass vor allem Studierende Wohnungen suchten, nicht wohlhabend wirkende alte Damen.

Knappe Ergebnisse auch bei Auffälligkeit und Verständlichkeit

Wie bei der Gesamtnote und der Sloganbewertung liefern sich die beiden Bewerber auch bei den Bewertungskriterien „ansprechend, auffällig, verständlich“ ein knappes Rennen. Wolbergs‘ Wahlwerbung bescheinigten 35 Prozent der Befragten die drei Eigenschaften, bei Schlegl waren es 34 Prozent. Trennt man die Kriterien, schneidet Schlegl in den Bereichen „auffällig“ und „verständlich“ besser ab, Wolbergs bei „ansprechend“.

Resonanz auf die Plakate spiegelt das Kopf-an-Kopf-Rennen wider

Fazit: Es gibt Unterschiede in der Wahrnehmung der Wahlwerbung, doch diese liegen im Detail. Dass die Plakate der beiden aussichtsreichsten Bewerber bei den Bürgern so knapp abgeschnitten habe, spiegelt das für die OB-Wahl am 16. März erwartete Kopf-an-Kopf-Rennen wider. Beide fahren eine überzeugende Kampagne – mit Schwächen. Auffällig sind zwei Änderungen in den Wahlfeldzügen. Joachim Wolbergs hat offenbar auf den Slogan „Der kann‘s“ seines Konkurrenten Schlegl reagiert: Vor einigen Wochen stellte die SPD die Plakate „Wolbergs macht’s“ auf. Auch Christian Schlegl wird seine Kampagne intensivieren: Mit weiteren Foto-Plakaten ab Montag.

Überzeugende Bilder wecken sicher die Aufmerksamkeit. Doch manche Bürger interessiert die Wahlwerbung gar nicht. Sie haben sich bei Begegnungen ein Bild gemacht und entscheiden nach Kriterien, über die sich Johannes Maier und die übrigen Marketing-Studenten wundern. Persönliche Emotionen spielten eine große Rolle, sagen die jungen Leute. „Der Kandidat hat mir bei der Veranstaltung nicht die Hand geschüttelt, den wähle ich nicht“, hörten die Interviewer zum Beispiel.

Die Marketing-Umfrage mit 235 Passanten aus der gesamten Stadt ist nicht repräsentativ.

Die Wahlplakate der OB-Kandidaten im Vergleich

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht