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Menschen

„Flautissimo“ und der Blockflöten-Boom

Ein kleines Instrument macht Furore in Regensburg: Die Musiklehrerin Susanne Hoffmann dirigiert das größte Laien-Holzblasorchester der Stadt.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Elf Frauen und ein Mann: Susanne Hoffmann bringt mit ihnen den Regensburgern die Flötentöne bei, von Barock bis zur Moderne. Fotos: Hoffmann
  • Vom Sopranino bis zum Subbass (links) reicht die Familie der Blockflöten. Rechts ein Fagott
  • Susanne Hoffmanns Kater Fellino hat es sich auf der Flötentasche eines Musikschülers bequem gemacht.

Regensburg.Der rothaarige Tiger Fellino ist ein musikalischer Kater, vielleicht auch, weil er ein Italiener ist. Bei Flötenklängen kann er so richtig entspannen. Die Steinweger Wohnung liegt unterhalb des Dreifaltigkeitsbergfriedhofs. Wenn die Diplommusiklehrerin Susanne Hoffmann einen Schüler unterrichtet, schleicht sich Fellino auf Samtpfoten ins Musikzimmer und rollt sich gemütlich auf der rosa Couch ein, am liebsten auf der Blockflötentasche des Schülers.

Anders die zweibeinigen Wesen, die Menschen. Wenn manche Zeitgenossen das Wort Blockflöte bloß hören, verziehen sie schmerzverzerrt das Gesicht, als würde da einer zwei Styroporplatten aneinander reiben.

„So was kann man doch von allein“

Woher kommt das? Susanne Hoffmann kennt die Vorurteile, die deswegen so hartnäckig sind, weil sie auf realen Erfahrungen beruhen. Als Grund für ihren schlechten Ruf benennt die Diplommusiklehrerin die Verwendung der Sopranflöte als Notenlernhilfe in den Grundschulen. Die Flöte gilt als Einstiegsinstrument, da sie für die kleinen Hände der Kinder am besten geeignet ist. Darauf rutschen die Kinder die Tonleiter rauf und runter. Viele erinnern sich mit Grauen an Flötengruppen von mehr als 20 Kindern. Wenige bleiben nach der Grundschulzeit bei der Blockflöte. Abgesehen von Einsätzen unterm Weihnachtsbaum war dies dann die einzige Erfahrung mit dem Instrument.

Entsprechend war die Reaktion auf Susanne Hoffmanns Entschluss gewesen, in den 80er Jahren das Instrument Blockflöte an der Musikhochschule Karlsruhe regelrecht zu studieren. „Wie kann man das studieren? So was kann man doch von allein!“, schallte es ihr entgegen.

Seit den 90er Jahren ist Susanne Hoffmann in Regensburg. Sie begann mit Musikunterricht an der Sing- und Musikschule Regensburg und an der Bischof-Manfred-Müller-Schule. Außerdem leitet sie das große Blockflötenensemble und führt Privatschüler bis hin zu Wettbewerben von „Jugend musiziert“. Einer davon ist Andreas Nützel. Der 15-jährige Siemens-Gymnasiast ist Bundespreisträger.

Mit seinen bis zu 16 Mitwirkenden von Sopranino bis Subbass ist das Ensemble „Flautissimo“ in Regensburg einzigartig. Seit dem 26. Februar 1999 heißt das Flötenensemble so, bestätigt Gertrud Heinze. Sie ist eine von Susanne Hoffmanns längsten Mitspielerinnen.

„Flautissimo“-Archivarin Gertrud Heinze fand bis zum 40. Lebensjahr Blockflöten auch nicht schön. Sie kam durch einen Kunstgriff des Hauslehrers ihrer Tochter dazu. Eric Deschamps verpflichtete die Eltern, gemeinsam mit der Tochter das Flötenspiel zu lernen. Ihr Mann Peter weigerte sich freilich. „Ich werde bestimmt kein Peter Pan.“ Aber das Musikinstrument ist für sie die Tür zu einem erfüllten Leben geworden.

Das ist ein Phänomen: Ein Drittel der 44 Schüler und Schülerinnen von Susanne Hoffmann sind älteren Semesters. „Der Mathematikprofessor Hermann Maier hat die Flöte gar erst vor fünf Jahren zur Hand genommen“, berichtet Susanne Hoffmann. Die Blockflöte begleitet ihn jetzt wie ein Freund durch seinen Ruhestand. Ein wertvoller Freund. Der große Turm, der Subbass, kann bis zu 4500 Euro kosten. Und Flötenspieler haben in der Regel nicht nur ein Instrument im Haus.

„Flautissimo“ bei der Mittagsmusik

Gertrud Heinze versichert: „Für alle, die sich der Blockflöte öffnen, ist sie eine Offenbarung. Wenn man einen guten Ton spielen will, dann ist das sehr anspruchsvoll. Man muss richtig atmen, man muss intonieren.“

Susanne Hoffmann ist die Nabe im Rad dieser Blockflöten-Kommunität. Äußerst umtriebig ist die 52-jährige Berufsmusikerin. Sie gibt Unterricht, spielt in verschiedenen Formationen, ist bei Kammermusikabenden des städtischen Orchesters zu hören und geht im Singrün-Orchester ihrem Hobby nach, dem Violinspielen. Ihr Steckenpferd ist eine schöne französische Geige aus dem Jahr 1831 – ein Geschenk ihrer Eltern.

Jedes Jahr macht sie etwas, wovon manche sportliche Männer nur träumen. Sie überquert mit dem Fahrrad die Alpen. „Ich hab beinahe so viele Fahrräder wie Flöten, nämlich fünf.“ Im Winter joggt sie dreimal die Woche von ihrer Wohnung aus über die Winzerer Höhen nach Kager und zurück. „Danach komm ich nach Hause und hab Superpläne für meine Flötenensembles.“

Seit „Flautissimo“ in der Lukaskirche in der Siebenbürgener Straße am Sallerner Berg seine Heimat gefunden hat, hat sich das Flötenensemble für das große Publikum geöffnet. Es begann mit der musikalischen Umrahmung von Gottesdiensten und Pfarrfesten zum Dank für die kostenlose Nutzung der Probenräume. Bei Benefizkonzerten hat „Flautissimo“ für Ärzte ohne Grenzen, das Johannes-Hospiz und Aidswaisen in Afrika viel Geld eingespielt. Das Repertoire reicht vom Mittelalter bis in die Moderne.

Einmal im Jahr bestreitet „Flautissimo“ die Musik am Mittag. Die 16 Flöten hören sich in Niedermünster an, wie eine Orgel. Susanne Hoffmann ist Gründungsmitglied des Trägervereins, der sich im Juni 2012 gebildet hat, nachdem die Kirchengemeinde das Angebot nicht mehr allein auf ihren Schultern tragen wollte.

Der rosarote Panther

Regensburg ist eine Stadt, die wie kaum eine andere musikalisch gesegnet ist. „Es gibt viele, viele kleine Gruppen“, sagt Susanne Hoffmann. Ihr Traum und größter Wunsch ist ein barockes Kammerorchester in Regensburg. Bis es so weit ist, macht Susanne Hoffmann Werbung für die Blockflöte. Am Samstag, 8. Februar, veranstaltet sie in St. Lukas ihren mittlerweile vierten Blockflöten-Workshop. Der Tag findet zwischen 10 und 18 Uhr statt und richtet sich an alle fortgeschrittenen Blockflötenspielerinnen und- spieler. Im großen Kreis werden mehrstimmige Chöre gespielt.

Kater Fellino wird übrigens demnächst einen besonderen Leckerbissen zu hören bekommen. Als nächstes übt seine Herrin Susanne Hoffmann mit „Flautissimo“ den „rosaroten Panther“ ein – achtstimmig.

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