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Aktion

45 Flüchtlinge wollen im Dom ausharren

Die Kirche versorgt die Asylsuchenden im Regensburger Dom und setzt ihnen keine Frist, gewährt aber noch kein Kirchenasyl.
Von Micha Matthes, MZ

  • Unter den Flüchtlingen befinden sich auch mehrere Kinder. Die Familien haben sich am Mittwochmorgen auf Feldbetten in einem Seitenbereich des Doms, den Vorräumen des sogenannten „Domschatz“, niedergelassen. Foto: mt
  • 45 Flüchtlinge haben seit Dienstag den Regensburger Dom besetzt. Bei einer Pressekonferenz stellten sie am Mittwoch um 11 Uhr ihre Ziele vor. Foto: mt

Regensburg.Die 45 abgelehnten Asylbewerber, die seit Dienstag Zuflucht im Regensburger Dom gesucht haben, dürfen dort vorerst bleiben. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, sind derzeit in einem Nebenbereich der Kathedrale, den Vorräumen zum sogenannten „Domschatz“, untergebracht. Vom Malteser Hilfsdienst, der Caritas und einem freiwilligen Helferkreis bekommen sie Essen und Getränke. Für die Nacht hatten die Hilfsdienste am Dienstag Feldbetten aufgebaut. Mit ihrer Aktion demonstrieren die Flüchtlinge für ihr Bleiberecht und gegen die Einstufung einiger Balkan-Staaten als sichere Herkunftsländer. Zudem kritisieren sie die bayerischen „Abschiebelager“ und bitten um Kirchenasyl. Bei einer Pressekonferenz stellten die Flüchtlinge am Mittwoch um 11 Uhr im nördlichen Domhof ihre Ziele vor.

Die „Leute Gottes“ entscheiden

„Wir haben beschlossen, dass wir in die Kirche gehen, zu den Leuten Gottes. Sie sollen über unsere Zukunft entscheiden“, sagte Isen Asanovski von der Initiative „Romano Jekipe Ano Hamburg“, der bei der Pressekonferenz als Sprecher der Flüchtlinge auftrat. Die Initiative setzt sich für die Belange der Roma in Deutschland ein, speziell in Sachen Bleiberecht. Asanovski zufolge stammen die Dombesetzer aus „Abschiebelagern“ in ganz Bayern – vor allem aus Ingolstadt. Einige waren zuletzt aber auch in Regensburg untergebracht. „Die Leute dürfen nicht in Wohnungen gehen, die Kinder nicht in Schulen. Das sind wirklich Lager“, kritisierte Asanovski. „Und die Leute warten dort monatelang nur auf das Flugzeug für die Abschiebung. Das ist kein Asyl, das ist gar nichts, das ist ein Gefängnis.“ Die Kirche habe die Gruppe nun endlich als richtige Menschen respektiert.

Flüchtlinge bleiben vorerst im Dom

Laut Asanovski haben alle 45 Flüchtlinge einen Abschiebebescheid erhalten und harren derzeit dem Tag, an dem sie Deutschland verlassen müssen. Sie seien zum Teil von schwerer Krankheit betroffen und kämen unter anderem aus Ländern wie Albanien, dem Kosovo, Serbien und Mazedonien. „Wir sind gekommen, um Hilfe zu erhalten“, sagte Asanovski. Immer wieder betonte er, dass es den Demonstranten vor allem auch um eine bessere Zukunft für ihre Kinder gehe. „Wir suchen einfach Schutz“, sagte die 24-jährige Albona aus dem Kosovo. „Wir bleiben hier eine Woche, zwei, zehn Monate, egal – wir haben keine andere Chance.“

Sichere Herkunftsländer

  • Migranten haben in Deutschland

    kein Recht auf Asyl, wenn sie aus einem sogenannten sicheren Herkunftsstaat kommen. Nach Artikel 16a des Grundgesetzes sind das Länder, bei denen „gewährleistet erscheint, dass dort weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet“.

  • In Deutschland

    gelten als sichere Herkunftsländer derzeit neben den EU-Mitgliedsstaaten auch Albanien, Bosnien und Herzegowina, Ghana, das Kosovo, Mazedonien, Montenegro, der Senegal und Serbien. Die nordafrikanischen Länder Marokko, Algerien und Tunesien sollen nach dem Willen der Bundesregierung nun hinzukommen. (dpa)

Vonseiten der Kirche gibt es keine Frist für die Asylsuchenden. Ein polizeiliches Eingreifen hat das Bistum abgelehnt. „Wir können keine Angaben dazu treffen, wie lange die Personen im Dom bleiben werden. Sie wollen eine politische Entscheidung herbeiführen, wir als Kirche haben darauf keinen Einfluss und können nur humanitäre Ersthilfe gewähren“, sagte Bistumssprecher Jakob Schötz am Mittwochnachmittag. Das Bistum werde weiterhin die humanitäre Versorgung der Menschen gewährleisten. Dazu gehören unter anderem Schlafmöglichkeiten, Verpflegung, medizinische Versorgung und sanitäre Anlagen. Die Caritas werde auch Asylsozialberater bereitstellen, um den Kontakt mit den Betroffenen herzustellen und die Einzelfälle zu sichten.

45 Flüchtlinge haben seit Dienstag den Regensburger Dom besetzt. Bei einer Pressekonferenz stellten sie am Mittwoch um 11 Uhr ihre Ziele vor.
45 Flüchtlinge haben seit Dienstag den Regensburger Dom besetzt. Bei einer Pressekonferenz stellten sie am Mittwoch um 11 Uhr ihre Ziele vor. Foto: dpa

Kirchenasyl sei zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht gewährt worden, betonte Schötz. Trotzdem sei es Bedingung der „geduldeten Präsenz“, dass die Personen in einem kirchlichen Raum untergebracht bleiben. Die liturgischen Feiern und Veranstaltungen im Dom würden durch die geduldete Präsenz dieser Gruppe nicht beeinträchtigt. „Wir entscheiden von Tag zu Tag, wie es weitergeht“, erläuterte Schötz. „Heute haben wir erst einmal die Versorgung für die nächsten Tage gesichert.“

Kreis der Unterstützer wächst

Noch kurz vor der Pressekonferenz äußerte sich eine einzelne Passantin sehr kritisch und teilweise auch politisch inkorrekt zu der Aktion der Flüchtlinge. Es kam zu einer Diskussion zwischen Asanovski und der Frau, die von den zahlreichen, zur Pressekonferenz erschienenen, Medienvertretern und Zuhörern mit Interesse verfolgt wurde. „Es ist eine Schande, dass unser Ministerpräsident nicht in der Lage ist, diesen Dom sofort räumen zu lassen“, sagte die Frau. „Das Bistum ist nicht in der Lage, diese illegalen Leute, die zur Abschiebung bestimmt sind, wegzubringen. Wo kommen wir den hin, wenn wir all diese Leute bei uns haben müssen?“ Asanovski sprach daraufhin die leidvolle Vergangenheit der Roma in Deutschland an und fragte die Frau anschließend: „Haben Sie kein Gefühl für diese Leute?“ Und in die Runde der Zuhörer: „Ist das nicht ein Willkommensland?“ Die Frau verneinte das, wurde von vielen der übrigen Anwesenden aber mit einem deutlichen „Ja“ überstimmt.

45 Flüchtlinge bleiben im Dom

Vor dem Dom wächst unterdessen der Kreis der Unterstützer stetig. Von einem Pavillon aus, der vor der Kathedrale aufgestellt ist, werden spontan Dinge organisiert, die die Asylsuchenden dringend benötigen. Auf einem Plakat steht, was genau gebraucht wird. Nach Angaben der Unterstützer beteiligten sich bereits rund 50 Menschen an der Hilfe.

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